Ronald Traeger (1936–1968)  Twiggy, 1966 © Tessa Traeger
Ronald Traeger (1936–1968) Twiggy, 1966 © Tessa Traeger

1968 - SYMBOL UND SINNBILD FÜR UMBRUCH
Die große Schau „68. Pop und Protest“ ist gleichzeitig nach zehn
Jahren Direktion der Abschied von Sabine Schulze

APO, Mini, Flower-Power: Mit der glänzend inszenierten Ausstellung „68. Pop und Protest“ verabschiedet sich Sabine Schulze nach zehn Jahren als Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe. Im Dezember übergibt sie das Zepter an Tulga Beyerle. Zuvor geht sie aber noch mal so richtig in die Vollen. Diejenigen, die diese Epoche erlebt haben, werden in Jugenderinnerungen schwelgen. Diejenigen, die sie nicht erlebt haben, können eintauchen in eine Zeit, in der Jimi Hendrix-, Che Guevara oder Marx und Engels-Poster in jeder Studentenbude hingen.  


1968 – nicht nur Jahreszahl, vielmehr ein Symbol. Sinnbild für einen Umbruch, der die Gesellschaft veränderte. Für eine ganze Generation an Studenten, die mit langen Haaren und kurzen Röcken gegen verkrustete Gesellschaftsstrukturen auf die Straße gingen. Die gegen atomare Aufrüstung und geplante Notstandsgesetze demonstrierten, gegen Vietnamkrieg und Rassentrennung, gegen rückständige Sexualmoral und Unterdrückung der Frau. Seit Anfang der 60er Jahre brodelte es in allen Universitätsstädten Deutschlands. Die Außerparlamentarische Opposition (APO) formierte sich. Nach dem Tod von Benno Ohnesorg bei der Anti-Schah-Demo in Berlin radikalisierte sich die Bewegung, 1968 dann der Flächenbrand: Europaweit ging die Jugend gegen „das System“ auf die Barrikaden. Aus heutiger Sicht gab es viele Irrwege und Verblendungen vor 50 Jahren, doch „die Diskussionsfreudigkeit und Bereitschaft, Dinge und sich selbst infrage zu stellen“ hält nicht nur die scheidende Direktorin „für sehr wichtig, um mit dem Blick von heute Schlüsse daraus zu ziehen“.


Zur Einstimmung Bilder, die die Welt bewegten in jenem Jahr(zehnt), in einem Loop auf XXL-Screens: Biafra-Babys mit aufgeblähten Hungerbäuchen. Der Leichnam Che Guevaras. Die Hinrichtung eines Vietcongkämpfers. Der ermordete Martin Luther King. Attentat auf Rudi Dutschke. Niederschlagung des Prager Frühlings. Rassenunruhen in Detroit. Dramatische Ereignisse weltweit, die Stimmung war explosiv. Sabine Schulze und ihr sechsköpfiges Kuratoren-Team haben die linke Kulturszene der damaligen Zeit in den Fokus gerückt. Filmemacher, Theaterleute, Komponisten, die den gesellschaftlichen Umsturz unterstützten. Ausschnitte aus Fassbinders „Katzelmacher“ sind zu sehen, aus Alexander Kluges „Abschied von gestern“, aus Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“, aber auch von Peter Fondas Kultfilm „Easy Rider“ und Antonionis Flower-Power-Hommage „Zabriskie Point“. Bei all den bewegten Bildern dieser Medien-Schau besteht die Gefahr, die anderen Exponate zu übersehen, dabei sind sie hochspannend, insbesondere in der „Hamburg-Ecke“: Hans Werner Henzes Partitur „Das Floß der Medusa“ liegt da aus, ein Che Guevara gewidmetes „Fanal gegen Ungerechtigkeit“ (Libretto Ernst Schnabel), das für einen „Konzert-Skandal in Hamburg“ sorgte. Und das berühmte schwarze Tuch mit dem weißen Schriftzug „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“, das der spätere Kultur-Staatsrat Gert Hinnerk Behlmer 1967, damals noch Jurastudent zusammen mit seinem Kommilitonen Detlev Albers, im Hamburger Audimax entrollte.


Der zweite Teil „Pop“ ist ein Heimspiel für das Museum. Bis auf wenige Ausnahmen, wie dem TV-Interview mit Mary Quant 1967 in Hamburg, stammen fast alle Exponate zu Mode, Möbel und Rockmusik aus der hauseigenen Sammlung. Das gilt für die psychedelischen Plattencover und Plakate von Jimi Hendrix, Iron Butterfly, Beatles und Co. ebenso, wie für die spacigen Minikleider von Paco Rabanne, Pierre Cardin und André Courrèges oder für die kurvigen Kunststoffmöbel in revolutionär knalligem Gelb, Rot oder Orange, die teilweise an Raumkapseln erinnern. Auch Verner Pantons orange-rote „Spiegel-Kantine“ von 1969, seit 2011 Bestandteil des Museums, ist in die Schau integriert und erhielt dazu ein (längst überfälliges) digitales Informationspult.


Auch das Kapitel „Pop“ ist gut in Szene gesetzt. Doch kein Vergleich zum mitreißenden „Protest“. Politische Ausstellungen lagen Sabine Schulze schon immer am Herzen. Und hier ist noch einmal ihr ganzes Herzblut eingeflossen.
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Bis 17.3.19, Steintorplatz, Di–So 10–18 Uhr, Do bis 21 Uhr, 12 € (erm. 8 €, bis 17 Jahre frei). Alle Infos auf www.mkg-hamburg.de