Gasparini: Songbook Ambleto © Biblioth. National de France
Gasparini: Songbook Ambleto © Biblioth. National de France

„Ambleto“ – eine Barockoper in neuem Gewand

Der Komponist Fredrik Schwenk lässt uns hinter die Kulissen blicken und erzählt über seine Arbeit an der Oper „Ambleto“, die im September uraufgeführt wird

 

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen den Auftrag, erhaltene Teile eines verfallenen Barockschlosses zu
sanieren und das historische Denkmal wiederherzustellen. So ähnlich verhält es sich mit der 1706 in Venedig uraufgeführten Oper Ambleto (Hamlet) von Francesco Gasparini, deren Handlung nicht auf Shakespeare, sondern auf der Sage von König Hamlet aus den „Gesta Danorum“ von Saxo
Grammaticus (um 1200) basiert. Partitur, Klavierauszug und Stimmen sind verschollen, nur ein 1712 in London gedrucktes Songbook mit der Ouvertüre, 39 Arien, einem Duett und zwei Chorpartien gibt es noch. Und nur mit den obligaten Stimmen, d.h. Sing- und Bassstimme und wenigen Instrumental-stimmen. Das italienische Textbuch von Apostolo Zeno und Pietro Pariati ist erhalten – es würde für eine vierstündige Oper reichen.

 

Da der Auftrag keine Vorgaben enthielt, musste eine grundsätzliche Entscheidung getroff en werden: Rekonstruktion, oder Neukomposition mit Originaltext. Ich entschied mich für eine Überschreibung des historischen Materials mit gänzlich neuen Handlungsrezitativen. Im ersten Schritt wurde das dreiaktige Textbuch verkürzt, Nebenhandlungen getilgt und einzelne Szenen umgestellt. Aus drei wurden zwei Akte, um die komplizierte
Handlung dramaturgisch besser zu verdeutlichen.

 

Jetzt mussten die sieben Charaktere des Dramas entwickelt werden. Ambleto, seine Geliebte Veremonda, seine Mutter Gerilda und
sein Feind, der durch Brudermord zum Dänenkönig gewordene Fengone, sind jeweils durch eine Arienvielfalt geprägt, die in Ton- und Taktart, schnellen oder langsamen Tempi variiert. Meine Idee war es, alle Facetten zu erhalten, den einzelnen Personen jedoch Arien zuzuordnen, die
es ermöglichen, ihr Tun und ihren Charakter besser zu verstehen. Von den zwölf für Ambleto überlieferten Arien blieben sechs übrig.
Vier der vorhandenen, eine aus einer frühen Kantate des Komponisten und eine weitere, die für eine andere Figur aus der Oper vorgesehen
war, deren musikalische Struktur jedoch besser zum Titelhelden passte. Den beiden wankelmütigen Helden stehen zwei starke Frauen
gegenüber. Hinzu kommen Valdemaro, der Befehlshaber der königlichen Garde und Ildegarde, ein zartes Wesen, das ins Getriebe der
Mächtigen gerät. Und schließlich Siffrido, der ambivalente Vertraute und Doppelspion.

 

Um die schablonenhafte Abfolge Rezitativ/Arie aufzubrechen, entwickelte ich aus den vorhandenen Arien zusätzlich Duette und Chöre. Die
Herausforderung bestand darin, eine weitere Stimme einzufügen, als wäre der Satz für zwei Singstimmen komponiert worden. Alle Instrumentalstimmen wurden im Stile der Zeit gesetzt oder bewusst stilfremd über das Original gestülpt. Gerildas und Siffridos feuriges Temperament etwa entlädt sich in einem Duett, das durch kleine Veränderungen zu einer Salsa mutiert. Wir kennen das aus dem Jazz, wo
Werke von Bach als Vorlage dienten.

 

Ganz neu sind die expressiven Handlungsabschnitte, Barock trifft hier auf neue, auch elektronische Klänge. Die Herausforderung bestand
darin, den großen Spannungsbogen zwischen Original und Fälschung, zwischen Barock und Moderne in einem Guss hinzubekommen.
Verdi sagte einst, Opern müssen schnell komponiert werden, damit der Fluss nicht verloren geht. Mir blieb angesichts der knappen Zeitspanne zwischen Auftragsvergabe und Premiere gar keine Wahl. Verglichen mit Gasparini, der die Oper vermutlich in vier Wochen schrieb, nahm das
Werk dann doch sechs Monate in Anspruch. Dafür ist das 72 Seiten umfassende Songbook zu einer 458-seitigen Partitur geworden.

 

Fredrik Schwenk

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