Das Schloss © Viktor Bodó
Das Schloss © Viktor Bodó

Das Schloss

Viktor Bodó inszeniert Franz Kafkas rätselhaftes Romanfragment für die Bühne des Schauspielhauses

 

Wo ist das Schloss? Was ist das Schloss? Viele Wege scheinen dorthin zu führen, doch alle enden im Nirgendwo. Das ganze Dorf wird beherrscht von einer allgegenwärtigen, bedrückenden, unzugänglichen Macht. Die Atmosphäre ist auf rätselhafte Weise bedrohlich. Eben kafkaesk. Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloss“ aus dem Jahr 1922 gibt noch heute Rätsel auf, lädt zu immer neuen Interpretationen ein. Im Schauspielhaus bringt nun der ungarische Regisseur Viktor Bodó seine Version auf die Bühne.

 

Zusammen mit den Dramaturginnen Anna Veress und Sybille Meier erarbeitete er eine neue Fassung, die die Geschichte und die Figuren als Grundlage beibehält. „Aber dieses verworrene und geniale Textmeer des Romans wird bei uns viel dichter, kürzer und mit einer anderen Dynamik funktionieren“, erklärt der Regisseur. „Es werden jedoch auch original Kafka-Texte vorkommen.“ Und es gibt – anders als beim Autor – ein richtiges Ende.

 

Kafka ist der absolute Lieblingsautor von Viktor Bodó. Im Malersaal des Schauspielhauses inszenierte er bereits 2015 mit „Ich, das Ungeziefer“ eine Bearbeitung der Kafka-Erzählung „Die Verwandlung“. „Kafka ist ein Autor, dessen Werke meine szenische Fantasie auf irgendeine Weise beflügeln. Die Situationen, die er beschreibt, sind mehrschichtig und geben viele Möglichkeiten für theatrale Situationen her, und es macht mir Spaß, diese Schichten einzeln freizulegen. “

 

Der absurde Kampf gegen eine unnahbare Macht, die die Umgebung des Schlosses beherrscht, lässt den in Budapest geborenen Regisseur nicht unberührt: „Das schlägt mir auf den Magen, weil mich die Ohnmacht auf ähnliche Weise bedrückt, wenn ich in Ungarn die irrsinnige Zerstörung seitens der dortigen Regierung sehe.“

 

Auf alles, was er liest, schreibt oder für die Bühne adaptiert, lässt er sich immer intensiv ein: „Ich bemühe mich geradezu darum, die Dinge durchweg zu erleben und darin zu versinken. Ich habe meine Laufbahn als Schauspieler begonnen, und obwohl die Regie eine größere Distanz und ein kühleres analytischeres Denken verlangt, bleibe ich irgendwie auch immer ein Schauspieler. All diese ungenutzten spielerischen Energien versuche ich zu mobilisieren, wenn wir  mit den SchauspielerInnen in der Welt von Kafka herumirren.“ Das Labyrinth aus Baugerüsten, das Bühnenbildnerin Zita Schnábel auf die Bühne stellt, dient ihm dabei für Inspirationen und geheimnisvolle Atmosphäre.

 

In Graz hat Viktor Bodó „Das Schloss“ 2006 schon einmal inszeniert. Warum nun noch einmal? „Es war meine allererste Inszenierung auf einer großen Bühne. Da habe ich vieles nicht verwirklichen können. Die Ideen sind in mir steckengeblieben und haben sich über die Jahre weiter verfestigt und sich zu reiferen, auf jeden Fall besser artikulierten Gedanken entwickelt. ‚Das Schloss’ ist eine ganz besondere Geschichte, die mehrstimmig über die Beziehung von Individuum und Gesellschaft erzählt, über die Unmöglichkeit der Anpassung, darüber, wie man sinnlose Gesetze sinnlos und untertänig einhält.“

 

Die Geschichte dreht sich um den Landvermesser K., der im Dunkeln im Dorf ankommt. Vom Schloss keine Spur. Zwei Gehilfen erwarten ihn, aber von einem Auftrag will niemand etwas wissen. K. versucht, beim Schlossherren eine Aufenthaltsgenehmigung zu erwirken, doch es gelingt ihm nicht an ihn heranzukommen. Die Verwaltung des Schlosses kontrolliert das ganze Dorf, dessen Bewohner sich untertänig fügen. K. steht dem undurchschaubaren System ohnmächtig gegenüber. Viktor Bodó: „ Es geht um Mythen über die Macht, die der Bürger für sich schafft, und um seine Beziehung zur Macht. Das unerreichbare und unzugängliche Schloss von Kafka lässt so viele verschiedene Deutungen zu, jeder kann sie auch auf seinen eigenen Lebenslauf anwenden. Schließlich wollen alle hoch ins Schloss.“

 

Es wird wohl seine letzte Kafka-Adaption sein. „Ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Inszenierung eine Epoche gut und würdig abschließen möchte“, meint der Regisseur. Seine nächsten Stationen führen ihn nach Stuttgart und in seine Heimatstadt Budapest. Dort inszeniert er ein satirisches Stück über die politische Unterwelt der 20er Jahre, die angeblich den Plan hatte, mit dem 2. Weltkrieg den Ungarn zur Weltherrschaft zu verhelfen. Niederlagen und Scheitern der Ungarn – alles nur listige Täuschung.