Die Entdeckung des Himmels

Monumental und leichtfüßig zugleich:
Axel Schneider inszeniert Harry Mulischs existenzielle Betrachtungen

 

Axel Schneider steckte noch mitten in der Arbeit zu seiner vierteiligen Kempowski-Saga, seinem bislang größten Projekt als Autor und Regisseur. Doch als der Rowohlt-Verlag ihm eine neue Buchbearbeitung für das Altonaer Theater vorschlug, konnte er nicht Nein sagen: „Als ich hörte, worum es ging, habe ich sofort zugesagt.“ Es handelte sich um Harry Mulischs Roman „Die Entdeckung des Himmels“ aus dem Jahr 1992. Axel Schneider: „Es gab kein anderes Buch, zu dem ich zu diesem Zeitpunkt Ja gesagt hätte. Aber dies ist für mich ein Jahrhundertroman.“ Schon vor gut zehn Jahren hatte er den Roman „verschlungen“. Jetzt las er ihn unter anderen Gesichtspunkten noch einmal neu. Die Umsetzung auf der Bühne ist wegen der Komplexität und Themenfülle wohl das schwierigste Projekt des Intendanten. Eine große, aber auch reizvolle Herausforderung.

 

Der niederländische Autor Mulisch, der 2010 gestorben ist, erzählt auf seine ganz eigene, ebenso humorvolle wie tiefsinnige Weise von Liebe und Familie, von Glauben und Religion, von Freundschaft und vom Lebensgefühl der Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Astronom Max und der Sprachwissenschaftler Onno sind – ohne es zu wissen – Teil eines göttlichen Plans: Sie sollen dafür sorgen, dass die Tafeln der zehn Gebote in den Himmel zurückkommen, wodurch der Bund zwischen Gott und den Menschen aufgehoben wird. Dabei begegnen die beiden Freunde der Cellistin Ada. Nach einigen Verwicklungen wird sie schwanger. Ihr Sohn Quinten ist ein Kind mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Altonaer Theater – was niemand weiß – zu Höherem bestimmt.

 

Um Mulischs Betrachtungen und wissenschaftliche Erörterungen bühnentauglich zu machen, betont Schneider die menschlichen Aspekte wie das Dreierverhältnis oder die Vater-Sohn-Beziehung. „Zum Schluss wird es spannend wie in einem Antik- oder Mittelalter-Krimi“, verrät der Regisseur. Ein Einbruch im Lateran, dem Sitz der Päpste in Rom,  gehört dazu. Doch wie bringt man den auf die Bühne? „Wir haben fünf Schiebewände, auf denen wir mit Projektionen alter Werke im Rahmen der bildenden Kunst assoziative Einspielungen schaffen können.“

 

Im Buch wird die Handlung durch die Erzählungen zweier Engel ergänzt und erklärt. „Bei uns werden die Engel in Menschengestalt erscheinen und die Geschichte aktiv beeinflussen“, erklärt der Regisseur. „Da ist viel Freiraum für Fantasie, unabhängig vom Roman.“ Zu seinen fünf Schauspielern, von denen die Darstellerinnen jeweils verschiedene Rollen übernehmen, gehören Franz-Josef Dieken, Kempowski-Darsteller Johan Richter und Sandra Quadflieg. Am Ende wird der göttliche Auftrag erfüllt: Wird die Erde dem Teufel verfallen? Oder ist sie es vielleicht schon? Axel Schneider sieht das als Mahnung: „Je mehr wir uns der Wissenschaft  anvertrauen und den Himmel „entdecken“, desto mehr verlieren wir den Glauben. Ich meine, dass es den Menschen gut täte, demütig zu sein und zu glauben und nicht nur zu wissen. Ich finde, in der Beziehung ist das Buch sogar aufklärerisch. Ich glaube, es gibt viele, die sich danach sehnen, als Menschen mehr zusammenzurücken und auf das Wesentliche zu schauen.“

 

Seit 25 Jahren ist Axel Schneider Intendant des Altonaer Theaters. Mit Beginn der Spielzeit 2005/2006 stellte er das Programm unter das Motto „Wir spielen Bücher“ – ein Konzept, das voll aufging. „Es gibt nach wie vor ein unglaubliches Interesse an Geschichten. Das Bedürfnis nach Büchern ist groß. Das Publikum bei uns ist nach dem Stammpublikum zunächst mal Leser des jeweiligen Projekt-Buches“, erklärt der Intendant den Erfolg und ist stolz darauf, aus der Umsetzung auf die Bühne eine Kunstfertigkeit gemacht zu haben. „Ganz wichtig ist dabei der Umgang mit dem Erzähler, auf den manchmal zu viel abgeladen wird.“ Besonders bei einem 800-Seiten-Wälzer wie „Die Entdeckung des Himmels“ kommt es darauf an, ein Konglomerat aus einer Fülle von Stoff zusammenzustellen, das sowohl dem Buch als auch der Bühne gerecht wird. „Es ist oft bitter, etwas weglassen zu müssen. Es gibt viele Themen-Türen, aber durch welche Tür man schreitet, ist jedes Mal wieder eine Entscheidung mit Konsequenzen.“

 

Einen Wunsch gibt es bei all den großen Aufgaben als Intendant, Autor und Regisseur, den Axel Schneider sich sozusagen zu seinem Jubiläum noch erfüllen möchte: „Es gibt ein Stück, das ich meinen Kindern ehemals versprochen hatte zu inszenieren. Dazu ist es aber nie gekommen.“ Die Kinder sind mit 17 und 14 Jahren inzwischen aus dem Alter für Weihnachtsmärchen  heraus, aber diese eine Regie möchte er im kommenden Jahr noch nachholen. Welches Stück?  „‘Peter Pan‘ – das ist mein Ein und Alles!“