Andy Warhol: Silver Liz (1963) © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.
Andy Warhol: Silver Liz (1963) © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.

American Way of Life

Ein hochkarätiger und ebenso breit gefächerter Vierklang mit
Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol


Mit „Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol“ präsentiert das Bucerius Kunst Forum einen künstlerisch  herausragenden und ausdruckstarken Vierklang zum „American Way of Life“ Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine Ausstellung zum Verlieben!
Man sollte auf das Ausrufezeichen achten: „Amerika!“ heißt es im Titel. Amerika mit Ausrufezeichen. Das heißt übersetzt: Jetzt erst recht! Und dieses „Jetzt erst recht“ schwang mit in der kurzen emotionalen Rede des ZEIT-Stiftungsvorsitzenden Michael Göring am Ende der Eröffnungspressekonferenz. Er erinnerte daran, was (Nord)Amerika nicht nur für Gerd Bucerius nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete: Weltoffenheit, Toleranz und Demokratie. Und auf künstlerischem Sektor „ein Befreiungsschlag! Einen Wagemut, eine Diversität an Ausdruck, die man nach 1933–1945 in Deutschland nicht mehr für möglich gehalten hätte“. Walt Disney (1901–1966), Norman Rockwell (1894–1978), Jackson Pollock (1912–1956) und Andy Warhol (1928–1987) stehen für das tolerante und weltoffene Amerika und deshalb ist es auch kein Zufall, dass die Ausstellung in eine US-Ära fällt, in der diese Werte mit Füßen getreten werden. „Ich sag’s mal freundlich: Wir in der ZEIT-Stiftung sind enttäuscht über das politische Nordamerika heute“, bekannte Göring, dennoch seien die Beziehungen der Stiftung und der Bucerius Law School zu amerikanischen Partnerorganisationen außerordentlich gut und belastbar. Und gerade vor dem Hintergrund deutscher Geschichte hätten wir „eine Verpflichtung, die Beziehung so stark wie möglich auszubauen.“
Mit der Trilogie „Hudson River School“ (2007), „Gilded Age“ (2008), „Edward Hopper und seine Zeit” (2009), gefolgt von „New York Photography“ (2012) rückte die amerikanische Malerei im Bucerius Kunst Forum schon einmal in den Fokus.
Nun also in den neuen Räumen vier Säulenheilige der amerikanischen Hoch- und Populärkultur, die Kuratorin Kathrin Baumstark, neue Direktorin des Kunst Forums, vor bonbonfarbenen Pastelltönen inszeniert, um das gute alte Lollypop-Cadillac-Hollywood der 50er Jahre heraufzubeschwören.  
Walt Disney bedarf keiner Vorstellung: Aus seinem legendären Studio, dem größten Medien-Imperium der Welt, gibt es am Alten Wall nun eine Vielzahl historischer Reinzeichnungen, Gouachen, Anatomiestudien, Storyboard-Skizzen und Filmstills zu bewundern. Aus Zeichentrick-Klassikern wie „Die drei kleinen Schweinchen“ (1933), „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Fantasia“ (1949), „Bambi“ (1942), „Susi und Strolch“ (1955) und „Dornröschen“ (1959). Interessant zu beobachten ist dabei, wie sich die Ästhetik im Laufe von fast 30 Jahren geändert hat. Ist der Strich der ersten Filme durchweg rund und dem Kindchen-Schema verpflichtet, wird „Dornröschen“ kantig, spitz und eckig gezeichnet, die illusionistische Drohkulisse des zerfallenen Schlosses wirkt dabei so modern wie aus einem Harry-Potter-Film.
 Auch Jackson Pollock, den Marlon Brando der amerikanischen Malerei, muss man nicht mehr vorstellen. Genial, rebellisch, versoffen und von Selbstzweifeln gequält, schuf er mit den „Drip Paintings“, die erste genuin amerikanische Kunstrichtung des „Abstrakten Expressionismus“, die dazu führte, dass New York Paris als Kunsthauptstadt der Welt ablöste. Im Bucerius Kunst Forum sind fünf dieser furiosen, experimentellen Bilder zu sehen, in die man eintauchen und sich verlieren kann, wie in einen Sternenhimmel. Spannend aber sind vor allem die unbekannten figurativen und kubistischen Frühwerke, wie das obszöne Bild „Woman“ (einer riesigen Frau mit weit gespreizten Beinen, umgeben von sechs Figuren), das als Familienporträt und Abrechnung mit der Mutter interpretiert wird.
Was für die ersten beiden gilt, gilt für Wahrhol erst recht. Niemand hat unsere Bildsprache mehr beeinflusst, als diese Pop-Ikone, die einst proklamierte: „Gutes Business ist die beste Kunst“. Das Dollar-Zeichen im XXL-Format unterstreicht das nur und auch seine Hommage an Elizabeth Taylor, die derzeit auf jedem zweiten Bus durch Hamburg fährt. Doch Katrin Baumstark hat es sogar geschafft, auch von Warhol noch kaum Bekanntes nach Hamburg zu holen. Seine „Yarn Paintings“ von 1983 ähneln so frappierend Pollocks Drippings, dass man auf den ersten Blick meint, die Hängung sei durcheinandergeraten.
Bleibt noch der vierte im Bunde, Norman Rockwell. Und der ist im Gegensatz zu den drei anderen hierzulande so gut wie unbekannt. Bislang. Denn dieser Mann, wie Warhol zwischen Kunst und Kommerz angesiedelt, dessen Werk erstmals in Deutschland umfassend gezeigt wird, ist ein hinreißender fotorealistischer Maler und Illustrator. Mit seinen 322 Titelbildern, die er zwischen 1916 und 1960 für die Saturday Evening Post schuf, realistische, süßlich-kitschige und satirisch-humorvolle Schilderungen des Alltags, wurde Rockwell Amerikas‘ Chronist par excellence. Des „guten“ Amerikas wohlgemerkt. Und das zu studieren, ist das pure Vergnügen! „Ich male mir das Leben, so wie ich es mir wünsche“, sagte er einmal. Und wir sehen jetzt in Hamburg das Amerika, das wir uns wünschen!

Bis 12. Januar 2020, Alter Wall 12. Alle Infos unter www.buceriuskunstforum.de