Albert Renger-Patzschs
Albert Renger-Patzschs "Gläser" © Archiv Ann und Jürgen Wilde

DIE WIRKLICHKEIT IN ALL IHREN FACETTEN
Letzte opulente Schau „Die Welt im Umbruch“ in den Räumen am Rathausmarkt

Ist es wieder soweit? Ja, zweifellos. Schon vor hundert Jahren war „Die Welt im Umbruch“, wie die großangelegte Ausstellung im Bucerius Kunst Forum heißt. Heute ist sie es erneut. Grund genug für die Kuratoren Kathrin Baumstark und Ulrich Pohlmann dem Dialog von Kunst und Fotografie in der Weimarer Republik nicht nur in Bezug auf das Bauhaus-Jubiläum nachzuspüren, sondern auch gesellschaftspolitische Aspekte zu beleuchten: Der Rechtsruck in Deutschland zeigt, dass Demokratie immer noch keine Selbstverständlichkeit ist.

Mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache, selbst in Museumskreisen. Natürlich macht es sich immer gut, Ausstellungen als etwas Einzigartiges, noch nie zuvor Dagewesenes zu deklarieren. Der Dialog zwischen „Neuer Sachlichkeit“ und „Neuem Sehen“ ist jedoch nicht ganz so neu wie behauptet. Die Wechselwirkung zwischen Malerei und Fotografie in den 1920er Jahren wurde durchaus schon beleuchtet – nur nicht im Überblick, sondern fokussiert, wie 2015 im Wedeler Barlach Museum: „August Sander und die Kölner Progressiven 1920 – 1933“ hieß die Ausstellung, die den regen Austausch des Fotografen mit der Kölner Künstlergruppe thematisierte. Sanders Diktum, „Die Wahrheit zu sehen, müssen wir vertragen können“, betitelte schon damals sein sozialpsychologisch eindringliches Gesellschaftsporträt aus Berufsgruppen und sozialen Klassen, welches nun einige exemplarische Aufnahmen, u.a. die berühmten „Jungbauern“ (1914), der „Konditor“ (1928) oder die „Blindgeborenen Kinder“ (1921–1930), im ersten Stock des Bucerius Kunst Forums veranschaulichen.

In der oberen Etage ist die explosive, fiebrige Stimmung der „Goldenen Zwanziger“, die diese Ausstellung in fünf Kapiteln beschwört, zum Greifen nah. Conrad Felixmüllers ausgemergelter „Zeitungsjunge“ (1928), Otto Griebels „Schiffsheizer“ (1920) oder Hainz Hamischs „Arbeitsloser Werftarbeiter“ (1932) verkörpern das Elend durch galoppierende Inflation und erdrückende Reparationsforderungen. Fotomontagen mit Panzern, Kanonenrohren und Schädeln von Laszlo Moholy-Nagy („Militarismus“, 1924-1940) oder Günther Hirschel-Prötsch („Apotheose der Giftgaskrieger“, um 1930) stehen für das Trauma des Ersten Weltkrieges mit Millionen Toten und Kriegsversehrten. Am eindrucksvollsten im Kapitel der politischen Fotomontagen aber sind die visionären Fotocollagen „Hitlerfresse“ des jüdischen Fotografen Erwin Blumenfeld, der nach dem Zweiten Weltkrieg mit Modeaufnahmen Weltruhm erlangte: Bereits 1933 überblendete er ein Hitler-Porträt mit einem Totenkopf und nahm mit diesem Zombie-Bild die Grauen der Nazizeit vorweg.
Aber es gab auch eine andere Seite. Nicht ohne Grund werden die Zwanziger Jahre die „goldenen“ genannt. Die erste Demokratie in Deutschland hatte eine Blütezeit der Kultur und Wissenschaft zur Folge, der Emanzipation, der Gleichberechtigung, der Modernität. Vor allem aber hatten die Menschen einen „unbedingten Fortschrittglauben“ (Ulrich Pohlmann) und eine nie dagewesene Technikbegeisterung. All dies kulminierte in dem kühl-nüchternen Blick der „Neuen Sachlichkeit“, mit dem avantgardistische Maler und Fotografen die Welt nun sahen. Überbordende Emotionen wie im Expressionismus waren passé. Jetzt galt es, die Wirklichkeit in allen Facetten zu erfassen. Glasklar und detailverliebt mit den Mitteln des Ausschnitts, der Perspektive und der Lichtregie die Ästhetisierung des Alltäglichen zu betreiben. Alles war mit einem Mal bildwürdig: Glühbirne, Putzeimer, Gummibaum, Reißnägel. Das neue Selbstbewusstsein der Frau, wie es in Christian Schads hinreißendem „Halbakt“ von 1924 zum Ausdruck kommt, ist auch in den homoerotischen Aufnahmen von Germaine Krull oder dem androgynen „Selbstporträt mit silberner Kugel“ (1931) von Aenne Biermann zu finden. Im Kapitel „Maschinenkunst und Technikkult“ übertrumpfen sich der Fotograf Albert Renger-Patzsch und der Maler Carl Grossberg in der Sauberkeit und Sterilität der Industrieanlagen.  

Es ist wahrlich eine opulente Schau, mit der sich das Bucerius Kunst Forum von seinen Räumen am Rathausmarkt verabschiedet. 175 Exponate hängen hier dicht an dicht. Und etliche bereits zugesagte Leihgaben, so räumte Direktor Franz Wilhelm Kaiser ein, mussten bedauernd abgelehnt werden, weil der Platz fehlte. Denn ursprünglich sollte „Die Welt im Umbruch“ die neue Bucerius Passage am Alten Wall eröffnen. Dort wird das Bucerius Kunst Forum ab 6. Juni 2019 spektakulär schöne und sicherheitstechnisch hochmoderne Räume auf 3400 Quadratmetern beziehen. Nun heißt der Auftakt programmatisch „Here We Are Today“. Wir sind gespannt.  

Bis 19.5.2019, Alle Infos unter www.buceriuskunstforum.de