Die aktuellen Neuproduktionen

Penthesilea © Monika Rittershaus
Penthesilea © Monika Rittershaus

der Privat- und Staatstheater


THALIA THEATER
PENTHESILEA
Im Kampf gegen die Trojaner erschlug der griechische Held Achill die Amazonenkönigin Penthesilea. Doch als er der sterbenden Amazone ins Gesicht sah, verliebte er sich unsterblich in sie. So erzählt es der alte griechische Mythos. Im Schauspiel von Heinrich von Kleist (von 1808) verliebt sich Penthesilea während des Kampfes in den Griechen. Da sie jedoch als Amazone nur den Mann lieben darf, den sie besiegt, zerfleischt sie Achill zusammen mit ihren Hunden. Was bleibt in beiden Versionen, ist die unbezwingbare Liebe. Und genau darauf fokussierte Johan Simons seine Inszenierung für das Schauspielhaus Bochum, die im vergangenen Jahr auch bei den Salzburger Festspielen zu sehen war und nun ins Thalia Theater kommt. In einem Kammerspiel für zwei Personen, optisch reduziert auf einen schmalen Lichtspalt, lässt Simons die feindlichen Liebenden umeinander kämpfen und tänzeln. Ständig werden die Machtverhältnisse neu austariert. In diesem Spiel geht es nicht um Liebeswerbung und Verführung, sondern um Unterwerfung und Stärke. Das kann nur tödlich enden. Sandra Hüller und Jens Harzer brillieren in dem emotionalen Machtkampf.

THALIA THEATER
EINE FAMILIE
Es ist das Ende einer gesellschaftlichen Fassade, die nur noch von Alkohol, Tabletten und Lebenslügen zusammen gehalten wird, das Gegenstück zum amerikanischen Traum: Diese Familie zersprengt sich selbst in einer beispiellosen Psycho-Schlammschlacht. „August. Osage County“ heißt das Drama des US-Autors und Schauspielers Tracy Letts, das 2008 ein Riesen-Broadway-Erfolg war, mit dem Pulitzer Preis und dem Tony Award ausgezeichnet und im Original mit Meryl Streep in der Hauptrolle verfilmt wurde. Berverly Weston, gescheiterter Dichter und Alkoholiker, hat sich das Leben genommen. Im Haus seiner krebskranken Frau Violet versammelt sich der Rest des Clans, Violets Schwester und ihre drei Töchter samt Anhang. Mehr oder weniger wehrlos sind sie den giftigen Verbalattacken der tablettensüchtigen Violet ausgeliefert. Gnadenlos rechnet sie ab mit all den nie gelösten Konflikten und Lügen in der Familie. Ein bisschen Ibsen-Dramatik, ein bisschen US-Sitcom-Komik. Im Thalia Theater inszeniert Hausregisseur Antú Romero Nunes das ausufernde Panorama der Mittelschichts-Gesellschaft unserer Zeit mit Karin Neuhäuser in der Rolle der Violet.  

SCHAUSPIELHAUS
DIE ÜBRIGGEBLIEBENEN
Drei Stücke von Thomas Bernhard (1931–1989), drei Mal Geschwister, die gefangen sind in den neurotischen Strukturen ihrer Familien. In „Vor dem Ruhestand“ bereiten die Geschwister Höller - wie in jedem Jahr - ein Geburtstagsfest vor; in „Ritter, Dene, Voss“ warten zwei Schwestern auf die Rückkehr ihres Bruders aus der psychiatrischen Klinik; in „Auslöschung“ trifft Frank Murau nach langer Zeit bei der Beerdigung der Eltern mit seinen beiden Schwestern zusammen. Konflikte brechen auf, die Vergangenheit belastet auch die Gegenwart, denn Rudolf Höller ist ein Alt-Nazi, der heimlich Himmlers Geburtstag feiert. Und Frank Murau muss bei seiner Heimkehr erkennen, dass die nationalsozialistische Erziehung seine Schwester und sogar ihn selbst nachhaltig geprägt hat. Darin sieht Regisseurin Karin Beier das verbindende, gerade in unserer Zeit besonders aktuelle Element, das sie in der Verknüpfung der drei Stücke herausarbeitet: die Familie als Quelle für eine patriarchalische und faschistische Grundhaltung, die sich in den „Übriggebliebenen“ manifestiert.

ALTONAER THEATER
ACH, DIESE LÜCKE, DIESE ENTSETZLICHE LÜCKE
Drittes Kapitel aus dem Leben des Schauspielers und Autors Joachim Meyerhoff: Einzug bei den Großeltern in München und Schauspielstudium an der renommierten Falckenberg-Schule. Mit der Erzählung „Wann wird es wieder so, wie es nie war“, Meyerhoffs Kindheit auf dem Gelände einer Psychiatrie, feierte das Altonaer Theater 2017 schon große Erfolge. Jetzt kommt die Fortsetzung in der Bearbeitung und Inszenierung von Henning Bock. Wieder besticht der Stil des Autors durch die Balance zwischen selbstironischem Witz und Tragik. Nach einem Austauschjahr in Amerika (2. Band der Autobiographie) wird der junge Meyerhoff 1989 überraschend von der Schauspielschule in München angenommen. Bei den Großeltern richtet er sich ein zwischen Disziplin und Skurrilität. Die Großmutter war einst selbst eine Schauspiel-Diva, der Großvater ist ein ehrwürdig strenger Professor. Im Schauspielunterricht ist er gezwungen, ständig sein eigenes Ich auseinander zu nehmen, und fühlt sich oft überfordert. Abends auf dem Sofa ertränkt er seine Verwirrung mit Rotwein. Der Theater-Aspirant von damals hat es inzwischen längst an die großen Bühnen geschafft: Im SchauSpielHaus spielte er zuletzt in Hamburg den Shylock in Shakespeares „Kaufmann von Venedig.“  

KOMÖDIE WINTERHUDE
DIE NIERE
Das Problem Organspende ist nicht unbedingt ein Thema für eine Komödie. Für den österreichischen Autor und Kabarettisten Stefan Vögel schon: Der Spezialist für Mundartstücke, treffsichere Ping-Pong-Dialoge und aktuelle Zeitbezüge nennt sein neuestes Stück „Die Niere“. Doch soll es dabei nicht so sehr an die Nieren, sondern vielmehr ans Herz gehen. Kathrin, die Frau des erfolgreichen Architekten Arnold, ist erkrankt und braucht eine neue Niere. Arnold kommt als Spender in Frage, doch er weigert sich. Anders sein Freund Götz. Der wäre sofort bereit, sein Organ für Kathrin zu spenden. Was wiederum seiner Frau Diana nicht passt. Wie nicht anders zu erwarten, entwickelt sich daraus ein Disput, der gespickt ist mit Sticheleien, Gemeinheiten und unliebsamen Wahrheiten. „Es geht letztlich um die Frage: Liebst du mich wirklich?“, meint Ex-„Tatort“-Kommissar Dominic Raacke, der es fertig bringt, dem arroganten Kotzbrocken Arnold auch sympathische Züge abzugewinnen. Als Kathrin ist Katja Weizenböck in Martin Wölffers Berliner Uraufführungs-Inszenierung zu sehen, die jetzt nach Hamburg kommt.

ENGLISH THEATRE
BEAUTY OF THE FATHER
Der heute 58-jährige Autor Nilo Cruz kam 1970 mit seinen Eltern als Flüchtling in die USA. 2003 wurde er mit dem Pulitzer-Preis für Theater ausgezeichnet und zählt zu den angesagten neuen amerikanischen Dramatikern. In seinem Stück „Beauty of the Father“ (2006), konfrontiert er amerikanische Gegenwart mit dem Gedankengut des Dichters Federico Garcia Lorca (1898–1936). Nach dem Tod seiner Mutter reist ein Mädchen aus den USA in den Süden Spaniens, um seinen Vater näher kennenzulernen, der seine Familie zehn Jahre zuvor verließ. Dort verliebt es sich in den marokkanischen Hausboy ihres Vaters Emiliano. Der aber ist nicht nur mit Emilianos Geliebten verheiratet, sondern hat auch selbst ein Verhältnis mit ihm. Verwirrung pur für die Tochter. In Geisteswahrnehmungen wird Emiliano an Garcia Lorcas Tugenden erinnert. Mit klassischer Gitarren-Musik und Flamenco untermalt, verleiht Cruz dem Spiel eine magisch poetische Atmosphäre.

ALLEE THEATER
ADINA ODER DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
Die Entführung aus dem Serail – aber diesmal nicht von Mozart. 26 Jahre nach dessen Oper nutzte auch Gioachino Rossini den orientalisch-exotischen Reiz für seine „Adina“. Es war 1817 ein Auftragswerk eines portugiesischen Edelmanns als Geschenk für eine von ihm verehrte Sopranistin. Doch Rossini wurde wegen anderer Arbeiten und Krankheit zu spät fertig , der geplante Termin platzte. Erst neun Jahre später wurde die Oper in Lissabon uraufgeführt – ohne die besagte Sängerin. Ein Singspiel aus dem Jahr 1781 lag Mozarts Oper zugrunde. Rossini griff das Thema auf. Bei ihm geht es um die Sklavin Adina, die der Kalif von Bagdad heiraten will. Als Adinas verloren geglaubter geliebter Selimo auftaucht, beschließen beide zu fliehen. Der Plan wird aufgedeckt, und Selimo soll hingerichtet werde. Doch als der Kalif bei Adina ein Medaillon entdeckt, das sie als seine Tochter ausweist, lässt er Gnade walten. Die Liebenden dürfen heiraten.  

HAMBURGER ENGELSAAL
PRIMADONNA ASSOLUTA
Sie war nicht nur eine Sängerin – sie war eine Diva, skandalträchtig, faszinierend, betörend. Primadonna assoluta wurde sie genannt, eine der bedeutendsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts: Maria Callas. In den 50er Jahren war sie der Star der Mailänder Scala. Sie und ihr Lieblingspartner (und angeblich zeitweise auch Liebhaber) Giuseppe Di Stefano galten damals als Idealpaar der italienischen Oper. Auch 1973, als sie mit dem sizilianischen Startenor ihre Abschiedstournee in Hamburg startete, wurde sie noch bravourös gefeiert. Doch konnte kaum etwas darüber hinweg täuschen, dass beide den Höhepunkt ihrer Karriere längst überschritten hatten. Bei dem jüngst verstorbenen Autor Karl-Heinz Wellerdiek spielt das keine Rolle: Er führt die beiden kurz vor dem Konzert noch einmal zu einer glanzvollen Probe zusammen. Während sie ihre berühmtesten Arien einstudieren, lassen sie Leben und Karriere Revue passieren. Miriam Sharoni und Hendrik Lücke sind die Sängerstars im Engelsaal.