Wohnanlage in Mümmelmannsberg © SHMH
Wohnanlage in Mümmelmannsberg © SHMH

Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten

„Neue Heimat“ ist eine faszinierende Ausstellung über den Aufstieg und Fall des gleichnamigen Wohnungsbaukonzerns

Am Ende blieb nur der Skandal. Die Veruntreuung von 200 Millionen D-Mark gemeinnütziger Mittel. Nachdem Der Spiegel 1982 „die dunklen Geschäfte“ der Vorstände aufgedeckt hatte, war die „Neue Heimat“ erledigt. Ein für alle Mal. Nun, 37 Jahre später, beleuchtet eine faszinierende Ausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte Aufstieg und Fall des größten und bedeutendsten nichtstaatlichen Wohnungsbaukonzerns im Europa der Nachkriegszeit.

Alsterschwimmhalle, Kongresszentrum CCH, Elbe-Einkaufszentrum, Mümmelmannsberg, Neu-Altona, Lohbrügge, Gartenstadt Farmsen. Keine Frage: Die „Neue Heimat“ hat das Hamburg der Wirtschaftswunderzeit geprägt. Und nicht nur das. Ganz Westdeutschland wurde nach dem Krieg mit Neue Heimat-Siedlungen gepflastert. Von Mettenhof (Kiel), über Lübeck-St. Lorenz und Neue Vahr Bremen, bis zur Münchner Parkstadt Bogenhausen und Neuperlach. Heute sind die meisten Großprojekte von einst als soziale Brennpunkte schwer in der Kritik. In den 50er und 60er Jahren aber waren die „Betonwüsten“ des DGB-eigenen gemeinnützigen Unternehmens ein Segen für die Menschen. Nach Kriegsende war allein in Hamburg jedes zweite Gebäude zerstört, 300.000 Wohnungen vernichtet. Auf dem Gebiet der Bundesrepublik fehlten mehr als fünf Millionen Wohnungen. Bis 1960 baute die Neue Heimat 100 000 Neubauwohnungen, bis zu ihrer Abwicklung 400 000.

Heute, da die Mieten ins Uferlose steigen und die Frage nach bezahlbarem urbanem Wohnraum gesellschaftlich immer dringlicher wird, scheint die Zeit gekommen, die „außerordentliche Rolle der Neuen Heimat in der Geschichte der Bundesrepublik“ (Direktor Hans-Jörg Czech) einer umfassenden Analyse und (Neu?)Bewertung zu unterziehen.

Möglich macht das die enge Kooperation des Architekturmuseums der TU München und des Hamburgischen Architekturarchivs mit dem Hamburg Museum, die anhand einer überwältigenden Fülle historischer Fotos, Filme, Planungsskizzen und Originalmodelle den Werdegang des sozialdemokratischen Gewerkschaftsunternehmens („Wohnen für alle“) zum profitorientierten, international agierenden und strukturell undurchsichtigen Konzern („Bei uns können Sie eine ganze Stadt bestellen“) nachzeichnen. Zum größenwahnsinnigen Unternehmen mit zahlreichen Tochterfirmen, Projekten in Frankreich, Afrika und Lateinamerika – und einem Schuldenberg, der ins Astronomische wuchs. Beeindruckend ist diese Ausstellung - nachhaltig beeindruckend! Denn sie zeigt viel mehr als realisierte Projekte und utopische (Horror)Visionen, wie von einem futuristisch überbauten St. Georg. Diese Ausstellung spiegelt ein wesentliches Stück Bau- und Zeitgeschichte, das hunderttausende von Menschen in Deutschland heute noch unmittelbar betrifft, weil sie in den Neue-Heimat-Siedlungen leben.

Bis 6. Oktober 2019, Holstenwall 24. Alle Infos unter www.shmh.de