April Hailer, Gerhard Garbers © Claude Valon, Anatol Kotte
April Hailer, Gerhard Garbers © Claude Valon, Anatol Kotte

Josef und Maria:
Premiere in den Hamburger Kammerspielen

Eine ganz andere Weihnachtsgeschichte - Gerhard Garbers im Gespräch

 

Die Weihnachtsgeschichte einmal anders: Josef ist Nachtwächter, Maria Putzfrau. Beide sind Rentner, übrig geblieben nach der Weihnachtsfeier im nächtlichen Kaufhaus. Übrig geblieben im Leben. Zwei
Einsame, die der Zufall zusammen geführt hat. In mehr als 20 Sprachen wurde Peter Turrinis Stück „Josef und Maria“ übersetzt und wird auch 40 Jahre nach der Uraufführung weltweit gespielt.
„Einsame Menschen, besonders in der Weihnachtszeit, gibt es überall“, erklärt der österreichische Autor diesen Erfolg. Für die heutige Zeit leicht aufgefrischt, inszeniert Sewan Latchinian das Zwei-Personen-Stück jetzt an den Kammerspielen
mit April Hailer und Gerhard Garbers.

 

„Ich war sofort begeistert, als ich es gelesen habe. Es hat mich einfach angesprungen“, sagt Garbers und beschreibt seine Rolle. Der alte Josef arbeitet als Aushilfskraft für eine Wach- und Schließgesellschaft und geht mit seinen kommunistischen Weltverbesserer-Tiraden den Menschen
auf die Nerven. Sogar seine jüngeren Genossen halten ihn schlicht für verrückt. Noch schlimmer abserviert: Putzfrau Maria, die von ihrem Sohn
zu Weihnachten ausgeladen wurde, weil sie „nur Unruhe stiftet“, wie die Schwiegertochter meint. „Am Anfang erzählen sie ihre Geschichte fast in monologischer Weise nur sich selbst“, erklärt Garbers. Er hat selbst solche Situationen erlebt. „Einsame Menschen sind oft so gelagert, dass sie reden und reden, weil sie das Zuhören nicht gewöhnt sind. Und dann sind sie nicht in der Lage, auf den anderen zu achten, ob der das überhaupt hören will und ob es ihn interessiert.“

 

Doch Josef und Maria öffnen sich allmählich, offenbaren die Wünsche und Träume, die Hoffnungen ihres Lebens und kommen sich näher.
Garbers: „Dass es dann so eine Wendung gibt, das ist eigentlich sehr schön.“ Auch wenn man am Ende nicht so genau weiß, ob das dem Alkoholgenuss zuzuschreiben ist oder ob beide es als letzte Chance begreifen, einen Partner zu finden. Mit April Hailer als Partnerin
steht Garbers zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne. Mit dem „Näherkommen“ ist das in Corona-Zeiten allerdings so eine Sache. Es darf natürlich keine Küsse geben. „Aber man begreift auch so die Nähe, die die beiden verbindet.“

 

Die Situation der von der Wohlstandsgesellschaft ausgegrenzten Menschen, die sich mit ihren Jobs ein bisschen dazu verdienen, kann er gut
nachvollziehen. „Wir wissen doch, was auf uns zurollt; mit älteren Menschen, die 650 Euro Rente haben – wie soll das gehen?“ Er selbst
ist 78 und noch immer gut beschäftigt. Zuletzt drehte der Hamburger Schauspieler im März ein Special der Fernseh-Serie „Die Kanzlei“ als spät entdeckter biologischer Vater der „Anwältin“ Sabine Postel. Dann kam die Corona-Krise, die er als Sprecher von Hörbüchern überbrückte.
Auf der Bühne stand er zuletzt im Januar als Trompetenfanfaren blasender Bruder der mörderischen alten Damen in dem Krimiklassiker
„Arsen und Spitzenhäubchen“, seit elf Jahren ein Dauerbrenner im St. Pauli Theater.

 

Als Dauererfolg erwies sich auch die in plattdeutschen Döntjes und Liedern erzählte Geschichte der Hamburger Brüder Wolf, „Die Jungs mit dem Tüdelband“, die Regisseur Ulrich Waller mit Gerhard Garbers und Peter Franke 2002 zum ersten Mal herausbrachte und die nach 15 Jahren Unterbrechung wieder aufgenommen wurde und bis zum vergangenen Jahr lief. Dabei hatte Garbers zunächst Bedenken. „Meine Eltern haben früher ab und zu Platt gesprochen. Aber ich habe das merkwürdigerweise als Jugendlicher ganz abgelehnt. Bei der Arbeit habe ich mich
dann erinnert, dass auch viele Dinge, die meine Eltern so vor sich hin gesungen haben, von den Brüdern Wolf stammten.“ Inzwischen sind die Tüdelband-Jungs für ihn zu einem Lieblingsprojekt geworden.

 

Bochum, München, Düsseldorf – „ich habe die Theater durchrast“, erinnert sich Garbers, der in seinem langen Schauspielerleben mehrfach
ausgezeichnet wurde, u. a. mit dem Rolf-Mares-Preis. In den 80er Jahren wurde er wieder in Hamburg heimisch, beruflich zunächst am Schauspielhaus und an den Kammerspielen. Viele Fernsehauftritte kamen dazu. Besonders bekannt wurde er als Polizist Eugen Möbius in „Adelheid und ihre Mörder“ an der Seite von Evelyn Hamann.

 

Wie schafft er es, noch immer so große und intensive Rollen wie den Josef auf der Bühne durchzustehen? „Ich prüfe jedes Mal genau, ob ich es noch kann. Im Theater ist es dann wahrscheinlich so, dass ich die dreifache Arbeit leisten muss, um überhaupt dabei bleiben zu können - an meinem Text, an der Rolle und an der grundsätzlichen Probenarbeit.“ Fit hält er sich am Cross-Trainer und beim Laufen – 15 Etagen rauf und runter. Schließlich war er in jungen Jahren einmal erfolgreicher Mittelstreckenläufer. Seine Rollen lernt er durch wiederholtes Lesen.
„Die Texte lese ich bestimmt zwanzig, dreißig Mal – damit ich auf jeden Fall verstehe, worüber ich rede.“

 

Doch die Angst davor, endgültig alt zu werden, bleibt auch ihm nicht ganz erspart. „Es gibt immer irgendwann den Punkt, an dem man merkt,
dass es nicht mehr geht“, meint er. „Ich denke, solange der Kopf noch funktioniert, hat man noch Freunde. Wenn der Kopf nicht mehr funktioniert, bleiben die Freunde weg, und dann kommt auch die Einsamkeit.

 

Die Premiere wurde auf den 5. Dezember 2020 verlegt.

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