G. Richier, Schachspiel © VG Bild Kunst/Hamb. Kunsthalle/E. Walford
G. Richier, Schachspiel © VG Bild Kunst/Hamb. Kunsthalle/E. Walford

Von Mischwesen - Skulptur in der Moderne

Großartige Plastiken von Henry Moore, Germaine Richier, Ewald Mataré,
Aristide Maillol und vielen anderen in der Kunsthalle

 

Die Hamburger Kunsthalle hat ihren guten Ruf der Gemäldesammlung und dem Kupferstichkabinett zu verdanken. Die Plastik ist hier zwar kein „Stiefkind“ mehr, wie
sie der Nachkriegs-Direktor Carl Georg Heise 1948 in seinem programmatischen
Aufsatz über den hauseigenen Sammlungsbestand bezeichnet hat, aber nachrangig zur Malerei und Grafik ist sie heute immer noch. Umso erfreulicher, dass nun erstmals seit
mehr als 20 Jahren wieder eine thematische Ausstellung von Plastiken und Skulpturen
zu sehen ist: „Von Mischwesen, Skulptur in der Moderne“.
 

Denkt man an Mischwesen, so fallen einem vor allem die Gottheiten der ägyptischen und griechischen Mythologie ein: Die Sphinx mit ihrem Löwenkörper und Menschenkopf; Ammut, die altägyptische Göttin des Jenseits mit Krokodilkopf, Löwenpfoten und Nilpferd-Hinterteil; der
kretische Minotaurus und die Chimaira, ein feuerspeiendes Monster aus Löwe, Schlange und Ziege, das als Chimäre später zum Synonym
für Mischwesen aller Art avancierte. Für die „Mischwesen“, die derzeit in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sind, ist diese Definition allerdings
zu kurz gegriffen. Die Ausstellung zeigt vielmehr dreidimensionale Arbeiten, in denen Metamorphosen deutlich werden. Verwandlungen und

Verschmelzungen mit der Natur. Sogar Allegorien, wie Aristide Maillols liegendes Monumentalweib „Der Fluss“ (1939/43), hat der junge Kurator Jasper Warzecha miteinbezogen.
 

Eine etwas arg weitgegriffene Interpretation der Thematik fällt bei mehreren Bronzen auf, etwa bei Marino Marinis großartigem „Pferd“ (1950),
das sinnbildhaft für das menschliche Leid stehen mag, aber noch lange kein „Mischwesen“ ist. Genauso wenig, wie Reinhard Denkhahns
„Krebs“ (1957–58), eine Kleinplastik, die vor allem durch ihre Materialcollage besticht, oder etwa Ewald Matarés Tierplastiken, „Liegender Stier“ (1927) und „Liegende Kuh“ (1946), „Ursymbol einer erstrebenswerten Symbiose aus Lebewesen und Natur“, wie Warzecha im Katalog schreibt.
Da stellt sich die Frage, wie er „Natur“ hier definiert, schließlich sind alle Lebewesen essenzieller Bestandteil der Natur. Somit kann man die Position, alle abstrakten bzw. abstrahierten Plastiken und Skulpturen mit organischem Formenkanon als „Mischwesen“ zu deklarieren,
als durchaus diskussionswürdig betrachten.


Aber sei’s drum: Es ist ein großes Vergnügen, so viele Werke der Klassischen Moderne endlich einmal wieder versammelt zu sehen – und
„echte Mischwesen“ gibt es selbstverständlich auch, allen voran die fantastische fünfköpfige Figurengruppe „Das große Schachspiel“ (1959/61)
von Germaine Richier, König, Dame, Läufer, Springer und Turm, zwei- und dreibeinige Fabelwesen, die eher Assoziationen von Tieren als von Menschen hervorrufen, und die der Kunsthistoriker Werner Hofmann 1958 als „grauenhafte Relikte eines beschädigten Menschentums“
charakterisierte.

 

Ebenso großartig: Henry Moores „Drei stehende Figuren“ in ihrer Kombination aus organischen und anorganischen Formstücken, sowie Ursula
Querners „Homo Aquaticus“ (1962), der tatsächlich an einen Minotaurus erinnert und überdies ausgesprochen frech und anzüglich wirkt:
In einer Hand hält er einen Keil an den Lenden wie einen steif aufgerichteten Penis.

 

„Von Mischwesen - Skulptur in der Moderne“, bis 31. Juli 2022, Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 

Di - So 10 - 18 Uhr, Do 10 - 21 Uhr.
Alle Infos – auch zu den aktuellen Besuchsbedingungen – finden Sie auf www.hamburger-kunsthalle.de.

 

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