Briefmarkenauswahl Sozialistische Staaten, Billiger (1967/1991) © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Briefmarkenauswahl Sozialistische Staaten, Billiger (1967/1991) © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

„Der Westen hat die größten Schweine“
Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag des viel zu früh verstorbenen Künstlers KP Brehmer (1938–1997)

So berühmt wie seine Kollegen Sigmar Polke und Gerhard Richter ist er nie geworden. Vielleicht war er nicht ehrgeizig genug, vielleicht war er zu… – ach, müßig darüber zu spekulieren. KP Brehmer (1938–1997) hätte es in jedem Fall verdient, das zeigt die Hamburger Kunsthalle in ihrer großartigen, mehr als 200 Werke umfassenden Retrospektive zum 80. Geburtstag des viel zu früh verstorbenen Künstlers und langjährigen Lehrers der Hamburger Hochschule für bildende Künste: „KP Brehmer – Korrektur der Nationalfarben“.

Der Stoff ist fast komplett goldgelb, ein schmaler Streifen Schwarz säumt den Rand, dazwischen ein verschwindend dünner Strich in Rot: Die Farbverteilung der Deutschlandfahne „gemessen an der Vermögensverteilung“ war genial und 1970 zweifellos eine Provokation. Mit ihr stieg KP Brehmer zum documenta-Künstler auf (die Flagge hing 1972 auf der documenta 5 vor dem Fridericianum) und wurde in Folge als Professor nach Hamburg berufen. Kein Künstler hatte jemals so einfach und plakativ die ungleichen Besitzverhältnisse in der Bundesrepublik vor Augen geführt.

 „Kunst ist immer eine Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse“, davon war der gebürtige Berliner Klaus Peter Brehmer, der sich ab 1967 nur noch KP Brehmer nannte, überzeugt. Auch wenn er mit der KPD nichts am Hut hatte, Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik war der künstlerische Impetus des gelernten Reproduktionstechnikers und studierten Grafikers. Insofern war das Kürzel durchaus eine bewusste Anlehnung an die damals verbotene Partei: KP Brehmer war – wie fast alle Künstler seiner Zeit – politisch links orientiert. Er war jedoch alles andere als ein verbissener Dogmatiker, vielmehr ein außerordentlich toleranter und humorvoller Mann, der als Professor am Lerchenfeld all jene Studierenden anzog, die als Außenseiter galten, weil sie ihren individuellen Weg gehen wollten. Dieser ganz eigene Humor spiegelt sich auch in seinen Werkgruppen, die heute noch von zum Teil erschreckender Aktualität sind.

Anfang der 1960er Jahre stellte KP Brehmer erstmals mit den Protagonisten des „Kapitalistischen Realismus“ in der Berliner Galerie von René Block aus und gehörte fortan (wie auch Wolf Vostell) wie selbstverständlich zum Umfeld der Gruppe. Noch während des Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie hatten Sigmar Polke, Gerhard Richter und Manfred Kuttner, alle drei DDR-Flüchtlinge, mit Konrad Lueg die neue Kunstrichtung gegründet. Als ironische Replik auf den „Sozialistischen Realismus“, aber auch als Statement gegen die etablierte abstrakte Kunst der Nachkriegszeit. Sie formten eine neue gegenständliche, poppig-provokante Bildsprache, die sich kritisch mit politischen Themen auseinandersetzte, die wenig später eine ganze Generation auf die Straße trieb: Rassismus, Sexismus, Imperialismus, Aufrüstung, Vietnamkrieg.

KP Brehmer nahm in dieser Gruppe eine Sonderstellung ein. Zum einen wollte er „die Dinge möglichst objektiv machen“ und versuchte sich selbst dabei „rauszuhalten“, da ihm das traditionelle Bild vom Originale schaffenden Künstlergenius höchst suspekt war. Zum anderen wollte er möglichst viele Menschen mit seiner politischen Kunst erreichen und wusste als Grafiker, wie das geht: Mit Reproduktion und Massenauflage. Die persönliche Zurücknahme aus der Kunst schaffte er mit der Produktion vermeintlich wissenschaftlicher Schautafeln: Von Analysen, Statistiken, Diagrammen und Landkarten, wie man sie aus Geografie- oder Geschichtsbüchern kennt, die an der Wand in Übergröße jedoch die Wahrnehmung heftig irritieren. Da KP Brehmer auf gedruckte Erzeugnisse (später auch auf musikalische Kompositionen) zurückgriff und mit neuer Bedeutung auflud, bezeichnete er sein Verfahren als „Ideologische Kleptomanie“, machte aber gleichzeitig klar, dass er den einzigen Fortschritt der Kunst darin sah, „die ganze Intensität vom Ich auf das Wir zu verlegen.“ In seinen frühen Arbeiten, den Briefmarkenserien und den „Aufstellern“, bzw. Klischeedrucken, bei denen er Pin-up-Girls und andere Zeitungsmotive collagierte, um damit die Ästhetik von Werbeaufstellern zu konterkarieren, löste er seinen Anspruch auch weitgehend ein. Auch die „Farbengeografien“, wie „Investment Climate“ in Südamerika (1971) oder die „Lokalisierung von Rotwerten“, die kommunistische Länder und von Kommunisten beherrschte Gebiete aufzeigen (1972/73), wirken auf den ersten Blick anonymisiert und bar jeder „subjektiven künstlerischen Handschrift“. Doch im Zusammenspiel von Wort und Bild kommt immer wieder sein verschmitzter, subversiver Witz zum Vorschein, der die Autorenschaft letztlich doch unverkennbar macht. Bestes Beispiel die Schautafel zur Schweineproduktion in der EG, den USA und der UDSSR (um 1976) mit dem Titel: „Der Westen hat die größten Schweine“.  

Bis 23. Juni 2019. Alle Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de