Der koschere Himmel © Anatol Kotte
Der koschere Himmel © Anatol Kotte

„Der koschere Himmel“
in den Hamburger Kammerspielen

Ein Gespräch mit dem Regisseur und Schauspieler Franz-Joseph Dieken über seine Rolle, jüdischen Humor, Peter Zadek und Umweltbewusstsein.

 

Es heißt, wenn etwas richtig schwierig wird, dann denkt der Deutsche: „Jetzt wird’s ernst.“ Der Jude denkt: „Jetzt wird’s lustig.“ Das ist die beste Voraussetzung für eine wahre Geschichte, die der Autor
Lothar Schöne zunächst in seinem Roman „Das jüdische Begräbnis“ verarbeitete. 2017 wurde daraus das Theaterstück „Der koschere Himmel“. Eigentlich ein trauriges Thema, das hier aber witzig, anrührend und spannend zugleich daher kommt.

 

Es geht um den letzten Willen von Bernhards Mutter. Sie war Jüdin, ihr Mann Christ. Er hatte ihr im Dritten Reich das Leben gerettet, und nun
möchte sie nach ihrem Glauben neben ihm auf dem städtischen Friedhof beerdigt werden. Doch wie soll das gehen? Der Rabbiner darf nicht auf
einem christlichen Friedhof tätig werden, der Pfarrer darf keine jüdische Bestattung vornehmen. Die Verwandtschaft aus Israel sorgt für zusätzliche
absurde Probleme. Das Fazit des feinsinnigen Autors Lothar Schöne (62): Nach dem Tod sind alle Religionen gleich.
In den Kammerspielen inszeniert Sewan Latchinian die Uraufführung der Komödie. In den Hauptrollen: Markus Majowski, Helen Schneider
und Franz-Joseph Dieken, der als Schauspieler und Regisseur in Hamburg vor allem dem Altonaer Theater und dem Intendanten Axel Schneider
verbunden ist. Wir sprachen mit ihm über seine Rolle, jüdischen Humor, Peter Zadek und Umweltbewusstsein.

 

Sie spielen in dem Stück den Fred, der zum Begräbnis aus Israel angereist ist. Was für ein Charakter ist das?
Franz-Joseph Dieken: Fred ist so etwas wie der Rock’n’ Roller unter den orthodoxen Juden. Die Eltern von Bernhard hatten ihn als Jungen aufgenommen, und so ist er dem KZ knapp entkommen. In Israel hat er so etwas wie ein Zuhause gefunden, nimmt den Glauben durchaus ernst, befolgt das umfassende Regelwerk aber nicht so dogmatisch. Er hat ein großes Herz, und Bernhard, der eher unsicher und zögerlich
ist, findet bei ihm immer Hilfe. Fred ist in dem Stück letztendlich der versöhnliche gute Geist.

 

Was hat Sie gereizt, die Rolle eines Juden zu übernehmen?
Ich bin ohnehin sehr religionsaffin. Am Anfang ging es mir wie jedem Schauspieler: Man liest ein Stück, ich fand die Rolle spannend, mit sehr viel
Humor. Aber es ist selten, dass ich sofort dachte: Das ist meine Rolle. Vielleicht, weil sie auch Seiten von mir selbst anspricht. Der jüdische Humor
ist ein sehr doppelbödiger. Es ist ein lebensweiser, konfrontativer Witz, er fordert heraus. Das mag ich sehr.

 

Was für eine Beziehung haben Sie zur jüdischen Kultur?
Ich befass’ mich viel mit alten Texten, mit Thora-Texten und den überlieferten Texten der Kabbala, die noch älter sind. Schon als Kind fand ich die
Geschichten spannend. Später, als ich schon Schauspieler und Regisseur war, hat mich eine Lehrerin darauf gebracht. Als Schauspieler ist man verpflichtet, sich immer weiter zu bilden und den Radius zu erweitern.


Haben Sie auch eine enge Beziehung zur christlichen Religion?
Das gehörte durchaus zu meiner Kindheit. Ich komme aus einem kleinen Dorf im Rheinland, da war das einfach Teil des Alltags. Der Glaube war Teil der Struktur einer katholischen Familie.

 

Sie haben in Bochum Psychologie studiert. Wie kamen Sie dann zur Schauspielerei?
Es war damals, in den 80er Jahren, dieZeit der Hausbesetzungen. Ich habe in einem besetzten Studentenheim gewohnt. Dort gab es eine Freie Theatergruppe. Ich wollte gern mitmachen. Doch die waren schon zu professionell, das ging da nicht. Aber einer aus der Gruppe hatte Beziehungen zum Westfälischen Landestheater. Dort war in einem Kinderstück ein Schauspieler ausgefallen, und sie suchten händeringend
nach einem Ersatz. Es war ein Bösewicht in den „Vorstadtkrokodilen“. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Aus Spaß hatte mir vorher
eine Freundin ein Abzieh-Tattoo auf die Hand gepatscht. Und da ich dachte, ich müsste in der Rolle möglichst wild aussehen, habe ich es kleben gelassen.
Im Theater hatten sie schon im Vorgespräch das Gefühl, sie kaufen jemanden direkt von der Straße ein, das passte. Und damit hat’s begonnen.
Später wechselte ich zum Erwachsenentheater, und so ging es immer weiter. In Hamburg habe ich mich dann entschlossen, eine richtige Ausbildung zu machen, und habe privat Unterricht genommen.


Inzwischen sind Sie seit Langem in Hamburg zu Hause. Ihren ersten Auftritt hatten Sie hier vor mehr als 30 Jahren im Schauspielhaus. Wie kam es dazu?
Ich hatte einen Freund in Hamburg besucht und habe das Musical „Andi“ im Schauspielhaus gesehen. Das hat mich total begeistert. Damals war Peter Zadek dort Intendant. Als es eine Wiederaufnahme von dem Musical gab, habe ich mich sofort beworben. Ich weiß noch, dass ich in Nürnberg in einer Diskothek war, als per Anruf die Zusage zum Vorsprechen bei Peter Zadek kam. Da hing der Himmel voller Geigen!
Ich hab dann auch bei ihm vorgesprochen, und es war ziemlich lustig. Ich bekam eine Rolle in der Gang von Andi. Das Musical mit der Rockband
„Einstürzende Neubauten“ war richtig, richtig super. Aber die Atmosphäre im Schauspielhaus war eher ein bisschen kühl. Ich kam ja letztlich
vom Land und hab „Tach“ gesagt, und sonst ging gar nichts.


Seit vielen Jahren arbeiten Sie als Schauspieler und Regisseur mit dem Intendanten Axel Schneider zusammen, der auch Leiter der
Burgfestspiele in Jagsthausen war. Was verbindet Sie beide?
Mitte der 90er Jahre hatte ich mich eigentlich schon gegen eine Karriere am Theater entschieden und etwas anderes gemacht. Aber dann kam ein
Anruf, dass am Altonaer Theater jemand gesucht würde. Und dann war es ein so cooles Vorsprechen, es gab gleich eine Kommunikation zwischen
Axel Schneider und mir. Er hat etwas gesagt, und mein Körper, mein Instrument, hat es umgesetzt, während mein Verstand noch überlegt hat. Und
das ist uns bis heute geblieben. Meine erste Rolle hatte ich in dem Stück „Schneller wohnen“, eine Uraufführung, 1996.


Später kam dann auch die Regie dazu.
Ja. Axel Schneider fragte mich, ob ich nicht auch mal eine Inszenierung machen möchte. Meine erste Regie war ein Monolog mit Hannelore Droege. Da hab ich Lunte gerochen.


Zu Ihren vielen verschiedenen Inszenierungen in Altona zählen u.a. die Beatles-Geschichte „Backbeat“ und zuletzt 2019 „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“. In diesem Jahr eröffnet „Hair“ die neue Spielzeit im Altonaer Theater. Das Musical hatten Sie auch schon 2018 bei den Burgfestspielen in Jagsthausen herausgebracht.
Ich habe jetzt eine neue Fassung geschrieben, die thematisch auch die Corona-Zeit mit einbezieht.

 

„Hair“ als Protestbewegung damals und heute. Auch im Sinne des Umweltschutzes und Klimawandels?
Ja, diese Themen liegen mir sehr am Herzen. Zudem lebt unsere Gesellschaft auf Kosten der Tiere, von denen viele täglich ihr Leben dafür lassen
müssen. Diese wundervollen Lebewesen müssen geschützt und nicht umgebracht werden. Daher lebe ich auch vegan.


Haben Sie selbst ein Tier?
Ja. Charly. Das ist ein schöner Mischling aus Dackel, Beagle und Schäferhund.


Auch in Ihrem diesjährigen Projekt im Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen ging es um den Protest junger Leute und die Rettung der Tiere.
Das war „Reset“, ein Endzeitstück. Die Tiere verlassen die Erde, die Kids bleiben zurück und haben ein Statement gesetzt. Ich mache jedes Jahr für die Ruhrfestspiele eine Produktion mit jungen Leuten aus einem Orientierungsjahrgang der Berufsförderung. Für sie schreibe ich ein Stück und inszeniere es. Diesmal war es ja noch voll in der Corona-Zeit. Da konnten wir nur online proben. Erst acht Tage vor der Aufführung gab es Präsenzproben mit den Laien. Und dafür ist es hammermäßig geworden!


Wie haben Sie generell die Corona-Zeit überstanden?
Mich hat es mitten in einem Shakespeare-Projekt erwischt. Das war eine mehrteilige Arbeit im Ruhrgebiet mit 40 Leuten. Und dann kam Corona...
Danach habe ich für einen Lokalsender eine Fernsehserie geschrieben und produziert, von der aber aus aktuellen Gründen nur vier Folgen gesendet wurden. Verschiedene andere bereits angefangene Projekte liefen weiter. Geld gab‘s nicht, aber untätig sein war keine Option. Am Altonaer Theater haben wir Anfang 2021 „Der Richter und sein Henker“ von Dürrenmatt geprobt. Das wurde aber bisher noch nicht aufgeführt.
Die Theater haben ja viel auf Halde produziert.


Welche Pläne haben Sie für die nächste Zukunft?
Ich möchte ein eigenes Unternehmen gründen, in dem ganz „normale“ Leute lernen können, wie sie von den Mechanismen und Übungen des Theaters in ihrer Selbstdarstellung und ihrer Darstellung nach außen profitieren können. Es kann dadurch in Betrieben neue Formen der Zusammenarbeit geben. Es kann Menschen helfen, aus eingefahrenen Lebensstrukturen herauszukommen.

 

Gibt es auch noch einen Wunsch als Schauspieler oder Regisseur?
Ich habe als Dozent an der Hochschule für Musik und Theater Rostock „Die Zauberflöte“ und „Don Giovanni“ inszeniert. Die Regie einer großen Oper an einem großen Haus – das wäre ein Traum!


Interview: Brigitte Ehrich

Verwendung von Cookies

Zur Bereitstellung des Internetangebots verwenden wir Cookies. Bitte legen Sie fest, welche Cookies Sie zulassen möchten.

Diese Cookies sind für das Ausführen der spezifischen Funktionen der Webseite notwendig und können nicht abgewählt werden. Diese Cookies dienen nicht zum Tracking.

Funktionale Cookies dienen dazu, Ihnen externe Inhalte anzuzeigen.

Diese Cookies helfen uns zu verstehen wie unsere Webseite genutzt wird. Dadurch können wir unsere Leistung für Sie verbessern. Zudem werden externe Anwendungen (z.B. Google Maps) mit Ihrem Standort zur einfachen Navigation beliefert.