Peter Bause (links) und Pierre Sanoussi-Bliss © Anatol Kotte
Peter Bause (links) und Pierre Sanoussi-Bliss © Anatol Kotte

Miteinander gegen den Rest der Welt

Sewan Latchinian inszneniert Herb Gardners Schauspiel „Ich bin nicht Rappaport“ mit Peter Bause (links) und Pierre Sanoussi-Bliss

Zwei Männer auf einer Parkbank in New York: der eine ein achtzigjähriger Jude mit Helfersyndrom, ein Ausbund an Empathie, der andere etwas jüngerer Schwarzer, der sich am liebsten unsichtbar machen möchte. So gegensätzlich sie auch sind, verbünden sie sich miteinander gegen den Rest der Welt. Der schwarze Midge soll seinen Job als Hausmeister verlieren. Nat greift ein, man darf sich schließlich nicht alles gefallen lassen – und provoziert dadurch aberwitzige Situationen.

„Ich habe eine große Sympathie für Menschen, die sich einmischen, für Menschen, die sich für andere interessieren und andere Werte verteidigen als finanzielle“, sagt Sewan Latchinian, der Herb Gardners Schauspiel „Ich bin nicht Rappaport“ in den Kammerspielen inszeniert.“ Er sieht darin auch einen Beitrag zur gegenwärtigen Wertediskussion in dieser Gesellschaft. Der Titel, so erklärt er, sei ähnlich wie bei Becketts „Warten auf Godot“ poetisch offen gehalten. Wer ist Rappaport? „Vielleicht ist es gerade der, der am entschiedensten behauptet, es nicht zu sein.“ Wer weiß ...
1986 wurde das Stück mit dem Tony Award ausgezeichnet, 1996 mit Walter Matthau verfilmt. 1987 spielten Will Quadflieg und Kurt Meisel die Hauptrollen im Thalia Theater, und in Berlin entfachte Dieter Hallervorden 2012 eine Diskussion über „Blackfacing“, weil er in seinem Schlosspark Theater seinen Partner Joachim Bliese schwarz schminken ließ.

Für Sewan Latchinian (58) ergibt sich dieses Problem nicht. In den Kammerspielen stehen Peter Bause als Nat und Pierre Sanoussi-Bliss als Midge auf der Bühne. Bause war hier zuletzt in „Place of Birth: Bergen Belsen“ zu sehen, Sanoussi-Bliss, Schauspieler, Autor und Regisseur, wird Krimifans vielleicht noch als farbiger Kommissar aus der Fernsehserie „Der Alte“ bekannt sein. Latchinian kennt ihn schon lange. „Er war ein Jahrgang unter mir an der Schauspielschule Ernst Busch in Berlin.“ In diesem Jahr holte der Regisseur ihn auch zu den Burgfestpielen in Jagsthausen. „Er war der erste Darsteller des Götz von Berlichingen mit Migrationshintergrund.“

Latchinian selbst war in den Kammerspielen bereits als Schauspieler („Die Nervensäge“) und als Regisseur („Nein zum Geld?“) präsent, bevor er mit Beginn dieser Saison künstlerischer Leiter des Theaters wurde. Welches dieser Aufgabengebiete ist ihm am liebsten? „Das ist genauso schwer zu sagen, als wenn man eine Mutter fragt, welches ihrer drei Kinder ihr das liebste ist. Es ist mir alles gleichermaßen wichtig.“ Der gebürtige Leipziger war zu DDR-Zeiten am Deutschen Theater Berlin engagiert, gründete dort eine kleine Experimentierbühne, machte die Neue Bühne Senftenberg 2005 zum „Theater des Jahres“ und übernahm 2014 das vierspartige Volkstheater Rostock als Intendant, was nach schweren Disputen vor Gericht endete, mit Erfolg für den Intendanten.

„Es war eine zum Teil traumatische Erfahrung in Rostock, wo es keine Theaterliebe gab wie in Hamburg“, sagt Latchinian heute und ist froh, „nicht mehr so kämpfen zu müssen.“ Zum ersten Mal arbeitet er jetzt an einem kleinen Privattheater – und sieht den Namen zugleich als Konzept: „Kammerspiele – das ist einerseits eine architektonische Maßeinheit, klein und intim, und es ist auch eine bestimmte Sorte von Theaterliteratur.“ Im Sinne der langen Tradition des Hauses denkt er da vor allem an Klassiker wie Goethes („Stella“), Ibsens („Hedda Gabler“) und andere. In Zusammenarbeit mit Intendant Axel Schneider möchte er in Zukunft u. a. auch das Kinder- und Jugendtheater ausweiten und den Logensaal mehr zu einem Ort des Experiments machen.