Regisseur Georg Münzel © Bo Lahola
Regisseur Georg Münzel © Bo Lahola

„Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“
im Altonaer Theater

Georg Münzel über seine Inszenierung des berühmten Romans von Thomas Mann für das Altonaer Theater und seine Arbeit auf und hinter der Bühne.

 

Er ist charmant und redegewandt, attraktiv und raffiniert. Und mit seinem schauspielerischen Talent wickelt er jeden um den Finger: Felix Krull, ein charismatischer Hochstapler, der es vom Sohn eines bankrotten Sektfabrikanten über eine Karriere in der Hotelbranche bis zur Weltreise als falscher
Marquis bringt. 1957 war die Verfilmung mit Horst Buchholz in der Titelrolle ein großer Kinoerfolg, in
diesem September kam die Neuauflage von Regisseur Detlef Buck heraus.
Nun führt der sympathische Betrüger auch im Theater die Leichtgläubigen und die Reichen dieser Welt in die Irre. Georg Münzel inszeniert
im Altonaer Theater John von Düffels Bühnenbearbeitung des Romans.

 

Sie haben am Altonaer Theater schon mehrere Roman-Adaptionen inszeniert. Was hat Sie gerade an diesem Roman gereizt?
Georg Münzel: Ich war mir am Anfang gar nicht so sicher, ob ich eine Beziehung zu diesem Roman habe, weil ich ursprünglich eigentlich
nicht gerade ein Thomas-Mann-Fan war. Als ich anfing, mich für Klassiker zu interessieren, habe ich Thomas Manns „Buddenbrooks“
gelesen, und das war mir teilweise zu verschwurbelt formuliert. Ich mochte eher die klare und härtere Sprache von Heinrich Mann.

 

Was hat Sie dann doch überzeugt?
Ich habe den „Felix Krull“ vor langer Zeit und jetzt noch einmal gelesen. Die Stückfassung benutzt ausschließlich den Originaltext und
jetzt genieße ich diese Sprache total. Dass sich jemand „angelegentlich“ macht, sich in dieser – man könnte sagen: etwas unnötig
umständlichen – Sprache auszudücken, die aber immer etwas bedeutet, finde ich wirklich toll.


Der Roman entstand zwischen 1910 und 1954. Sehen Sie auch aktuelle Bezüge?
Der Zugang ist sogar klar modern. Denn es geht um Wahrheit und Fiktion. Kann man den Unterschied überhaupt wahrnehmen?
Das ist im politischen Sinn und in den sozialen Medien sehr aktuell. Wie stelle ich mich zum Beispiel auf Instagram dar, und wie sieht
die Wirklichkeit aus? Zumindest bei mir ist der heutige Blickwinkel ein ganz anderer, als zu Thomas Manns Zeiten. Dieses Klischee
des leichtfüßig sympathischen Hochstaplers, der fast mühelos durch die Welt geht und alles erreicht, was er will, ist für mich nicht so leicht
nachzuvollziehen. Heute schaut man anders auf Täuschung und Betrug, weil man es moralischer bewertet, wenn man sieht, was
passiert – etwa in der Politik, in populistischen Strömungen. Da nimmt man es nicht mehr so leicht hin, wenn jemand sehr locker mit der
Wahrheit umgeht.

 

Ist denn der Felix Krull für Sie noch immer eine sympathische Figur?
Seine Geschichte ist ziemlich traurig, wenn man darauf schaut, warum er nicht zufrieden ist mit der Wahrheit. Warum denkt er, er muss
sich eine andere Wahrheit schaffen? Da kann man sehr viel finden. Die Verletzungen, die Kränkungen, die er als Kind erfahren hat;
die Welt, in die er als Heranwachsender nicht hineinpasst; das Militär, vor dem er sich drückt. Er will immer woanders und etwas anderes sein.
Das hat damit zu tun, dass er ein Außenseiter ist. Das versuchen wir herauszuarbeiten. Das hat auch einen starken Bezug zu Thomas Manns Biografie. Der Hochstapler ist mehr oder weniger eine Metapher für einen Künstler und die Zweifel an der eigenen Künstlerexistenz.
Kann ich das wirklich, was ich behaupte zu können, ist das etwas wert? Diese Zweifel kennen viele Künstler. Bei Thomas Mann kommt
noch die Außenseiterrolle durch die Homosexualität hinzu, die er sein Leben lang nicht ausleben konnte oder wollte.


Wo liegt bei Ihrer Inszenierung der Schwerpunkt der Geschichte?
Im subjektiven Blick von Felix Krull auf die ihn umgebende Welt. Es beginnt mit der Rückschau, mit ihm als Erzähler. Wir zeigen die Kindheit
und Jugend, ganz zentral die Musterungsszene, in der er sich zum ersten Mal als aktiver Hochstapler erweist, dann Paris und die Hotelkarriere
bis zur Weltreise, die schon in Lissabon zu Ende ist. Den Felix als Kind habe ich mit der jungen Kollegin Nadja Wünsche besetzt, den
erwachsenen Felix spielt Flavio Kiener. Fünf weitere Darsteller übernehmen alle anderen Figuren, ungefähr 25 Rollen.


Betrachten Sie den aktuellen Film von Detlef Buck eigentlich als Konkurrenz?
Der Film hat ja ganz andere Möglichkeiten und einen ganz anderen Blickwinkel auf das Thema. Wir wollen eine adäquate Theaterfassung
machen. Der große Film könnte uns aber vielleicht sogar helfen, weil das Thema dann schon im Gespräch ist.

 

Sie haben in Altona das Musical „Catch me if you can“ inszeniert, auch eine Geschichte über einen Hochstapler und
raffinierten Gauner.

Ja, da gibt es viele Parallelitäten. Aber die beiden sind ganz unterschiedlich. Bei Felix Krull ist es nie so ganz klar, ob er bestimmte Ziele hat.
Ihm passiert einfach vieles durch seinen Charme, durch seine Erotik, so dass er irgendwie zufällig immer weiter nach oben stolpert.
Er ist selten wirklich aktiv. Er ist ja kein Sozialist, der die Welt ändern will. Er denkt: Es soll alles so bleiben. Nur sollte ich zu den Oberen gehören. Die anderen können ruhig bleiben, wo sie sind.


Sie sind ursprünglich Schauspieler. Seit 2005 führen Sie auch Regie in Hamburg und an anderen Stadttheatern. Für die Inszenierung
des Stückes „Fast genial“ sind Sie 2015 mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet worden. Wie sind Sie zur Regie gekommen?
(ironisch) Ich hatte – wie viele Schauspieler - gedacht, das könnte ich auch, beziehungsweise das könnte ich besser.
Aber dann kam auch die Idee: Ich will mehr Verantwortung übernehmen, ich will mich nicht nur um die eigene Rolle kümmern und möchte
mehr konzeptionell arbeiten. Die erste Chance hatte ich im Theater in der Basilika, das es inzwischen nicht mehr gibt. Da sollte ich eigentlich
spielen, aber dann fehlte ein Regisseur. Mit der Zeit habe ich dann gelernt, dass Regie führen doch nicht so leicht ist, dass mehr dazu gehört,
als ich gedacht habe. Aber nun macht es mir großen Spaß.


Mehr als die Schauspielerei?
Im Moment ist beides ziemlich ausgeglichen. Aber tendenziell interessiert mich das Inszenieren mehr. Obwohl ich immer noch gerne spiele.

 

Sie haben in Hamburg am Ernst Deutsch Theater, an den Kammerspielen, am Thalia Theater gespielt und stehen auch in Altona in mehreren Rollen auf der Bühne. 2003 erhielten Sie für den „Prinzen von Homburg“ von Kleist bei den Bad Hersfelder Festspielen den Großen Hersfeld-Preis. Gibt es für Sie eine Lieblingsrolle?
Kleist liebe ich sehr. Das ist eine Sprache wie Musik. Ich hätte auch gern mal den Hamlet gespielt und würde irgendwann gern den „Theatermacher“ von Thomas Bernhard spielen. Aber ich habe gemerkt, dass es vor allem auf die Konstellation in einer Produktion ankommt.
Mit wem macht man das, wer sind die Partner? Da gibt es manchmal einfach Glücksfälle.

 

Als Kind haben Sie im Hamburger Knabenchor St. Nikolai gesungen und auch Geige gespielt. Warum haben Sie die Musik nicht
zu Ihrem
Beruf gemacht?
Ich glaube, dafür war ich zu faul. Beim Geige spielen hatte ich nicht die Disziplin, um es professionell zu machen. Aber für die Rolle als
Dirigent in dem Stück „Wie im Himmel“ habe ich wieder sehr viel geübt. Da müssen die paar Töne, die ich spiele, schon gut klingen, weil behauptet
wird, dass der Dirigent Daréus einmal ein berühmter Geiger war.


„Wie im Himmel“ wird seit 2015 wegen des Erfolgs in Altona immer wieder gespielt, auch in diesem Jahr. Von dem Diskussions-Stück „Gott“ von Ferdinand von Schirach, in dem Sie als Bischof Thiel zu sehen sind, gab es nur wenige Aufführungen während der Corona-Pause. Jetzt wird es wieder in den Spielplan aufgenommen. Die Pandemie brachte in der Vergangenheit viele Spielpläne durcheinander.
Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Am Anfang hat es mich tatsächlich sehr hart erwischt. Ich habe am Altonaer Theater „Alle Toten fliegen hoch“ nach dem biografischen Roman
von Joachim Meyerhoff inszeniert. Die Premiere sollte am 15. März 2020 sein, und am 12. März, nach der zweiten Hauptprobe, wurden die
Theater geschlossen. Da machte sich doch schon eine Depression breit. Aber dann wurde uns relativ schnell klar gemacht, dass das Stück irgendwann doch noch aufgeführt werden soll. Im Frühjahr 2022 ist es soweit. Für mich war die Zeit danach eigentlich ganz schön. Ein bisschen Ruhe, viel Familie... Ich habe mit meinem jüngsten Sohn, der elf Jahre alt ist, Homeschooling gemacht. Aber beim zweiten Lockdown wurde es dann zäh. Ich habe zwar in den Kammerspielen ein Kinderstück inszeniert, aber proben, ohne spielen zu können – das ist hart.
Ich hatte zu tun und bin nicht in finanzielle Nöte geraten, aber das Eigentliche, das Aufführen, hat nicht stattgefunden. Aber anderen ist
es viel schlimmer ergangen.


Im Altonaer Theater werden prinzipiell „Bücher gespielt“. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde, das ist ein guter Weg für dieses Theater. Als Regisseur habe ich selbst einige Stückfassungen nach Romanen geschrieben,
zum Beispiel für „Alle Toten fliegen hoch“. Das ist eine faszinierende Aufgabe und zusätzlich eine gute Vorbereitung für die Regie.
Aber es kann auch ganz schön sein, wieder einmal ein Stück zu spielen, das speziell fürs Theater geschrieben wurde, sowas wie Yasmina Reza oder etwas Klassisches.


Was steht für Sie in der Zukunft an?
Ich werde im nächsten Jahr in Heilbronn das Musical „High Society“ nach dem Film mit Bing Crosby und Grace Kelly und der Musik
von Cole Porter inszenieren.


Interview: Brigitte Ehrich

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