Freundinnen (1965/66) von Sigmar Polke © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Freundinnen (1965/66) von Sigmar Polke © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Die jungen Jahre der alten Meister

Neuer und umfassender Blick auf die frühen Werke der vier
weltbekannten Künstler Baselitz, Richter, Polke und Kiefer


Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachten Anfang der 60er Jahre gar nicht daran, den Pinsel aus der Hand zu legen – und machten die deutsche Malerei weltberühmt: Baselitz, Richter, Polke, Kiefer. Mit diesen vier Großkopferten feiern die Hamburger Deichtorhallen nun ihr 30-jähriges Jubiläum: „Die jungen Jahre der Alten Meister“.

Es weht der Hauch des Abschieds durch diese Ausstellung. Abschied von den allmächtigen Malerfürsten Ende des 20. Jahrhunderts, die im Zeitalter digitaler Medien und MeToo-Debatten doch schon selbst Geschichte sind. Abschied von der Illusion nach 30 Jahren Mauerfall auf ein weltoffenes, tolerantes, liberales vereinigtes Deutschland. Und ein Abschied, ganz im Geheimen, vom weltweiten Ausstellungszirkus ist es wohl auch - für den Gast-Kurator Götz Adriani (78). Über Jahrzehnte hat der international renommierte Ausstellungsmacher das zeitgenössische Kunstgeschehen von Tübingen aus beeinflusst und das Renommee der vier Weltmeister gemehrt. Nun – gleichsam als Krönung seiner Laufbahn – hat er sie erstmals in einer Ausstellung vereint. Besser gesagt, in vier Ausstellungen, die Werkkomplexe sind strikt getrennt. Ursprünglich für Stuttgart konzipiert, musste diese Schau einfach nach Hamburg kommen. Grund war die „welthistorischen Koinzidenz“ (Deichtorhallen-Chef Dirk Luckow) der Ereignisse: Am 9. November 1989, am Tag der Hallen-Eröffnung (mit Harald Szeemanns unvergessener „Einleuchten“-Schau) fiel die Berliner Mauer. Und Georg Baselitz (*1938), Gerhard Richter (*1932), Sigmar Polke (1941–2010) und Anselm Kiefer (*1945) – bis auf den Letztgenannten alle in der DDR sozialisiert – sind prädestiniert, das Doppel-Jubiläum zu würdigen: Niemand hat sich intensiver und stilistisch vielfältiger mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt als diese vier. Sie alle arbeiteten sich bis zur Erschöpfung an Krieg, NS-Verbrechen und den Tätern in der eigenen Familie ab. Baselitz mit expressiver Wucht und Wut, Richter mit subtilem Schrecken, Polke mit überschäumendem Witz und Sarkasmus und Kiefer mit schmerzlicher Selbsterfahrung.

Die meisten Werke sind mittlerweile ebenso berühmt wie ihre Schöpfer: Die „hässlichen“ Bilder („Große Nacht im Eimer“!), mit denen Baselitz der Durchbruch gelang und die nun den Auftakt bilden. Grandios die geballte Kraft der zerschossenen, verkrüppelten „Helden“, deren bloßgelegten „phallische Monstrositäten“ Anfang der 60er Jahre „weit geeigneter waren, die Medien und Gerichte auf den Plan zu rufen“ (Adriani) als wieder ins Amt gekommene Nazis. Dann die scheinbar so harmlosen und belanglosen grauen und abgründig grauenhaften Bilder von Richter, der Fotos aus dem Familien-Album oder unbekannter Personen aus Magazinen abmalte. Allesamt bereits Ikonen der Gegenwartskunst. Ebenso Polkes experimentellen Bilder des „German Pop“. Mit schier unerschöpflicher Fantasie und anarchischem Humor nahm dieser Künstler, dem nichts heilig war, die frühe Medien- und Konsumgesellschaft im Wirtschaftswunder-Deutschland aufs Korn. Schön, wiedermal die frühen Rasterbilder zu sehen, die zu seinem Markenzeichen wurden.

Die einzigen wenig bekannten Bilder dieser opulenten Frühwerke-Schau stammen von Anselm Kiefer (*1945), dem philosophisch-mythologisch tiefgründigen Blut-und Boden-Maler. Seine Studenten-Aktion „Besetzungen“ zeigt mäßige Malerei, besticht jedoch durch die Idee: Um zu erfahren, wie man sich als Faschist fühlt, fotografierte er sich 1969 in der alten Wehrmachtsuniform seines Vaters an allen Orten, die die Nazis besetzt hatten, mit Hitlergruß und übertrug die Bilder auf die Leinwand. Als sie 1975 veröffentlicht wurden, war der Eklat programmiert und führte zu langwierigen Missverständnissen um die politische Einstellung des Künstlers.

Fazit: Fantastisch viele Meisterwerke an einem Ort, die vor Augen führen, warum diese vier Maler „Kunst Made in Germany“ aus ihrem Schattendasein zogen und zu einem international anerkannten Gütesiegel erhoben. Die einzelnen Bilder sind großartig. Die Ausstellungs-Choreographie hingegen ein wenig langweilig.

„Baselitz – Richter- Polke – Kiefer“, Deichtorhallen, bis 5. Januar 2020. Alle Infos unter www.deichtorhallen.de