Intendant Axel Schneider © Bo Lahola
Intendant Axel Schneider © Bo Lahola

Axel Schneider über Theater im Lockdown

Axel Schneider ist Intendant des Altonaer Theaters, der Hamburger Kammerspiele, des Harburger Theaters und des Theaters Haus im Park

 

Herr Schneider, wie haben Sie als Intendant das Jahr der Corona-Pandemie erlebt und bewältigt?
Axel Scheider: Die Stimmung und die Situation haben sich innerhalb dieses Jahres sehr verändert.
Um mit der Situation umzugehen, haben wir alle sehr viel gelernt, wenn auch manchmal ungern,
aber gezwungenermaßen. Ich finde, dass die Schauspieler und auch die Regieteams unglaublich professionell und diszipliniert mit der Situation umgehen. Natürlich gab es eine Phase des Frusts, dass man nicht vor Publikum spielen darf.
Aber dann gab es auch wieder eine Phase der Dankbarkeit, dass man wenigstens proben und seinen Beruf ausüben darf. Die Schauspieler
haben bis zur Generalprobe der Stücke, die während des Lockdowns geprobt wurden, wirklich das Beste gegeben, so dass man mit gutem Gewissen in eine echte Premiere hätte gehen können. Diese hohe Arbeitsmoral kann ich auch für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen
in der Verwaltung bestätigen. Wir haben dort, glaube ich, noch nie so viel zu tun gehabt wie im letzten Jahr. Das ist die Kehrseite von diesem
ewigen Verschieben, neu Ansetzen, Absagen, neue Verträge abschließen, neue Termine finden. Ich glaube, ich habe die Spielpläne dreimal
neu erstellt, was ich sonst einmal für eine ganze Saison mache. Es sind unglaublich viele verschiedene Herausforderungen entstanden.
Und die haben wir, glaube ich, gut bewältigt.

 

Sind Sie selbst als Regisseur in dieser Zeit tätig gewesen?
„Die Deutschlehrerin“ an den Kammerspielen war meine Produktion. Sie sollte im November das Krimifestival auf Kampnagel eröffnen. Doch
das wurde dann wegen Corona abgesagt. Und außerdem habe ich die „Kempowski“-Trilogie auf Abstandsregeln uminszeniert. Das war wirklich
viel Arbeit. Aktuell probe ich ein Einpersonenstück im Cafe Oelsner: „Kind aller Länder“ nach dem Buch von Irmgard Keun, eine Uraufführung.


Wie haben Sie das Problem mit den Abstandsregeln bei „Kempowski“ gelöst?
Ich habe alles mit Video-Aufnahmen vorbereitet. Wo sind Momente, die wir so nicht mehr machen dürfen? Das waren allein in den ersten beiden
„Kempowski“-Stücken 120 Momente. Ein Mann bietet einer Frau den Arm, man hält Händchen, es gab auch Kampfszenen oder Tangotanzen,
dafür gab es relativ einfache Lösungen. Aber wenn man heiratet und darf sich nicht küssen – das ist dann schon ein bisschen blöd.
Aber am Ende war ich überrascht, dass es doch erstaunlich gut ging. Das ist wieder ein Riesenkompliment an das Ensemble, das auch eigene Ideen einbrachte. Es gab sogar einige Momente, bei denen man dachte, das ist sogar pfiffiger, witziger als vorher.


Von Ihren Theatern gab es keine Streaming-Angebote...
Meiner Meinung nach geht dabei im Vergleich zu Live-Aufführungen zu viel verloren. Der technische Aufwand wäre auch zu groß, da man bei
den immer wieder neuen Lockdowns nie genau weiß, wie lange es dauert, also die Frage: Technik kaufen oder leihen...


Wie wichtig ist Ihnen das Live-Erlebnis im Theater?
Die Atmosphäre ist nicht ersetzbar. Dieses Geben und Nehmen zwischen Bühne und Zuschauerraum wird oft unterschätzt. Das gibt es nicht nur bei Komödien, bei denen man die Lacher als Ansporn hat, sondern auch bei ernsten Stücken. Auch da entsteht eine Spannung im Raum, die der Schauspieler auf der Bühne genauso spürt.


Was bedauern Sie besonders in dieser Zeit?
Was mich wahnsinnig schmerzt ist, angefangen bei den eigenen Kindern, wieviel Lebenszeit den Jugendlichen im Moment genommen wird.
Die Zeit, in der sie sich ausleben und ihre Erfahrungen machen können - wie sehr die beschnitten ist. Unsere Tochter ist im Abi-Jahrgang und
sie will ein soziales Jahr in Ghana machen, unser 15-jähriger Sohn möchte als Austauschschüler nach Kanada. Dass solche einschneidenden
Erlebnisse im Leben eines jungen Menschen eventuell nicht realisiert werden können, das macht mich traurig. Aber darüber darf man nicht
vergessen, dass das ja nichts ist in Relation zu der Angst und der Sorge von Menschen, die in Intensivstationen mit dem Tod ringen, von Verwandten, die ihre Angehörigen nicht besuchen können.

 

Es gibt inzwischen viel Kritik an dem Umgang der Regierung mit der Pandemie.
Ich glaube, dass wir – inklusive der Politiker – eine extreme Herausforderung erleben. Da kann man nicht erwarten, dass wir alle alles richtig machen. Aber angefangen bei der Hamburger Kulturpolitik bis zur Bundespolitik könnte man niemandem unterstellen, dass er sich nicht Mühe
gibt, im Interesse der Bevölkerung mit dieser Situation bestmöglich umzugehen.


Gibt es schon einen neuen Spielplan für 2021/2022?
Ja, es soll ja keine Resterampe werden. Deshalb gibt es auch die langfristigen Verschiebungen. In Altona sollen vier neue Stücke herauskommen und in den Kammerspielen fünf neue Produktionen. Ich schreibe jetzt gerade wieder ein Stück, das Ende Januar 2022 herauskommen soll.
Vorher planen wir eine lange Sommerpause, damit wir im Herbst ordentlich durchstarten können.


Bleiben Sie Ihrem Konzept „Wir spielen Bücher“ treu?
Ja, und wir fahren gut damit.

 

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