MAHNMAL FÜR DIE JUGEND VON HEUTE
Axel Schneider inszeniert die gesamte „Deutsche Chronik“ von Walter Kempowski in vier Teilen

Wie konnte der Nationalsozialismus passieren? Wie werden kommende Generationen über diese und die aktuelle Zeit urteilen, in der es erschreckend ähnliche Anzeichen gibt? Solche Fragen sind es, auf die Axel Schneider, Intendant des Altonaer Theaters, mit einem Mammut-Projekt aufmerksam machen möchte: Er bringt in dieser Spielzeit die gesamte „Deutsche Chronik“ von Walter Kempowski in vier Teilen auf seine Bühne. Mit dem Blick in die Geschichte will er auf unsere eigene Verantwortung hinweisen und einen unterhaltsamen Zugriff auf das letzte Jahrhundert schaffen.

Die Kempowski-Saga ist dafür bestens geeignet. In neun Bänden erzählt der Schriftsteller in einer Mischung aus Dokumentation und Fiktion vom Schicksal seiner eigenen Familie. Für die Bearbeitung bedeutete das, die Romane, beginnend vor dem 1. Weltkrieg, so zu bündeln, dass Zeitgeist und Atmosphäre des 20. Jahrhundert lebendig werden. „Meine eigenen Kinder, die 2002 und 2005 geboren wurden, haben keine numerische Berührung mehr mit dem letzten Jahrhundert“, sagt Axel Schneider und möchte mit den Mitteln des Theaters auch jungen Leuten etwas darüber erzählen. „Das hat vielleicht sogar einen Erziehungswert.“ Natürlich ohne belehrenden Zeigefinger. „Das wäre ja langweilig.“ Ein Beispiel gibt er aus dem zweiten Kempowski-Roman  „Schöne Aussicht“. „Da wird ganz genial deutlich gemacht, wie antisemitisches Gedankengut durch Bemerkungen und Aussprüche in eine eher unpolitische Familie eindringen. Gerade für jüngere Menschen kann das faszinierend sein, da hinein zu horchen und zu merken: So funktioniert das – das fällt denen ja selber gar nicht auf. Und das kann jedem passieren. Da ist das Stück natürlich für jeden interessant, aber gerade als Mahnmal für die Jugend.“

Trotz der ernsten Untertöne ist der Grundtenor der Romane jedoch immer unterhaltsam. „Ich habe eine große Affinität zu der Sprache Kempowskis“, meint Schneider, der „sogar freiwillig“ auch noch dessen Tagebücher gelesen hat. Selbst über schlimme Ereignisse berichtet der Autor mit lakonischem Unterton. Das Theater allerdings hat seine eigenen Regeln. In den Romanen gibt es auch viele Nebenstränge. „Das Theater braucht eine andere Stringenz“, weiß der Regisseur, „da ist die Bündelung ganz, ganz wichtig. Meine Hauptaufgabe ist es, die Romane theatralisch zu machen, die Geschichte mit der Familie zu erzählen, aber gleichzeitig die Zeitläufte, das Klima einer 1.Weltkriegs-Stimmung, einer Weimarer Republik, einer Nazizeit in Projektion auf die Familie einzufangen.“


Sein inszenatorischer Kniff, wie er es nennt: Es gibt eine durchgehende Bühne für alle vier Teile, und mit einem Ensemble von neun Schauspielern werden alle Rollen abgedeckt. Maximal bis zu zehn Rollen fallen auf einzelne Darsteller, im Laufe der Zeit werden die Darsteller der Kinder zu Eltern. Johann Richter spielt Walter Kempowski und den Erzähler, der die Handlung bündelt und vorantreibt. Der erste Teil, „Aus Großer Zeit“ beginnt mit Walters Großvater, einem Reeder in Rostock. Den zweiten Teil, „Tadellöser & Wolff“, hatte Axel Schneider schon einmal im Jahr 2010 auf die Bühne gebracht. Jetzt gibt es eine neue Bearbeitung, die anderen drei Teile der Kempowski-Saga sind Uraufführungen. Die beiden letzten Teile kommen im nächsten Frühjahr heraus (Weitere Infos der ersten beiden Stücke siehe Kasten).


Finanziell wurde das Großprojekt möglich durch die Unterstützung der Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur von Jan Philipp Reemtsma – der auch als Berater fungiert –, der Kulturstiftung des Bundes und der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg. Die ausschließlichen Rechte für die Dramatisierung von Kempowskis Romane hatte die Witwe des Schriftstellers Axel Schneider schon bei den früheren Bearbeitungen von dessen Werken erteilt. Diesmal lud sie sogar das ganze Ensemble zu einem Besuch in ihrem Haus in Nartum bei Bremen ein, das fast ein Kempowski-Museum ist.


Als Leiter der Burgfestspiele von Jagsthausen und der Festspiele in Heppenheim war Axel Schneider in diesem Sommer viel mit der Bahn unterwegs. Die Zeit nutzte er zum Schreiben. Überfordert fühlt er sich durch das Großprojekt und seine vielen Aufgaben als mehrfacher Theaterleiter nicht: „Das Wichtigste ist: mein Beruf macht mir Spaß.“ 

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DIE KEMPOWSKI-SAGA
TEIL 1 + 2
Die „Deutsche Chronik“ beginnt noch vor dem Ersten Weltkrieg: „Aus großer Zeit“. Karl, der Sohn des wohlhabenden Rostocker Reeders Kempowski, verliebt sich in die fromme Grete de Bonsac. Ihre Romanze wird jedoch vom Krieg grausam durchkreuzt. Nach 1918 zieht das Paar notgedrungen in eine Arbeitersiedlung und bekommt drei Kinder, darunter Walter Kempowski. Vor dem Hintergrund der Weimarer Republik kämpft sich die Familie durch.
Der zweite Teil der Chronik, „Tadellöser & Wolff“, spielt in den Jahren 1938 bis 1945. Von Hitler versprechen sich Walters deutschnationale Eltern einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Stattdessen müssen sie den Ausbruch des Krieges und die Zerstörung Rostocks durch Luftangriffe erleben. Walter will seine Mutter überreden, die Stadt zu verlassen. Sie jedoch will auf die Rückkehr ihres Mannes von der Front warten.