Die Schauspielerin Uma Thurman © Peter Lindbergh
Die Schauspielerin Uma Thurman © Peter Lindbergh

Das Plakat / Untold Stories

Zwei ganz unterschiedliche, aber gleichermaßen eindrucksvolle Ausstellungen im
Museum für Kunst und Gewerbe


Abstand halten und Hitze oder Regen entfliehen ꟷ nirgendwo ist das derzeit so gut möglich wie in Hamburgs Museen. Zumal es im Museum für Kunst und Gewerbe derzeit zwei ungewöhnlich beeindruckende Ausstellungen zu entdecken gibt: „Das Plakat. 200 Jahre Kunst und Geschichte“, sowie „Peter Lindbergh: Untold Stories.“

 

Die Kassettenwände des prachtvollen Treppenhauses sind vollständig mit seinen Fotografien tapeziert. All-over Peter Lindbergh, vom ersten Moment an. Er selbst hat es so gewollt. Der Betrachter soll umhüllt sein von seinen Bildern, eintauchen in die Geschichten dahinter. Mal in raumgreifender Foto-Tapeten-Inszenierung, mal in wandfüllender Block-Hängung. Peter Lindbergh (1944ꟷ2019) hat diese Ausstellung selbst kuratiert. Zum ersten Mal. Tragischerweise blieb es seine einzige selbstgestaltete Schau. Die Eröffnung hat dieser große Fotograf und Humanist nicht mehr erlebt.

 

Peter Lindbergh ꟷ untrennbar verbunden mit den Namen Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford. Er war es, der 1989 die damals noch unbekannten jungen Frauen gemeinsam für die „Vogue“ in Szene setzte und die Ära der Supermodels einläutete. In jedem Artikel steht geschrieben, dass Lindberghs klarer, direkter, emphatischer Blick auf die möglichst ungeschminkten Gesichter der Mädchen die Modefotografie revolutionierte. Für den in Polen geborenen und in Duisburg aufgewachsenen Peter Brodbeck, der Anfang der 1970er Jahre seinen Künstlernamen annahm, war das nur möglich, weil er unter dem Begriff „Modefotografie“ etwas völlig anderes verstand, als seine Fotografenkollegen. Für ihn war sie „Bestandteil der Gegenwartskultur“, in deren Zentrum die Menschen standen. Die vielen mehr oder weniger prominenten, mehr oder weniger schönen Menschen, die er in seinem Leben durch das Objektiv betrachtete. So ernsthaft und aufrichtig war dieses Interesse, dass jede seiner Aufnahmen das Gegenüber „in seiner Verletzlichkeit, Zerrissenheit oder auch Ruhe und Gelassenheit erstrahlen lässt“, wie MKG-Chefin Tulga Beyerle schreibt.

 

Peter Lindbergh, davon legt diese Schau eindrucksvoll Zeugnis ab, war ein Humanist und Geschichtenerzähler. Und die vielleicht stärkste seiner bislang nicht erzählten Geschichten ist einem Mann gewidmet, der gleichsam als Antipode zur glitzernden Modewelt gelten kann, dem US-Mörder Elmer Carrol. Zwei Monate vor dessen Hinrichtung im Mai 2013 filmte Peter Lindbergh den Todgeweihten durch einen Einwegspiegel. Eine halbe Stunde lang betrachtet Carrol sein Spiegelbild ohne die kleinste mimische Regung. Schuld und Sühne, Sein und Nichtsein, all das umfasst dieses „Testament“, das in seiner Eindringlichkeit kaum auszuhalten ist.

 

Ein Stockwerk höher dann die Plakate. Ein einziger Rausch, ein Meer von Plakaten. Es ist schon bitter, dass Corona ausgerechnet diese Ausstellung, gleichsam die Quintessenz eines ganzen Kuratorenlebens, im März so unbarmherzig unterbrach. Jürgen Döring, der nach rund 30 Jahren als Leiter der Sammlung Grafik und Plakate in den Ruhestand geht, hat in seiner fulminanten Abschiedsschau (rund 400 Exponate von rund 200 Künstler*innen) sein ganzes Herzblut, sein ganzes Wissen und seine ganze Kraft gesteckt, um eine chronologisch geordnete Tour d’Horizon von den Anfängen der Plakatkunst (um 1830 in London und Paris) bis in die Gegenwart zusammenzustellen. Um den Besuchern (noch einmal) den sagenhaften, in seiner Vielfalt und Qualität einzigartigen Plakatschatz des Hauses vor Augen zu führen. Nun, da das Museum wieder geöffnet ist, sollte man die verbleibenden Wochen nutzen, das Wesen dieser Kunst zu studieren.

 

In ihrer Zeit oftmals als „Reklame“ gering geschätzt, da in hohen Auflagen auf verhältnismäßig billigem Papier gedruckt und öffentlich angeschlagen, haben die riesigen, hochempfindlichen Formate, die hundert, zweihundert Jahre alt sind, absoluten Seltenheitswert. Plakate, das wird meist vergessen, sind die visuellen Indikatoren des Zeitgeistes. „Es gibt keine zweite Kunstgattung“, so Döring, „die bis heute unseren Alltag in einer solche Breite begleitet.“    

 

Aus dieser Fülle exquisiter Blätter aller gesellschaftlichen Sparten  ꟷ Politik, Konsum, Kunst und Kultur  ꟷ einzelne herauszugreifen, wird der Schau nicht gerecht. Die Schwerpunkte jedoch sind eindeutig: Der Jugendstil um 1900 mit ihren Meister-Lithographen Alfons Mucha und Henri de Toulouse-Lautrec, deren Plakate im späten 20. Jahrhundert ganze Generationen von Studentenbuden schmückten. Dann das Art Déco und die Avantgarde der 20er und 30er Jahre, die ihren Höhepunkt im Bauhaus und den starkfarbigen Filmplakaten der Moskauer Künstler-Brüder Sternberg fand. Nicht zu vergessen die Popart in den 1960er und 1970er Jahren mit ihren grellbunten und psychedelischen Motiven. Die Namen der Musiker sind weltweit bekannt, die Namen der begnadeten Grafiker hingegen kennt man kaum außerhalb der Fachkreise. Einer der ganz großen stammt übrigens aus Hamburg: Holger Matthies. Er prägte den Satz: „Plakate sollen wie Klappmesser sein – aufspringen, sezieren und unter die Haut gehen.“

 

„Untold Stories“, bis 1.11.2020, „Das Plakat“ bis 20.9.2020, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg, Di – So
10 – 18 Uhr, Do bis 21 Uhr, www.mkg-hamburg.de.


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