Regisseur Antoine Uitdehaag © Leo van Velzen
Regisseur Antoine Uitdehaag © Leo van Velzen

„Harper Regan“ im Ernst Deutsch Theater

Regisseur Antoine Uitdehaag spricht über seine Inszenierung von Simon Stephens Erfolgsstück am Ernst Deutsch Theater

 

Eine Frau am Wendepunkt: Der Tod ihres Vaters hat Harper Regan aus der Bahn geworfen.
Unversehens gerät sie in einen Lebensstrudel voller neuer Facetten, Erfahrungen und Abgründe.
„Sie ist an einem Punkt, an dem sie selbst entscheiden muss, wo sie steht und wie sie leben will.
Da sind keine Mächte über ihr, die sagen, wie es geht. Sie ist festgefahren in einem Leben voller Halbwahrheiten und kämpft sich durch zu einer Form von Ehrlichkeit, in der es sich vielleicht nicht einfacher, aber wahrhaftiger lebt.“ In diesem Konflikt liegt für Antoine Uitdehaag die Spannung,
die das Stück „Harper Regan“ des englischen Erfolgsautors Simon Stephens so faszinierend macht.
2008 – kurz nach der Uraufführung in London – erlebte es seine deutschsprachige Erstaufführung im Schauspielhaus in Hamburg. Jetzt inszeniert es der holländische Regisseur am Ernst Deutsch Theater.

 

Harper Regan, Anfang vierzig, hat eine fast erwachsene Tochter und einen guten Job, mit dem sie ihre Familie ernährt, da ihr Mann arbeitslos ist. Als sie erfährt, dass ihr Vater im Sterben liegt, reist sie spontan zu ihm, obwohl ihr Chef ihr mit Kündigung gedroht hat. Doch sie kommt zu spät.
„Das ist für sie ein Schlüsselmoment“, sagt Uitdehaag. Den Absprung habe sie noch bewusst gemacht, ohne zu wissen, wohin das führt. „Die Begegnungen danach sind Zufälle, auf die sie intuitiv reagiert.“ Selbstzweifel, Ängste und Begierden inbegriffen. In einer Szene des Stückes lernt ihre Tochter Sarah etwas über Gletscher. „Wo sich Eismassen immer mehr aufschichten, ist irgendwann der kritische Punkt erreicht, an dem der Gletscher anfängt zu fließen“, erklärt der Regisseur mit dem sympathischen Akzent. An
diesem Punkt ist Harper Regan in ihrem Leben angekommen. Am Ende ihrer Odyssee ist sie schließlich wieder dort, wo diese begann – und
doch ist alles anders.

 

In vielen kleinen Szenen schildert Autor Stephens, Spezialist für ausgefeilte Charakterpsychogramme, den Schicksalsweg seiner Protagonistin. „Ich sehe die Szenen als einzelne kleine Theaterstücke, die zusammen den großen Bogen ausmachen, den Harper geht“, sagt Antoine Uitdehaag. „Jede Szene hat immer wieder eine überraschende Wendung.“ Die Dialoge gestaltet Stephens in banal scheinender Alltagssprache. Doch Uitdehaag sieht mehr darin: „Sie scheinen einfacher, als sie sind. Sie sind genau komponiert und präzise – und mit Humor – geschrieben. Stephens geht mit sehr viel Leichtigkeit schwere Themen an.“

 

Seit rund dreißig Jahren inszeniert der 70-jährige Holländer auch in vielen deutschen Städten, von München bis Berlin, von Leipzig bis Mainz.
Er war Intendant am Ro Theater Rotterdam, als Jürgen Bosse, damals Intendant in Stuttgart, ihn 1990 als Regisseur an sein Haus holte. Nach Hamburg kam Uitdehaag erst vor gut drei Jahren, zunächst mit einem Gastspiel des Berliner Renaissance-Theaters, dann mit seiner ersten Inszenierung am Ernst Deutsch Theater: „Sophie“ von Roos Ouwehand. Für diese Rolle wurde die Schauspielerin Anika Mauer 2019 mit dem Rolf-Mares-Preis ausgezeichnet. Auch diesmal ist sie als Hauptdarstellerin dabei. In Berlin hat sie schon häufiger mit Antoine Uitdehaag zusammen gearbeitet. „Wir inspirieren uns gegenseitig“, schwärmt der Regisseur. „Sie ist reich an Emotionen. Wir verstehen uns in unserer Theatersprache.“ In weiteren Rollen sind unter anderem Intendantin Isabella Vértes-Schütter, Christian Nickel und Stephan Benson zu sehen.

 

Kammerspiel und Charakterstück oder Musical und große Bühne – Uitdehaag liebt die Abwechslung. Wichtig dabei ist ihm vor allem das
Publikum. Von sogenanntem Regietheater, das nur der eigenen Befriedigung dient, hält er überhaupt nichts. „Ich finde, dass Theater eine Kunst
ist, die nur im Zusammengehen von Publikum und den Leuten auf der Bühne funktioniert. Auf diese Art etwas zu erzählen, was das Publikum betrifft, berührt und zum Lachen bringt, das ist für mich der Grund, warum ich Theater mache.“ Sein nächstes Projekt wird ein kleines Musiktheaterstück in Rotterdam sein, das er zusammen mit einer Band entwickelt. Auch im Ernst Deutsch Theater sind zwei holländische
Musiker dabei, die eigens für „Harper Regan“ die Übergangsmusik zwischen den Szenen komponiert haben.

 

Sieht er als Holländer Unterschiede zwischen deutschem und holländischem Publikum? „Ich glaube, das deutsche Publikum ist geduldiger, es
akzeptiert auch ernste, schwerere Stücke. Man kann sich mehr trauen. In Holland ist das Bedürfnis an Unterhaltung vielleicht einen Tick größer.
Aber jedes Publikum ist anders.“

 

Brigitte Ehrich

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