Odysseus und Kalypso                 © Elke Walford, Hamburger Kunsthalle
Odysseus und Kalypso © Elke Walford, Hamburger Kunsthalle

Max Beckmann: weiblich - männlich

Starker Mann und schwache Frau?

Auf der Suche nach dem Weiblichen im Werk des wohl männlichsten deutschen Expressionisten

 

Max Beckmann (1884–1950) auf lavendelfarbigen Wänden zu präsentieren, das hat noch niemand gewagt. Aber es ist ja auch noch nie jemand auf die Idee gekommen, ausgerechnet den kantigsten,
kraftvollsten, virilsten unter allen Expressionisten, diesen Berserker von einem Maler auf seine weiblichen Anteile hin zu befragen. Bis Beckmann-Expertin Karin Schick die Ungereimtheiten in seinem Werk nicht mehr beiseiteschieben konnte und sich noch einmal ganz neu auf den allseits erforschten, gleichsam ausgeforschten Künstler einließ und genau hinsah. Das Ergebnis ist die beeindruckend konzentrierte Ausstellung „Max Beckmann: weiblich-männlich“, die tatsächlich mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

 

Sohn Peter sprach vom Vater nur als „Max Beckmann“. Das Verhältnis war zeitlebens distanziert. Selbst als Peter in einem Brief die Geburt der Enkeltochter mitteilte, antwortete der Künstler zwar mit freundlichen Glückwünschen, fügte dann aber hinzu, dass man ihn, sollte sich so ein Ereignis wiederholen, nicht in Kenntnis setzen müsse.
Solche Anekdoten sprechen sicher nicht für versteckte weibliche Anteile Beckmanns. Ebenso wenig seine zahlreichen Selbstporträts. Immer wieder setzte der Maler seinen Quadratschädel mit monumentaler Wucht in Szene. Und auch die Fotografien, die ihn privat am Strand und anderswo zeigen, breitbeinig, das kantige Kinn vorgestreckt, Hände in den Hosentaschen, Zigarette lässig im Mund, die Frau als schmückendes Beiwerk an ihn geschmiegt, lassen nur einen Schluss zu: Hier posiert der „vielleicht männlichste aller Maler Deutschlands“, wie ein Zeitgenosse Max Beckmann einmal nannte.

 

Doch je mehr sich Kuratorin Karin Schick mit dem „gut abgehangenen“ Beckmann-Werk und den darin scheinbar festgeschriebenen Geschlechterrollen „starker Mann, schwaches, ewig lockendes Weib“ befasste, desto mehr stieß sie auf „irritierende Details“, die sie nicht mehr losließen. Liegt die Frau nicht außerordentlich entspannt auf dem Bett, während sich der „Vampir“ (1947/48) über sie beugt? Wirkt der geflügelte
Blutsauger nicht eher wie ein schutzbedürftiges Kind, das sich in Fötus-Stellung an sein „Opfer“ kuschelt? Und was ist mit der berühmten
Bettszene „Odysseus und Kalypso“ (1943), in der sich der Held von der nackten Schönheit verwöhnen lässt? War es nicht die Nymphe, die Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel gefangen hielt? Wer ist hier nun stark und wer ist  schwach? Diese Ambivalenz lässt sich in der Tat in etlichen Werken dieser wunderbaren Schau feststellen, die mit rund 140 Gemälden, Plastiken und Arbeiten auf Papier eine bislang gänzlich
unbeachtete Facette in der Beckmann-Forschung beleuchtet.

 

In acht Kapiteln, von den Selbstporträts über das „Doppelselbst“ (mit seinen Frauen), den Gesellschafts- und Kriegsbildern, bis zur völligen Verstrickung der Geschlechter in „Lust und Leid“ und den Urlandschaften mit ihren aus Eiern geschlüpften Menschen, wird Beckmanns Werk
auf die Geschlechterfrage abgeklopft. Ein enormes Unterfangen, das erfreulicherweise auch kaum bekannte Arbeiten des Expressionisten
umfasst und klar macht, dass die Rollenverteilung in seinem Werk längst nicht so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick wirken mag.
Max Beckmann war fasziniert von der Vorstellung, dass die Menschen aus einer einzigen Ursuppe als androgyne Wesen hervorgingen, die
sich nach dieser Einheit letztlich auch immer zurücksehnten. Zudem befasste er sich intensiv mit Schriften von Freud und C.G. Jung, die sich
mit Individualität, Geschlecht und Sexualität auseinandersetzen. Viele Arbeiten legen davon beredt Zeugnis ab. Die feminine Geste im Bildnis
des homosexuellen Ludwig Berger (1945), der sich mit Blumen über die Hand streicht, ebenso wie das kraftvolle, so gar nicht feminine
„Bildnis einer Rumänin“ (1922) mit ihren selbstbewusst in die Hüften gestützten Armen. Ganz zu schweigen von den „Schwebenden“ (1944),
einem lesbischen Liebespaar, dessen Anblick damals sicherlich zu einem Skandal geführt hätte, wäre es groß bekannt gewesen.

 

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob diese sehenswerte Ausstellung in eine „neue Dimension der Genderdebatte“ vorstößt, wie
Kunsthallenchef Alexander Klar meinte. Die Ambivalenz im Werk Beckmanns aber ist unstrittig. Eine Ambivalenz, die nicht nur den
Künstler, sondern die ganze, von zwei Weltkriegen erschütterte Epoche auszeichnete.

 

„Max Beckmann: weiblich – männlich“, bis 24. Januar, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, Di bis So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr.

Alle Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de.

 

Bitte beachten Sie, dass die Hamburger Kunsthalle corona-bedingt bis zum 30. November 2020 geschlossen bleibt.

 

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