Ausschnitt Filstill von Shirin Neshat © Shirin Neshat
Ausschnitt Filstill von Shirin Neshat © Shirin Neshat

Das Bild der Welt in Foto- und Videokunst

Neue Räume, neue Leitung und eine außergewöhnlich eindringliche Eröffnungsausstellung zur Standortbestimmung

Für das Bucerius Kunst Forum war es der aufregendste Sommer seit der Eröffnung 2002: Neue Räume, neue Leitung und eine außergewöhnlich eindringliche Eröffnungsausstellung zur Standortbestimmung. „Here We Are Today. Das Bild der Welt in Foto- und Videokunst“ versammelt 80 Fotografien und sieben Video-Arbeiten von 15 zeitgenössischen Künstler*innen unter den Kapiteln Identität, Heimat, Vergangenheit, Verbrechen und Kapital.

Wer sich mit dieser, von Kathrin Baumstark (Nachfolgerin des vor dem Umzug seltsam lautlos verschwundenen Direktors Franz Wilhelm Kaiser) gestalteten Ausstellung befasst, dem wird sie noch lange nachgehen. Beschreiben doch alle beteiligten Künstler*innen (u.a. Samuel Fosso, Pieter Hugo, Herlinde Koelbl und Peter Piller) den Zustand unserer globalisierten Gesellschaft. Traumata, Ausbeutung und Rassismus. Krieg, Exil und Umweltzerstörung. Mal schonungslos ehrlich, mal poetisch, mal humorvoll, mal verstörend.

Schon in der XXL-Drehtür, die in den Ausstellungsraum führt, fällt der Blick auf Shirin Neshats Fotowand „The Home of My Eyes“. Fünf großformatige Porträts in schwarz-weiß, darunter ein kleines Mädchen mit hellen Haaren, ein weißhaariger alter Mann, ein helläugiger junger Mann - alle frontal vor neutralem Hintergrund mit gefalteten Händen aufgenommen. Ihre Gemeinsamkeit? Sie stammen alle aus Aserbaidschan. Aber noch etwas verbindet sie und um das zu erkennen, muss man ganz dicht an die Fotografien herantreten: Ihre Gesichter sind, in winzigen, ganz gleichmäßigen Reihen mit Schönschrift beschrieben. Ein Schriftnetz, gleichsam eine zweite Haut, mit Aussagen der Porträtierten, was Heimat für sie bedeutet, sowie Textpassagen von Nizami von Gandscha, einem bedeutenden persischen Dichter des 12. Jahrhunderts. Heimat und Identität, Flucht, Vertreibung und Exil waren für die in New York lebende Iranerin Neshat schon immer Movens ihrer Kunst. Im neuen Bucerius Kunstforum ist sie nun auch mit ihrem Film „Roja“ präsent, einer hochpoetischen Video-Arbeit, die auf einem Traum, eher einem Albtraum, basiert und von der Sehnsucht nach ihrer Mutter erzählt.

Überhaupt die Videos. Sie bilden gleichsam den Nukleus dieser Ausstellung. Man sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, sie anzuschauen. Neben „Roja“ vor allem Hito Steyerls Video-Lecture „Is the Museum a Battlefield?“ So unspektakulär der Vortrag auf dem Bildschirm hinter Sandsäcken auch wirkt, so fesselnd ist er, sobald man den Kopfhörer aufsetzt. Steyerls dokumentarisch wirkende, aber zum Teil frei assoziierte Abhandlung über die Verstrickung von Krieg, Kapital und Kunst ist erschreckend plausibel. Die Künstlerin spannt in ihrem erstmals 2013 auf der Istanbul Biennale gezeigten Vortrag einen grandiosen Bogen von Sergei Eisensteins berühmtem Propagandafilm „Oktober“ (1928) und der Erstürmung des Winterpalais zu Beginn der russischen Revolution bis hin zum Berliner Hauptquartier des Waffenherstellers Lockheed Martin. Während sich der Bezug zwischen Schlachtfeld Winterpalais (heute Eremitage) und bildender Kunst schnell erschließt, ist der gedankliche Weg von einem PKK-Schlachtfeld im Osten der Türkei in ein westeuropäisches Museum schon etwas weiter. Um es kurz zu machen: Große Waffenproduzenten wie Lockheed Martin (deren Munition im Krieg gegen die PKK eingesetzt wurde) sind häufig auch Sponsoren großer Ausstellungen. Und die Videotechnik hat nicht nur eine neue Kunstsparte hervorgebracht, sondern auch die umfassende Kontrolle und Bewachung der Gesellschaft (siehe China).

Man kann sicher darüber streiten, ob die Ausstellung im alten Bucerius Kunst Forum am Rathausmarkt eine ähnliche Wirkung gehabt hätte und ob ein Umzug der Institution (aus Sicht der Kunst) wirklich notwendig war. Das ehemalige Bankgebäude vis á vis der Alstertreppen an der Kleinen Alster bot nicht nur eine 1A-Lage, sondern auch zwei wunderschöne, hochkonzentrierte Ausstellungsräume, deren Wandlungsfähigkeit immer wieder staunen machte. Und die vor allem – gerade weil alles so kompakt und nah beieinander lag – einen Ausstellungsbesuch in der Mittagspause nahe legten. Die kurzen Wege hatten einen besonderen Charme, den sicher etliche Besucher vermissen werden.

Wenn man nun das große, repräsentative Foyer des neuen Bucerius Kunst Forums am Alten Wall 12 durchquert mag man kaum glauben, dass lediglich eine zusätzliche Ausstellungsfläche von 180 Quadratmetern gewonnen wurde (850 qm zu bisher 670 qm). Auf den ersten Blick erscheint alles riesig, vor allem hoch, insbesondere die imposante, mit edlem amerikanischen Nussbaum belegte Treppe, die den Eingangsbereich dominiert. Toll, diese Treppe, ein Meisterstück des verantwortlichen Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner (gmp), nach deren Entwürfen Art-Invest Real Estate in den vergangenen fünf Jahren einen achtgeschossigen Neubau für „Kunst, Genuss und Shopping“ hinter der 150 Meter langen denkmalgeschützten Kontorhaus-Fassade hochzogen hat. Das Stammpublikum des Bucerius Kunst Forums, erfahrungsgemäß „Best Ager“ der Jahrgänge 50 plus, kann sich bei regelmäßigem Treppensteigen in jedem Fall das Fitness-Center sparen. Weniger Sportbegeisterte befördern zwei Fahrstühle in die oberen Stockwerke. Während der Ausstellungsraum im ersten Stock zweckmäßig unprätentiös wirkt, erschließt sich im zweiten Stock ein wunderschöner Lichthof und ein Auditorium, das knapp 200 Zuhörern Platz bietet. Umso erstaunlicher, dass gmp-Architekten hier oben nur zwei Toiletten installiert haben (eine für Damen, eine für Herren). Drei weitere (für Damen) befinden sich im Untergeschoss, neben den Garderoben. Man kann darüber scherzen, nach dem Motto: Not vereint und nach einer halben Stunde Schlangestehen ergeben sich garantiert nette neue Bekanntschaften. Doch man kann auch Klartext reden. Serviceorientierung: Mangelhaft! 

Bis 29. September, Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg; Alle Infos auf www.buceriuskunstforum.de