H. LIst: Ringende Jungen © Herbert List Estate / Magnum Ph. / Ag. Focus
H. LIst: Ringende Jungen © Herbert List Estate / Magnum Ph. / Ag. Focus

Herbert List: Das magische Auge

Er war der „Fotograf der Stille“, Meister und Erfinder der „Fotografia Metafisica“,
jener Bilder, die das geheime Wesen der Dinge beschwören

 

Zur 8. Triennale der Photographie breitet das Bucerius Kunst Forum das Oeuvre von
Herbert List in seiner ganzen Fülle aus. Heute sind seine Bilder weitaus bekannter als sein Name: Die schönen, jungen, makellosen Männerkörper, die der Fotograf in vollendeter Ästhetik als Zitate antiker Skulpturen in Szene setzte. Die legendären Stillleben, allen voran das „Goldfischglas“ (1937) auf einer steinernen Brüstung von Santorin, umgeben vom Wasser der Ägäis, eine wunderbare Allegorie auf die Begrenztheit des Individuums.

 

Doch Herbert List (1903-1975) war mehr als ein sensibler Schöngeist, der die seit der Renaissance immer wieder aufflammende Begeisterung
für das antike Schönheitsideal teilte. Unbestritten gehören die sinnlichen Knabenbilder und surrealistisch angehauchten Stillleben zu den Ikonen der Fotografie. Die aktuelle Retrospektive stellt diese Meisterwerke jedoch nicht in den Fokus, sondern reiht sie ein in das facettenreiche Gesamtwerk, das eindringliche Porträts der damaligen Künstler-Avantgarde ebenso umfasst wie anrührende Schnappschüsse auf den Straßen
von Neapel und anderswo.

 

Vor 20 Jahren, in der Retrospektive des Museums für Kunst und Gewebe, galt es noch, die künstlerischen Qualitäten des Fotografen zu vermitteln.
„Das magische Auge“ hingegen rückt Lists Lebensumstände ins Blickfeld, dokumentiert, wie sich der homosexuelle Mann mit jüdischen Großeltern im Zweiten Weltkrieg durchschlug, welch großartige Fotoreportagen in der Nachkriegszeit folgten.

 

Fotoreporter - sicher keine Laufbahn, die dem Hamburger Kaufmannssohn in die Wiege gelegt wurde. Als ältester Spross einer wohlhabenden Kaffeehändler-Familie gehörte Herbert List zur hanseatischen „Jeunesse dorée“. Einer Jugend, die sich an Alster und Elbe traf, Jazz hörte und
über die Nazis spottete. Man kann sich den jungen List als lässigen, weltgewandten Bohémien vorstellen, für den ein gewisser Luxus ebenso selbstverständlich war wie die bunte Welt von Kunst, schwuler Kultur und ausgedehnten Reisen.
 

Das änderte sich gleichsam über Nacht. Wegen seiner homosexuellen Neigung und defätistischer Äußerungen war List ins Visier der Nazis
geraten. Der Hamburger emigrierte über die Schweiz nach Paris, wo ihm Künstlerfreunde halfen, Fuß zu fassen. Mit Ausbruch des Krieges ging
List dann nach Griechenland, wo ihm Auftragsarbeiten für die Athener Stadtverwaltung ein bescheidenes Einkommen sicherten. Kurz vor Einmarsch der Wehrmacht und unter Druck der deutschen Gesandtschaft aber musste er zurück nach Deutschland, diesmal nach München,
wo er geschickt durch Aufträge als Bildjournalist (zum Teil unter anderem Namen und wieder im Ausland unterwegs) der Einberufung entging.

 

Die Turbulenzen der Kriegsjahre könnten Romane füllen. Auch die Begegnung mit dem damals erst 12-jährigen Max Scheler (1928-2003),
der später sein Assistent und nach dem Tod sein Nachlassverwalter wurde. Gemeinsam bereisten die beiden in der Nachkriegszeit Italien,
Spanien und Griechenland. An den Bildern, die dort – 1957 und 1958 auch in Haiti, Jamaica und Mexiko – entstanden, lässt sich ein
Paradigmenwechsel feststellen. Die Reportagen zeigen den späten List als einfühlsamen Chronisten seiner Zeit. Als unerhört aufmerksamen Beobachter, der mit seiner neuen Leica-Kleinbildkamera das Leben aus der Nähe einfängt.

 

Die Retrospektive im Bucerius Kunstforum ist der Auftakt eines regelrechten kleinen „List-Festivals“ zur Triennale der Fotografie. Ausstellungen
im MKG und im Bargheer Museum flankieren sie. Warum dieser Fotograf jetzt wieder Konjunktur hat? Man weiß es nicht. Sicher nicht wegen
seiner Aufnahmen aus dem zerstörten Kiew 1943. Erschreckende Aktualität haben die Kriegsbilder dennoch.

 

Isabelle Hofmann

 

„Herbert List. Das magische Auge“, bis 23. Januar 2023, Bucerius Kunst Forum.
„Präuschers Panoptikum. Ein Tagebuch von Herbert List“, bis 11. September 2022, Museum für Kunst und Gewerbe.
„Passione e Destino – Aufbruch des Fotografen Herbert List und des Malers Eduard Bargheer in die mediterrane Welt“, bis 18. September 2022, Bargheer Museum im Jenischpark.

 

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