Astral, 1964 © Ernst Wilhelm Nay Stiftung, VG Bild-Kunst
Astral, 1964 © Ernst Wilhelm Nay Stiftung, VG Bild-Kunst

Ernst Wilhelm Nay: Retrospektive

Der bekannte Unbekannte oder der unbekannte Bekannte?

 

Die jüngere Generation dürfte den Namen Nay bislang kaum gehört haben, dabei ist er in der Kunst-
welt durchaus klangvoll. Mit der großartig inszenierten Ausstellung „Ernst Wilhelm Nay. Retrospektive“
in der Hamburger Kunsthalle wird einem der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhundert nach langer
Zeit wieder die Referenz erwiesen, die er verdient.

 

Was für eine geballte Wucht an Kraft und Formenvielfalt! Was für eine Dynamik und Farbintensität! Während der Blick über die expressiv bis abstrakt-gestisch changierenden Gemälde des gebürtigen
Berliners Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) streift, kommen einem unwillkürlich die Klassiker der Moderne in den Sinn: Blitzt da nicht Kirchner, dort Picasso und hier Kandinsky auf?! Und ist das Spätwerk
nicht von Matisse inspiriert? In fast jedem Bild sind Verweise auf berühmte Vorbilder zu entdecken,
mal sind es Farb-, dann wieder Figurenkombinationen - und doch erscheint Nays Malerei ganz und
gar eigen und selbstbestimmt.

 

Ernst Wilhelm Nay ist im Nachkriegsdeutschland der Maler der Stunde. Dem Alter nach gehört der gelernte Buchhändler und Meisterschüler
von Karl Hofer an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin, zwar der „Lost Generation“ an (jener Generation von Künstlerinnen und
Künstlern, die in den 1920er Jahren aufstiegen, im Dritten Reich verboten wurden und nach 1945 den Anschluss verpassten), doch mit der „archaischen Ursprünglichkeit und mythischen Wirklichkeit“ seiner Werke (die er den braunen Machthabern in der Nazi-Diktatur noch als ideologiekonform zu verkaufen suchte) steigt Nay rasch zu einem der bedeutendsten Vertreter der westdeutschen Nachkriegsmoderne
auf. Seine Bilder touren um die Welt, werden 1959 auf der „documenta II“, auf der Biennale in Sao Paulo und in New York gezeigt. 1960
erscheint Werner Haftmanns Nay-Monografie, zudem erhält der Maler, dessen kompakter, fast skulpturaler Stil seit Mitte der 50er Jahre einer formal reduzierten, transparenten, dünnfarbigen, luftig leichten Malerei gewichen ist, den Guggenheim Preis, New York. 1962 folgt u.a. eine Einzelausstellung in New York und eine Retrospektive im Folkwang-Museum Essen zum 60. Geburtstag.

 

Mit der „Erfindung der Scheibe als artistisch bildnerisches Farbelement … und zugleich magisch-mythisches Element“ hatte Ernst Wilhelm Nay 1954 nach einer Schaffenskrise den Neuanfang gewagt und „den entscheidenden Punkt des Lebens erreicht“ (wie er notierte). Fasziniert von großen Denkern wie dem Philosophen Martin Heidegger, vor allem aber Naturwissenschaftlern wie Albert Einstein und dessen neue Erkenntnisse über Raum, Zeit, Dynamik und Materie, konzentrierte sich Nay auf die „Urzelle der Gestaltungskräfte“ (Haftmann) und entwarf konzentrisch
kreiselnde Mikro- und Makrokosmen, die in ihren Überschneidungen immer wieder große magische Augen ergeben. „Sphärische, unbegrenzt anmutende Welten mit neben- und übereinander liegenden Scheiben in rhythmischer Bewegung“, wie Kuratorin Karin Schick in dem empfehlenswerten Katalog schreibt. Nach ersten Amerikareisen und der Begegnung mit dem Abstrakten Expressionismus, stand es für Nay
außer Frage, dass er zur internationalen Avantgarde zählte, die eine „weltzugewandte Transzendenz“ suchte: „Malewitsch, Kandinsky, Rothko,
Tobey, Pollock, Nay. Das sind einige Namen, die diese universelle Kunst hervorbringen“, notierte er um 1958.

 

Ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Ruhms, als auf der dritten Documenta (1964) drei eigens angefertigte Riesenformate (jeweils 4 x 4
Meter groß) spektakulär über den Köpfen der Besucher schwebten und den Eindruck erweckten, als schauten unzählige Augen aus einem Farbraum vom Himmel herab, wurde Nays Werk nach allen Regeln der Kunst zerrissen. ZEIT-Kritiker Hans Platschek, selbst Maler, startete eine regelrechte Anti-Nay-Kampagne mit einer vernichtenden Kritik, indem er sich auf die bloße Aufzählung der Scheiben beschränkte und kein Wort über die Qualität der Malerei verlor. Lange Zeit galten die „Elementaren Bilder“ daraufhin als dekorativ und inhaltsleer. Heute erkennt man ihre Bedeutung, insbesondere, da Karin Schick zum Schluss des chronologisch geordneten Rundgangs ein Früh- und ein Spätwerk gegenüberstellt
und damit klar macht, wie viel der Formensprache von Anfang an angelegt war. Auch hier hat sich ein Kreis geschlossen.

 

Isabelle Hofmann

 

„Ernst Wilhelm Nay. Retrospektive“, bis 7.8.2022, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 20095 Hamburg,
Di – So 10 –18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr.
Alle Infos – auch zu den aktuellen Besuchsbedingungen – auf www.hamburger-kunsthalle.de

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