Brosche, diverse Materialien, 2012 © Margit Jäschke, MK&G
Brosche, diverse Materialien, 2012 © Margit Jäschke, MK&G

Kairos: Wenn aus Zufall Kunst wird

Das rund 30-jährige Schaffen der vielfach ausgezeichneten Künstlerin Margit Jäschke
wird im Rahmen der Reihe „Contemporary Craft“ vorgestellt

 

Diese Künstlerin ist in keine Schublade zu stecken. Begriffe wie „frei“ oder „angewandt“ wollen
bei ihr nicht greifen, auch wenn „Margit Jäschke - Kairos“ in der Reihe „Contemporary Craft“ im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen ist. Die ebenso facettenreiche wie puristisch inszenierte Retrospektive, die nach Leipzig, Pforzheim und München nun als letzte Station in Hamburg gastiert,
macht deutlich, dass Jäschkes Arbeiten die Grenzen des Kunsthandwerks mühelos sprengen.

 

Das altgriechische Wort „Kairos“ bedeutet so viel wie die gute Gelegenheit. Oder, wie es Margit Jäschke formuliert, „der Augenblick, in dem der Zufall einen… glücklichen Moment hervorbringt und
in dem für mich Überraschendes entsteht“. Überraschend sind die Arbeiten nicht nur für sie, sondern auch für den Betrachter, insbesondere, wenn sie die Dinge in die Hand nehmen. Was schwer aussieht, nach massivem Gold, Silber oder Emaille, ist in Wirklichkeit federleicht. Margit Jäschke
nutzt gern Verbundkarton und Wellpappe, genauso wie Plastik und Epoxidharz, zur Herstellung
ihrer organischen, oft floral anmutenden, mitunter aber auch streng konstruktivistischen Kreationen. Sie bearbeitet die Oberfläche der vermeintlich wertlosen Materialien derart gekonnt, dass sie sich in
echte Preziosen verwandeln. In Kleinplastiken und Reliefs, vor allem aber in Schmuckobjekte, Ketten
und Broschen. Und somit firmiert diese Ausnahmegestalterin in der Regel als Schmuckkünstlerin, obwohl sie auch großformatige
Wand- und Bodeninstallationen schafft, spannungsgeladene Collagen und Bild-Mosaike. Diesen sieht man schon von weitem an,
dass die 1962 in Halle an der Saale geborene und an der Burg Giebichenstein ausgebildete Künstlerin (dort unterrichtete sie auch
von 1991-2001) eine unbändige Lust am Formenspiel auszeichnet. Margit Jäschke fügt zusammen, was nicht zusammengehört
und schafft so die wunderbarsten Collagen und Assemblagen en miniature.

 

Dabei geht die Künstlerin mit dem Forschungseifer einer Alchemistin ans Werk. Ihre Kreativität und Intuition scheinen grenzenlos,
wenn sie Bruch und Fundstücke, Fotos, Edelsteine, Papier, Silber, Gold, Holz, Mineralien, Stahl, Glas, Kunststoffe und vieles
mehr zu farbigen, immer ein wenig spontan und unvollkommen wirkenden Kostbarkeiten komponiert. In ihrer manchmal spröden
Anmutung erinnert diese Formsprache an die Arte Povera-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre, an Künstler wie Jannis
Kounellis, Mario Merz oder Michelangelo Pistoletto, die aus „armen“, ganz alltäglichen Materialien wie Draht, Bindfaden, Glas-
splittern und Stoffresten raumgreifende Installationen schufen. Die Schmuckobjekte, Broschen, Colliers und Kleinplastiken von
Margit Jäschke hingegen lassen sich in jeder Handtasche verstauen. Doch sie beweisen einmal mehr, dass auch kleine Dinge
große Kunst sein können.

 

Isabelle Hofmann

 

„Margit Jäschke – Kairos“, bis 28. April 2024, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg,
Di – So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21
Uhr. Erster Do im Monat ab 17 Uhr freier Eintritt.
Zur Ausstellungstournee erschien bei arnoldsche Art Publishers die Monografie „Margit Jäschke – Kairos“ mit vielen
Abbildungen für 38 Euro.

Weitere Informationen auf www.mkg-hamburg.de

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