© DeutschesSchauSpielHaus
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DIE BEZIEHUNG DER SELBST(ER)FINDUNG
Karin Beier inszeniert den gnadenlosen Schlagabtausch „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ von Edward Albee

Als einer der subtilsten und erbarmungslosesten Ehekriege wurde Edward Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ zu einem Bühnenklassiker des 20. Jahrhunderts. 1962 uraufgeführt, machte das Schauspiel vier Jahre später auch Furore als Film mit Liz Taylor und Richard Burton, wobei als pikanter Effekt noch hinzu kam, dass damals auch die privaten Ehestreitigkeiten der Hollywoodstars Schlagzeilen machten. Spätestens seit Strindbergs „Totentanz“ (1900) ist der häusliche Kleinkrieg ein ergiebiges Thema im Theater. Doch Martha und George bleiben die absoluten Meister des Psychoduells. Im SchauSpielHaus inszeniert Intendantin Karin Beier den gnadenlosen Schlagabtausch.

„Die meisten Regisseure träumen davon oder überlegen, dieses Stück mal zu machen. Weil es toll ist!“, schwärmt SchauSpielHaus-Dramaturg Christian Tschirner. Wobei er in der Interpretation den Schwerpunkt des Stückes etwas anders gewichtet. „Bei ‚Virginia Woolf’ weiß man eigentlich gar nicht, was die Thematik ist,“ sagt er. Als reinen Ehekrach möchte er die Geschichte nicht verstanden wissen. „Bei einem Ehekrach gibt es eine Fassade und dahinter eine böse Wirklichkeit. Hier kann man gar nicht sagen, was Wirklichkeit ist. Denn die Eheleute entwerfen sich permanent selbst.“

Martha und ihr Mann George, ein erfolgloser Geschichtsprofessor, kommen nach einer Feier nach Hause. Beide sind schon reichlich angetrunken. Martha hat noch ein junges Paar eingeladen. Und schon kommt es zum ersten Streit, weil George sich übergangen fühlt. Anschuldigungen, Beleidigungen und Beschimpfungen eskalieren, nachdem die Gäste eingetroffen sind. Der Alkohol fließt in Strömen. Finstere Abgründe, schmutzige Geheimnisse werden offenbar. Am Ende steht die bittere Lebenslüge: Gibt es den Sohn von Martha und George wirklich oder ist er nur eine Fiktion, die die Ehe der beiden zusammengehalten hat?

„Martha und George erfinden ihre Biografie ständig neu. Sie sind Selbstdarsteller, und vielleicht haben sie sogar Vergnügen daran, das vor einem Publikum, nämlich den eingeladenen jungen Leuten, auszuspielen.“ In der Beziehung der Selbst(er)findung sieht der Dramaturg durchaus einen zeitgemäßen Bezug. „Das Stück war seiner Zeit voraus“, meint er. „Wir sind zwar nicht mehr durch Hierarchien zu bestimmten Rollen gezwungen. Aber diese Freiheit übt auch einen gewissen Druck aus, sich selbst zu entwerfen. Das Geheimnis des Stücks liegt im Verhältnis zwischen Druck und Freiheit der Figuren. Wir können nur – genauso wie das junge Paar – staunen und erschrecken über die absolute Offenheit, die keine Tabus kennt.“

Der Titel des Stückes bezieht sich auf des Kinderlied „Wer hat Angst vorm bösen Wolf?“. Edward Albee wollte damit provozieren und spürte den gesellschaftlichen Ängsten in seiner Zeit vor Grenzbereichen nach. Die feministische Schriftstellerin Virginia Woolf, die damals noch nicht sehr bekannt war, steht für die Überschreitung von Grenzen. Albee selbst bekannte sich offen zu seiner Homosexualität. Es gibt sogar eine Geschichte, nach der er zusammen mit einem Freund in einer Bar das Stück selbst durchgespielt haben soll.

„Es ist ein Jahrhundertwerk zum Glanz und Elend der bürgerlichen Ehe“, heißt es in der Beschreibung des Stückes vom SchauSpielHaus, „fulminant in der Wut, rührend in der Traurigkeit, uneinholbar in seiner Unverschämtheit und in seinem Witz.“ In Karin Beiers Inszenierung kann der aus dem Fernsehen bekannte Devid Striesow als George eine weitere Perspektive seiner Vielseitigkeit zeigen. Die Marta wird von Maria Schrader gespielt, die am SchauSpielHaus u.a. auch in Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ zu sehen war. 

Am 23. März feiert inkultur – Hamburger Volksbühne mit „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ sein 100-jähriges Bestehen. Weitere Infos zum festlichen Rahmen folgen in der Märzausgabe.