Lüneburger Heidebauern © bpk-Bildagentur - Fide Struck (Slg. Thomas Struck)
Lüneburger Heidebauern © bpk-Bildagentur - Fide Struck (Slg. Thomas Struck)

Fide Struck:
Fisch. Gemüse. Wertpapiere.

Das Altonaer Museum zeigt noch bis zum 12. April 2021 die eindrucksvollen Hamburg-Bilder von Friedrich Struck aus den Jahren 1930 bis 1933.

 

Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin“, sang Marlene Dietrich einst voller Wehmut. Den schweren alten Holzkoffer, den Thomas Struck (72) in seinem Berliner Keller stehen hatte, wollte der Filmemacher am liebsten gar nicht auspacken. Zu groß war die Scheu vor der Auseinandersetzung mit dem Wirken des verstorbenen Vaters. Zu ekelig der Mief des Zweiten Weltkrieges, der ihm da aus verstaubten alten Nazizeitungen entgegenkroch. Doch 2015 siegte die Neugier, und er begann,
sein Erbe zu sichten.

 

Glücklicherweise. Denn das, was Fide Struck (1901–1985) 80 Jahre zuvor sorgsam in den „Völkischen Beobachter“ eingewickelt hatte, was in dem hölzernen Koffer den Zweiten Weltkrieg samt Feuersturm sowie etliche Umzüge quer durch Deutschland
unbeschadet überdauert hatte, entpuppte sich als eine kleine Sensation: 1500 Glasnegative, dazu ebenso viele Negative aus Zelluloid.
Alle von ungewöhnlich guter Qualität und historisch außerordentlich spannend – zeigen viele Aufnahmen doch ein Sujet, das anderen
Fotografen oft zu banal war, um es mit der Kamera festzuhalten: Alltag und Arbeitswelt in Hamburg, Anfang der 1930er Jahre: Ein halbnackter Hafenarbeiter, der sich nach der Schicht in der Elbe wäscht. Gemüsebäuerinnen mit ihren schweren Körben vor den Deichtorhallen. Der Bananenhöker, herausgeputzt mit Zylinder, Weste und weißem Hemd, am Altonaer Fischmarkt. Aber auch Kaufleute in der Hamburger Börse.
Eine Bauernfamilie in der Heide, wie sie die Kartoffeln mit der Hand aus der Erde holt, still, fast andächtig hinter dem karg gedeckten
Esstisch sitzt. Oder ganze Arbeitsprozesse, wie in einer Altonaer Fischräucherei, wo Frauen in Schürzen und Kopftüchern Fische ausnehmen,
Aale und Heringe räuchern und Fischpasteten herstellen. Diese Aufnahmen sind heute unschätzbare Zeitdokumente, die nicht zuletzt den
Charakter des Fotografen offenbaren, seine Empathie und seinen Respekt den sogenannten „kleinen Leuten“ gegenüber.

 

Aber auch formalästhetisch sind Fide Strucks eindringliche, unprätentiöse Schwarzweißbilder bemerkenswert: Sein sicheres Gespür für ungewöhnliche Bildausschnitte und Perspektiven, insbesondere die steilen Aufsichten von Emporen auf Menschengewimmel,
wie in der Fischauktionshalle oder in der Börse, verraten die Nähe zur Fotoavantgarde der 20er Jahre, zum Neuen Sehen und der Neuen
Sachlichkeit. Nach Hitlers Machtergreifung war damit jedoch Schluss. Arbeiterfotografie wurde zunehmend gefährlich, und so packte der Dokumentar den Koffer mit seinen wichtigsten Aufnahmen und fotografierte fortan, was ihm am nächsten stand: Seine Familie.

 

Zwei Jahre lang sichtete Thomas Struck das Vermächtnis seines Vaters, des gelernten Textilkaufmanns, der seine fotografischen Kenntnisse
bei der Kunsthandwerker Genossenschaft Gildenhall in Brandenburg erwarb und jahrelang zweigleisig arbeitete, als freier Fotograf in Hamburg
und Berlin und als kaufmännischer Angestellter. Ein schmerzhafter Prozess, wie der Sohn selbst sagt, denn viele Fragen bleiben offen.
Zum Beispiel, warum es keine Belege dafür gibt, dass die Fotos je veröffentlicht wurden?

 

Die Ausstellung im Altonaer Museum in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach und der bpk-Bildagentur, die jetzt digital hervorragend
aufbereitet auf der Internetseite des Hauses zu sehen ist, kann diese Frage nicht beantworten. Doch eines ist klar: Fide Struck scheint sich der historischen Dimension seiner Aufnahmen sehr bewusst gewesen zu sein. Der Tatsache, dass diese Menschen, diese Arbeitsprozesse,
schon bald einer untergegangenen Welt angehören. Und dass die Dokumentationen vielleicht, irgendwann einmal, für die Nachwelt von
Interesse sein könnten. Nun wird sein Lebenswerkt in das Archiv der Stiftung Preussischer Kulturbesitz überführt.
Ein würdiges Happy End für ein eindrucksvolles Vermächtnis.

Fide Struck“, Altonaer Museum, bis 12. April 2021, Museumstraße 23, 22765 Hamburg,
Mo/Mi – Fr 10 bis 17 Uhr, Sa/So 10 bis 18 Uhr, Dienstag geschlossen.
Corona-bedingte Änderungen der Öffnungs- und Laufzeiten sind möglich.
Digitaler Ausstellungsbesuch: https://shmh.de/de/fide-struck.

 

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