Isabella Vértes-Schütter © Oliver Fantitsch
Isabella Vértes-Schütter © Oliver Fantitsch

Wenn ein Virus Regie führt: Die Intendantin Isabella Vértes-Schütter vom Ernst Deutsch Theater im Gespräch

Frau Vértes-Schütter, wie haben Sie als Intendantin das vergangene Jahr der Corona-Pandemie
erlebt und bewältigt?
Isabella Vértes-Schütter: Am 12. März 2020 hatten wir die Premiere von „Leonce und Lena“.
Am 13. März war dann zugleich die zweite und letzte Vorstellung, danach mussten wir den
Betrieb einstellen. Mit einer solchen Maßnahme hatten wir zu dem Zeitpunkt alle nicht gerechnet.
Vor allem hat uns die Frage beschäftigt, wie und wann es weitergehen kann. Wir haben uns mit der Kulturbehörde darauf verständigt, dass wir mit der neuen Saison wieder in den Spielbetrieb gehen können und haben uns auf den Neustart vorbereitet. Es waren gewaltige Anstrengungen, das notwendige Schutz und Hygienekonzept zu erstellen und beim Publikum Vertrauen in die Sicherheitsmaßnahmen aufzubauen.


Was war das für ein Gefühl, als Sie im August wieder öffnen durften?
Im Rückblick muss man sagen, dass wir bis zum November sehr glückliche Wochen erlebt haben.
Wir haben „Tyll“ gespielt, wir haben mit Gilla Cremer „So oder so – Hildegard Knef“ auf die Bühne gebracht und auch eine Produktion mit dem Bundesjugendballett zeigen können, also ein vielfältiges Programm. Die Enttäuschung über den zweiten Lockdown war dann sehr groß, weil wir wirklich erlebt haben, wie sicher sich die Menschen in unserem Theaterbetrieb gefühlt hatten.


Welche Produktionen mussten verschoben werden?
Wir haben das Weihnachtsmärchen „Der Froschkönig“ erst einmal in die Osterzeit verschoben. Inzwischen sind wir dabei, es wieder auf Weihnachten zu verschieben. Wir mussten „Träum weiter“ und „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ verschieben und haben im zweiten Lockdown Goethes „Die Mitschuldigen“ und Ibsens „Gespenster“ auf Halde produziert. Aber das kann man nicht unbegrenzt machen.
Deshalb haben wir uns entschieden, auch auf einer digitalen Bühne Kontakt mit dem Publikum aufzunehmen. Zum Beispiel haben wir Heiner Müllers „Quartett“ in sechs Folgen produziert, die jeweils nach einer Woche Proben gestreamt wurden und nun als ganzes Stück in unserer Mediathek anzusehen sind. Es ist uns auch gelungen, unser plattform-Festival digital zu zeigen. Es war eine große Anstrengung, mit den
250 Jugendlichen, mit denen wir über unsere Jugendsparte verbunden sind, digital in Kontakt zu bleiben. Aber es sind beglückende
Produktionen entstanden.


Halten Sie Streaming auch für eine Zukunftschance?
Ich glaube, dass es schwierig ist, eine fertige Theaterproduktion abzufilmen und zu streamen. Ich persönlich sehe mir das nicht gerne an.
Aber wenn Formate extra dafür entwickelt werden, als neuer Weg, theatrale Geschichten zu erzählen, wird es für mich interessant.
Ich glaube, das hat als neue Kunstform auch Zukunft, man darf es nicht als Notlösung begreifen, sondern als Chance, etwas Neues auszuprobieren. Das kann spannend sein.


Als Intendantin haben Sie auch eine Mitverantwortung für Ihre Mitarbeiter. Wie sind Sie damit umgegangen?
Viele unserer festen Mitarbeitenden sind während des Lockdowns in Kurzarbeit. Da das Lohnniveau an den Privattheatern niedriger ist als
an den staatlichen Bühnen, stocken wir auf 100 Prozent auf. Außerdem versuchen wir, allen Künstlerinnen und Künstlern, die mit uns
verbunden sind, eine Perspektive zu bieten. Alle Verträge, die wir geschlossen hatten, haben wir gehalten. Ich höre aber immer wieder
von Regisseuren und von Schauspielern, dass sie an einem Punkt angekommen sind, an dem sie das Gefühl haben, nicht in ihrem Beruf
bleiben zu können, und sich umorientieren.

 

Ihr Sohn Daniel Schütter und seine Frau Lo Rivera sind auch Schauspieler. Wie kommen sie in dieser Situation zurecht?
Sie haben natürlich zu kämpfen, weil die Auftragslage nicht mehr so ist wie zuvor. Daniel war in der Produktion „Leonce und Lena“ vor
einem Jahr beteiligt, er wird auch in der nächsten Saison wieder bei uns spielen.


Sie sind selbst als Bürgerschaftsabgeordnete politisch tätig. Wie beurteilen Sie die Corona-Hilfen der Politik?
Ich arbeite als kulturpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion sehr eng mit Kultursenator CarstenBrosda zusammen.
Hier in Hamburg war es tatsächlich so, dass das Thema Kultur sehr früh in den Blick genommen wurde. Zum einen mit Soforthilfen,
zum anderen mit Förderrichtlinien, die uns über Liquiditätshilfen abgesichert haben. Was machbar ist, um die kulturelle Infrastruktur zu sichern,
das geschieht. Hamburg hat sehr schnell Rettungsschirme auf den Weg gebracht. Es sind die Bundesmittel, die uns bisher nicht erreichen.
Und ich bin sehr unzufrieden damit, dass die Beantragungsverfahren für die Bundesmittel so kompliziert sind.


Wie sehen Ihre Pläne für die nächste Spielzeit aus?
In der kommenden Saison feiern wir 70 Jahre Ernst Deutsch Theater. Da war es uns wichtig, dass wir die Projekte zeigen können, die wir
für die Jubiläumsspielzeit geplant hatten. „Leonce und Lena“ werden wir für eine Woche wieder aufnehmen. Zwei Stücke aus dem ersten Lockdown, „Träum weiter“ und „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ mit Gila von Weitershausen, haben wir in den Herbst dieses Jahres verschoben. Alle anderen Produktionen kommen neu in den Spielplan. Die Produktionen aus dem zweiten Lockdown, also „Gespenster“
und „Die Mitschuldigen“, kommen deshalb erst in der Spielzeit 2022/23.


Was haben Sie in der Corona-Zeit am meisten vermisst?
Man braucht in einem künstlerischen Prozess ein Ergebnis, das man den Menschen präsentieren kann, das gehört zur künstlerischen Arbeit
dazu. Und das vermissen alle, die hier arbeiten, sehr. Der Austausch mit dem Publikum ist so wichtig. Ich vermisse unser Publikum!

 

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