Bariton Kartal Karagedik © Kartal Karagedik
Bariton Kartal Karagedik © Kartal Karagedik

Staatsoper Hamburg                                                     Donizettis "Don Pasquale"

Kartal Karagedik brilliert als Dottore Malatesta

 

Der sympathische Bariton inszeniert in dieser Rolle eine ziemlich gemeine Intrige, die zum
Glück zu einem Happy End führt. In unserem Gespräch geht es außerdem um seinen Werde-

gang, moderne Operninszenierungen und die Verbindung von Beruf und Privatem im Leben
eines Sängers.

 

Es war eine schwierige Phase im Leben des Komponisten Gaetano Donizetti: Zwei Kinder waren
kurz nach der Geburt gestorben, seine Frau war der Cholera erlegen. Einige Jahre später war er

schon gezeichnet von seiner Krankheit und geistiger Umnachtung. „Und trotzdem hat er so ein komödiantisches Meisterwerk komponiert“, staunt Kartal Karagedik. In Donizettis Oper „Don Pasquale“ singt er den Malatesta, der mit einer raffinierten Intrige und einer falschen Heirat einen reichen alten Mann von seiner späten Liebeslust kuriert und einem jungen Paar das Glück bringt. Die Figuren
erinnern an die traditionell festgelegten Typen der Commedia dell’arte, doch zeigen sie hier auch schon
Gefühle, menschliche Gelüste und Sehnsüchte. 1843 wurde die Opera buffa in Paris uraufgeführt, mit
riesigem Erfolg.


„Malatesta hat in diesem Stück so eine Rolle wie ein Regisseur“, erklärt Karagedik seinen Part. Er zieht die Fäden in einem bösen Spiel, das in
einem wunderbaren Lachen endet. Zu Donizettis Werk hat der Sänger eine ganze besondere Beziehung. 2007 bereitete sich der junge Bariton
während seines Studiums auf einen Gesangswettbewerb in Como vor. Einstudiert hatte er dafür den Malatesta. Der 23 Jahre junge Bariton
wurde tatsächlich mit einem Engagement belohnt - allerdings nicht mit seiner Rolle in „Don Pasquale“, sondern mit Verdis „Falstaff“, als Zweitbesetzung in der Titelrolle für Ambrogio Maestri, der damals schon ein Star war. „Eine Hauptrolle bei meinem ersten Engagement in
Europa – das hat mir die Tür zu den Bühnen Europas geöffnet“, erklärt Karagedik. Inzwischen hat er ein Repertoire von rund 35 Opernpartien.
Den Dottore Malatesta allerdings singt er jetzt in Hamburg zum ersten Mal wieder seit dem Wettbewerb. Und auch Ambrogio Maestri ist nun
in der Staatsoper wieder dabei: als Don Pasquale.

 

Seit 2015 gehört der in Izmir geborene Kartal Karagedik zum Ensemble der Staatsoper. In Izmir begann er auch sein Gesangsstudium,
allerdings nach einem kurzen Umweg über ein Fachstudium in der Touristikbranche. „Im Sommer habe ich für eine Reiseagentur gearbeitet.
Da hatte ich im Winter viel Zeit. Meine Leidenschaft war die Musik und so habe ich mir Fachbücher gekauft und Noten lesen und schreiben
gelernt. Ich wollte eigentlich Komponist und Dirigent werden“, erinnert sich der Sänger.

 

Entsprechend vorbereitet, bewarb er sich nach eineinhalb Jahren an der Hochschule für Musik. Als er erfuhr, dass er als zweiten Kurs auch Gesang oder Klavierstimmen belegen konnte, entschied er sich für das Klavierstimmen. „Ok, dachte ich, das kann man immer gebrauchen.
Doch dann gehe ich raus und es stoppt mich eine innere Stimme: Wechsel zu Gesang!“ Schließlich hatte ein Chorleiter ihm bereits eine „interessante Bariton-Stimme“ bescheinigt. Und dabei blieb es. Nach einem Jahr hatte er das erste Konzert auf einer Bühne mit einer Arie
von Gluck. „Der erste Applaus - das war der Anfang meines Lebens!“

 

Seine Auftritte führten ihn inzwischen durch ganz Europa, vom finnischen Savonlinna bis ins italienische Bologna. 2009 ging er nach Magde-

burg, bis 2013, danach ins Ensemble von Erfurt. Für Magdeburg hatte er sich trotz anderer Angebote von Opernstudios in Zürich und München entschieden, weil er am Anfang seiner Karriere dort die Möglichkeit bekam, viele große Rollen zu singen. „Das war eine unbezahlbare
Erfahrung“, sagt er. Don Giovanni gehörte dazu, Enrico in „Lucia di Lammermoor“ oder Escamillo in „Carmen“. Traumrollen wie Macbeth
oder Rigoletto sollen später noch dazu kommen. Denn: „Bariton ist eine Stimmlage, mit der man Geduld haben muss. Die Stimme wächst über
die Jahre“, weiß der Sänger, der jetzt schon lockig schwarzen Haarmähne und den dunklen Augen auch außerhalb der Bühnenrollen eine eindrucksvolle Erscheinung abgibt.

 

Um das Beste aus seiner Stimme und aus der Interpretation seines italienischen Repertoires herauszuholen, arbeitete er mit dem 82-jährigen italienischen Bariton Giorgio Zancanaro zusammen. „Er ist eine Legende, immer noch ein junger Mann. Bei ihm lernt man gleichzeitig
Geschichte, man erfährt aus erster Hand, wie andere große Musiker und Künstler gearbeitet haben“, begeistert sich Karagedik. Die Möglichkeit,
an Zancanaros Erfahrungen teilhaben zu können, war ein Traum für ihn. Denn dies ist gewiss: „Meisterschaft kann man nur von einem Meister lernen.“

 

Nicht nur italienische Opern, sondern auch deutsche Lieder haben es dem Sänger angetan. „Ich liebe die deutsche Romantik, die Poesie. Bei
Schubert oder Schumann hat man eine ganze Oper in zwei Seiten Musik. In weniger als einer Minute gibt es eine Geschichte, eine Philosophie
und so viele verschiedene Emotionen!“ Sprachprobleme hat der Türke dabei nicht. Außer türkisch und deutsch spricht er englisch, italienisch
und auch ein bisschen russisch.

 

Moderne Inszenierungen, gewagte Interpretationen fordern nicht nur dem Publikum, sondern auch den Interpreten mitunter einiges an
Verständnis ab. Kartal Karagedik sieht es philosophisch: „Wir haben die Musik - vielleicht vor 200 Jahren geschrieben -, die bleibt. Wir haben
im Saal ein Publikum, das gekommen ist, um berührt zu werden. Wir müssen eine Verbindung herstellen zwischen Komponist, Librettist und heutigem Zuschauer. Das ist eine Zeitreise. So sehe ich meinen Job.“

 

Die Musik hat den Künstler, der in einfachen Verhältnissen aufwuchs, schon als Kind fasziniert. „Wenn ich klassische Musik im Radio gehört
habe, bin ich zu einem Tisch gerannt und habe darauf wie ein Pianist gespielt. Oder ein Schuhkarton war für mich eine Geige oder ein Cello.
Und kein Mensch konnte mir sagen, das ist nur ein Schuhkarton.“ Dass er einmal auf internationalen Bühnen in Europa stehen würde, ahnte
er damals natürlich noch nicht. Es ist für ihn wie ein schönes Geschenk. „Ich bin so dankbar. Und das bringe ich jedes Mal mit, wenn ich die
Bühne betrete. Ich kann es nicht Beruf nennen. Es ist für mich immer noch wie ein Spiel, das mir wie einem Kind Freude macht.“

 

Genauso geht es ihm mit der Fotografie. Denn Kartal Karagedik ist nicht nur ein großartiger Sänger, sondern auch ein ausdrucksstarker Fotograf.
Das Hobby, das für ihn inzwischen zum zweiten Beruf geworden ist, fing genauso wie die Musik als Spiel an. „Mein Opa war Fotograf, da kam
ich schon früh mit Kameras in Berührung.“ In seiner Fantasie hielt er die Bilder seiner Kinderwelt mit seiner Karton-Kamera fest.

 

Heute macht er kontrastreiche Bilder von Straßen und Landschaften, von Städten und Menschen, die auch schon auf einer Ausstellung gezeigt
wurden. „Ich fotografiere, wie ich singe“, sagt er, „und ich versuche zu singen, wie ich fotografiere. Alles ist eine Komposition, eine Form mit
Kontrasten, mit Emotionen und Licht und Schatten. Manche Straßenfotos sehen von weitem aus wie ein Bühnenbild. So ist die ganze Welt
meine Bühne.“

 

Seine ganz private Bühne teilt er mit seiner Frau und seiner eineinhalb Jahre alten Tochter, für den stolzen Vater natürlich „das schönste
Mädchen der Welt“. Seine Frau Maria Chabounia stammt aus Belarus und ist Pianistin und Sängerin. Kennengelernt haben sich die beiden auf einem Gesangswettbewerb in Österreich. Bei Gastspielen treten sie gelegentlich auch gern zusammen auf – als Marcello und Musetta in „La Bohème“ zum Beispiel. Oder - wie demnächst in Malmö - als Graf und Susanna in der „Hochzeit des Figaro“. „Wir sind ein gutes Team“, meint Karagedik. Die Eifersüchteleien und Liebeskämpfe finden jedenfalls nur auf der Bühne statt. Trotz Kind und Hund scheut das Paar keine
längeren Gastspieltouren. Da wird eben die ganze Familie eingepackt, inklusive Babybett und Hundefressnapf und Kinderhochstuhl und Kleidern für den Sommer und für den Herbst und, und, und...

 

Zu Hause aber ist Kartal Karagedik inzwischen in Hamburg. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit beantragt. Hier, in Europa, will er bleiben.
Denn Europa ist für ihn die Wiege der Kultur.

 

Brigitte Ehrich

 

Karten für "Don Pasquale" finden Sie im Ticketshop

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