Bühnenbildnerin Eva Humburg © Vincent Leifer
Bühnenbildnerin Eva Humburg © Vincent Leifer

Dienerin der Sache

Eva Humburg erzählt über ihre Arbeit und die Gestaltung des Bühnenbilds für Hartmut Uhlemanns Inszenierung von „Weißer Raum“

Im Ohnsorg Theater war es vor einigen Jahren bei so manchem plattdeutschen Klassiker fast schon Tradition, dass es Applaus gab, sobald sich der Vorhang öffnete: Anerkennung des Publikums für das liebevoll detaillierte Bühnenbild. Solch offenkundiger Gunstbeweis der Zuschauer ist jedoch selten. Eine Inszenierung wird als Ganzes gesehen, der Bühnenbildner bleibt dabei eher im Hintergrund. Und doch kommt gerade ihm eine wichtige Funktion zu. „Wenn sich die Schauspieler im falschen Raum bewegen, geht gar nichts“, weiß Eva Humburg, mehrfach ausgezeichnete Bühnenbildnerin. Sie stellt sich zurzeit im Ernst Deutsch Theater wieder einmal einer ganz besonderen Herausforderung. Sie gestaltet die Bühne für Lars Werners politisch ambitioniertes Schauspiel „Weißer Raum“.

Wie das? Weißer Raum – was gibt es da zu gestalten? Entscheidend bei dieser Frage war für Eva Humburg, was der Autor damit meint. Im Stück wird die Journalistin Marie von einem Ausländer attackiert. Gleiswärter Uli kommt ihr zu Hilfe. Im Handgemenge wird der Angreifer getötet. War es ein Unfall oder Absicht? Die Journalistin recherchiert genauer und findet heraus, dass im Umfeld des Gleiswärters so manches auf Rechtsradikalismus hindeutet. Eine Wertung gibt es bei Lars Werner nicht – zwischen den Zeilen bleibt ein weißer Raum. Wie ein weißes Blatt Papier sieht Eva Humburg deshalb auch „ihre“ Bühne ohne Kulissen, die ein bestimmtes Umfeld andeuten könnten. „Diese Entscheidung habe ich ganz bewusst getroffen“, erklärt sie. „Ich möchte den Schauspielern ein weißes Papier geben, auf dem sie stehen und auf dem die Struktur des Rechtsradikalismus ganz deutlich wird – nur durch den Text, ohne Dekoration. Der Zuschauer kann eintauchen in die Kriminalgeschichte, aber eine Meinung muss sich jeder selbst bilden. Das finde ich spannend.“

Natürlich muss das Bühnenbild auch abgestimmt werden mit dem Regisseur. In diesem Fall ist es Hartmut Uhlemann, mit dem Eva Humburg schon in vielen Produktionen des Ernst Deutsch Theaters zusammengearbeitet hat. „Wir verstehen uns ziemlich wortlos“, meint sie. Als selbständige Künstlerin begreift sich die Frau mit den fröhlichen Locken und der ausdruckstarken Brille trotzdem. „Ich wüsste nicht, wozu ich dabei bin, wenn man mir etwas diktiert“, sagt sie, aber auch: „Ich fühle mich als Dienerin der Sache. Meine Kreativität wird angeregt durch das Stück. Dann kommt die Zusammenarbeit mit der Regie und den Schauspielern.“

In Essen hat Eva Humburgs Karriere begonnen. Am dortigen Theater war sie Schneiderin und kam dadurch auch zur Bühnenbildnerei, zunächst als Assistentin. Voraussetzung für den Beruf, sagt sie, sei eine künstlerische Ader, Kreativität und technisches Verständnis. „Und man muss teamfähig sein.“ Zum Erfolg gehört schließlich immer ein gutes Team. Seit 1992 arbeitet sie als freie Bühnen- und Kostümbildnerin an vielen Theatern im In- und Ausland. Seit 2018 ist sie auch Produktionsleiterin sowie Bühnen- und Kostümbildnerin am Theater Vorpommern in Greifswald/Stralsund, wo zu Beginn der Saison „Die lustige Witwe“ auf sie wartet.

Abstrakt oder realistisch – das hängt für Eva Humburg immer von der Aussage des Stückes ab. „Ich studiere den Text, ich lese viel zum Thema und sehe mir Bildmaterial und Filme an. Ich versuche, die Figuren zu verstehen.“ Als Glücksfall bezeichnet sie die Arbeit zu dem Stück „Foto 51“ vor zwei Jahren am Ernst Deutsch Theater, die Geschichte der Wissenschaftlerin Rosalind Franklin, die einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der DNA leistete. „Das Thema hat mich sehr interessiert und ich konnte mich sehr gut in diese Frau hineindenken.“

Eine besonders eindrucksvolle Bühnenbild-Interpretation gelang ihr ebenfalls am Ernst Deutsch Theater für „Das Boot“. Dafür wurde sie 2015 mit dem „Theaterpreis Hamburg – Rolf Mares“ ausgezeichnet. „Es war sehr schwierig, gleichzeitig die Enge in dem U-Boot und die Weite des Meeres darzustellen“, erinnert sie sich. Die Video-Projektion des Meeres im Hintergrund half ihr dabei perfekt. Sie arbeitet gern mit Video-Animationen. „Aber es muss zur Atmosphäre passen. Video darf kein Ersatz fürs Bühnenbild sein.“ Den Inhalt eines Stückes zu unterstreichen und die Zuschauer zur Auseinandersetzung mit der Inszenierung anzuregen – darin sieht Eva Humburg stets den Sinn ihrer Arbeit. Besonders, wenn es sich um einen weißen Raum handelt.