Schiffbruch des Dreimasters „Emily“ im Jahr 1823 (1865) © Gérard Blot / Grand Palais des Champs Elysées
Schiffbruch des Dreimasters „Emily“ im Jahr 1823 (1865) © Gérard Blot / Grand Palais des Champs Elysées

ENTFESSELTE NATUR
Die gleichnamige Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle
widmet sich dem Bild der Katastrophe seit 1600

Die Ausstellung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. In den 1970er, 1980er Jahren, ja noch zur Jahrtausendwende, hätte man diese Bilder wohl mit einem Achselzucken abgetan. Heute wirken selbst antike Szenen beklemmend aktuell: „Entfesselte Natur – das Bild der Katastrophe seit 1600“ in der Hamburger Kunsthalle ist eine exzellent inszenierte Schau, die zu Herzen geht.


Das Gemälde, auf das man als erstes zuläuft, sobald man den Gang zur Sonderschau im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart durchquert hat, wirkt von weitem nicht besonders spektakulär: Ein tiefdunkler, wolkenverhangener Himmel, darunter Meer und eine Gesteinsformation. Erst von nahem erkennt man das Heck des gestrandeten Bootes am Fuße des Felsens und die fünf Gestalten, die sich mit letzter Kraft an einen Brocken klammern, darunter eine Frau, die ihr Baby einem Mann hochreicht. Weiter hinten im Wasser ragt noch ein Pferdekopf empor, ein junger Mann, der sich mit einer Hand am Ohr des Pferdes festhält und im anderen Arm den leblosen Körper eines alten Menschen auf dem Pferderücken balanciert. Und wenn die Augen noch einmal – auf der Suche nach weiteren Personen – über die Wasserlandschaft streifen, erblickt man die beiden grauen, an der Bootsbank festgekrallten Arme – das einzige, was von dem Unglücklichen aus den Wellen ragt. Théodore Géricaults „Szene der Sintflut“ entstand um 1818, doch man kann sie heutzutage gar nicht losgelöst von den Dramen der jüngsten Geschichte betrachten: den Tausenden und Abertausenden von Flüchtlingen, die jedes Jahr im Mittelmeer ertrinken. Diese Bilder haben sich in unser Gedächtnis eingebrannt und sie überlagern alles – Technik, Komposition, malerische Finesse. Deshalb scheint dieses Gemälde, ja die ganze Ausstellung, ein einziger Aufschrei zu sein gegen die Inhumanität der Europäer. Gegen betonköpfige Politiker, die Schutzsuchende nur als Statistiken sehen, die man auf dem Papier und zwischen Ländern hin- und herschieben kann. Eine Ausstellung gegen Zyniker, die Zäune ziehen und Grenzen dicht machen, weil sie Angst um Wählerstimmen statt um Menschenleben haben.


Mit mythischen Ereignissen wie der Sintflut beginnt dann auch der großangelegte, in elf Kapitel gegliederte Rundgang, der mit über 200 Werken einen Bogen von 1600 bis in die unmittelbare Gegenwart spannt und dabei die unterschiedlichen Ausprägungen der Katastrophe thematisch zusammenfasst: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen, Schiffbrüche und Feuersbrünste, wie der Große Brand von Hamburg 1842.
Dabei erfährt man nebenbei, dass jedes Zeitalter „Katastrophe“ anders definiert hat, der Begriff ursprünglich aus der Theatersprache stammt und – nach Denis Diderots Encyclopédie von 1751 – den Wendepunkt innerhalb der Tragödie beschreibt. Katastrophen in heutigem Sinne hießen bis ins 18. Jahrhundert „Unheil“ oder „Desaster“ und waren in der bildenden Kunst kaum ein Thema. In Mode kam das Katastrophenbild erst nach der Wiederentdeckung des verschütteten Herculaneum 1736 und den beginnenden Ausgrabungen in Pompej 1748. Der erneute Vesuv-Ausbruch 1757 befeuerte dann regelrecht die Produktion von Katastrophenbildern. In der Hamburger Kunsthalle sind einige der schönsten Beispiele versammelt.


Das ungewöhnlich Aufregende an dieser Ausstellung aber sind weder die spektakulären Flammenmeere noch die schrecklichen Schiffsunglücke, bei denen man auch Friedrichs berühmtes „Eismeer“ neu sehen und entdecken kann. Nein, das eigentlich aufregende dieser Schau ist die epochen- und medienübergreifende Hängung: Die überraschende Konfrontation von Alt und Jung, historischen Werke und Gegenwartskunst. Den beiden Kuratoren Markus Bertsch und Jörg Templer gelingen so immer wieder Irritationen, spannungsgeladene Blickachsen und Dialoge. So trifft beispielsweise gleich im zweiten Raum der Gemäldezyklus „Das Feuer“, „Die Erde“, „Die Luft“, „Das Wasser“ von Felix Meyer (1653 – 1713) auf Kota Ezawas Lichtkasten „Floot“ (2011), der abstrakt-schematischen Darstellung einer überschwemmten Siedlung aus der Vogelperspektive. Das wohl großartigste Bild, das mit einer kleinen Verzögerung der Erkenntnis und des Entsetzens spielt, aber ist Aloys Rumps „LA 2035“, ein großformatiges Relief aus Schiefermehl und Marmorstaub. Man denkt sofort an Anselm Kiefers Materialbilder, an Orte der Erinnerung, während man sich über die Kraterlandschaft tastet und die Relikte eines geometrischen Straßennetzes erschließt. Ja klar, Los Angeles in 17 Jahren. Das wird übrig bleiben, wenn die gewaltigen tektonischen Verwerfungen des San-Andreas-Grabens in Bewegung geraten und das Erdbeben die Metropole zerstört. Und mit Rumps Endzeit-Vision im Kopf geht es wieder hinaus in den Hamburger Herbst.  

Bis zum 14. Oktober 2018,
Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, Di–So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr, Eintritt 14 € (erm. 8 €).
Alle Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de