Architecture of Density, Hong Kong 2003-2014 © Michae Wolf (2018)
Architecture of Density, Hong Kong 2003-2014 © Michae Wolf (2018)

DIE ABSTRAKTE SCHÖNHEIT DES URBANEN LEBENS
„Life in Cities“ – Fotografien und Installationen von Michael Wolf in seiner bislang größten Werkschau in Deutschland

Kunst oder Dokumentation? Diese Frage erübrigt sich angesichts der fantastischen Fotografien und Installationen von Michael Wolf. Erstmals in Deutschland zeigen die Deichtorhallen seine bislang größte Werkschau „Life in Cities“.

Als erstes fallen die riesigen, mitten im Raum hängenden Bilder in den Blick, die an Patchwork oder Pattern-Art der 80er Jahre erinnern: Grün-rote oder hellblau-ockerfarbene wabenförmige Muster, unterbrochen von horizontalen Linien. Andere Bilder sind vertikal gegliedert, geometrische Kompositionen in Regenbogenfarben. Erst, wenn man unmittelbar davor steht, erkennt man, was diese Fotografien wirklich zeigen: Fassaden von Hochhäusern, jede „Wabe“ ein Erkerfenster.

Hongkong gehört zu den am dichtesten bevölkerten Städten der Welt und Wohnraum ist extrem teuer. Selbst die gutverdienende Mittelschichte lebt hier in gigantischen Wohnblöcken, bei denen 50 bis 60 Stockwerke die Regel sind und die sich lediglich in der Farbgebung ihrer Fassaden unterscheiden. Michael Wolf (64) zeigt nur Ausschnitte dieser Trabantensiedlungen, erzielt dadurch eine gewisse abstrakte Schönheit, aber auch eine Eindringlichkeit, die schon fast bedrohlich wirkt.

Nicht weniger beeindruckend ist die imposante Spielzeugwand „The Real Toy Story (2004-2018), eine Installation aus mehr als 20 000 Plastikteilen „Made in China“ und den Porträts der Arbeiterinnen und Arbeiter, die dieses Spielzeug zu einem Hungerlohn herstellen, was für den Rest der Welt äußerst profitabel ist: 75 Prozent der globalen Spielzeugflut wird in China produziert.

Diese Installation war schon einmal in Hamburg zu sehen, auch die beeindruckenden Fotografien von Michael Wolf. Das war 2006 im Museum der Arbeit, allerdings nahm die Öffentlichkeit damals nur wenig Notiz davon. Heute sieht das schon anders aus. Wer das Haus der Photographie mit einer Soloschau bespielt, ist ganz oben im Foto-Olymp angekommen und wird wahrgenommen. Egal, ob die Fotografien nun Kunst sind oder Journalismus.

Michael Wolf ist Journalist. Bildjournalist. Zumindest war er es jahrelang. Einer, der seine Umwelt mit sozialkritischem Blick und Empathie genau beobachtet, der den Dingen auf den Grund geht und Details mit der Kamera festhält, die einem Normalsterblichen nie auffallen würden. Der gebürtige Münchener, als Sohn eines Berkeley-Professors in Kalifornien aufgewachsen, studierte in den 1970er Jahren an der Essener Folkwangschule bei dem legendären Otto Steinert, einem der wichtigsten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Bereits in seiner Abschlussarbeit, „Bottrop-Ebel“ (1976), eine klassische Dokumentarserie über das Leben der Bergarbeiter-Familien im Ruhrgebiet, zeigt sich Wolfs untrügliches Gespür für die symbolische Bedeutung scheinbarer Belanglosigkeiten: Das Bad in der Zinkwanne, das Tänzchen in der leeren Kneipe, die Trophäen aus dem Taubenzüchter-Verein.

Knapp 20 Jahre arbeitete Wolf als freischaffender Dokumentarfotograf in Deutschland, dann ging er 1994 für den STERN nach Hongkong. Seitdem gilt Wolf als der China-Kenner in seinem Metier. Acht Jahre lang belieferte er das Magazin mit großen Fotoreportagen aus Asien, nebenbei realisierte er eigene Projekte, die mit der Zeit immer wichtiger wurden. Die voyeuristische Serie „Tokyo Compression“ (mit eingepferchten Passagieren in überfüllten U-Bahnen) oder die Installation „Bastard Chairs“ (mit dutzendfach reparierten Stühlen) legen davon beredt Zeugnis ab.

Bis 3. März 2019. Dienstag bis Sonntag: 10–18 Uhr, Donnerstag: 10–21 Uhr, 12 € (erm. 8 €). Alle Infos auf www.mkg-hamburg.de