Die aktuellen Neuproduktionen

Robin Busch (li) und Boris Aljinovic in
Robin Busch (li) und Boris Aljinovic in "Der Fall Furtwängler" © Timmo Schreiber

der Privat- und Staatstheater


THALIA THEATER
Maria
Simon Stephens gehört in Deutschland zu den meistgespielten ausländischen Gegenwartsautoren. Seine zentralen Themen sind gesellschaftliche Isolierung und daraus resultierende Gewalt, soziale Probleme und Kommunikationsschwierigkeiten. In seinem neuesten Stück, das im Thalia Theater in der Inszenierung von Sebastian Nübling uraufgeführt wird, entwickelt er das Por-trät einer jungen Frau in drei Phasen, in denen Geburt, Liebe und Tod im Mittelpunkt stehen. Maria, genannt Ria, ist 18 Jahre alt und erwartet ein Kind. Ihre Mutter und ihr Bruder sind tot, ihr Vater ist überfordert. Wer der Vater des Kindes ist, weiß sie nicht so genau. Rastlos pilgert sie durch die Stadt, auf der Suche nach etwas Unbestimmbaren. Allein bekommt Maria ihr Kind. Als ihr bewusst wird, dass nicht nur sie in der Gesellschaft auf sich allein gestellt ist, sucht sie Gemeinsamkeit und Nähe im Internet. Am Ende schließlich besucht sie ihre Großmutter, die im Sterben liegt. Virtuelle Welt oder Wirklichkeit – bei Stephens mischt sich beides zum Kaleidoskop ihres Lebens.

ERNST DEUTSCH THEATER
Der Fall Furtwängler
Nach dem Krieg geriet Wilhelm Furtwängler (1886 – 1954), einer der bedeutendsten Dirigenten seiner Zeit, ins Zwielicht: War er überzeugter Anhänger des Hitler-Regimes oder setzte er nur seine künstlerischen Ambitionen durch? Im Rahmen der Entnazifizierungsprozesse musste er sich einer Befragung unterziehen. Der britische Autor Ronald Harwood (2003 Oscarpreisträger für das Drehbuch des Holocaust-Films „Der Pianist“) verarbeitete die Konfrontation des amerikanischen Majors Steve Arnold mit dem Künstler zu einem psychodramatischen Kammerspiel. „Der Fall Furtwängler“ wurde 1995 uraufgeführt und 2001 von dem ungarischen Regisseur István Szabó verfilmt. Im Kern geht es um die Verantwortung des Einzelnen gegenüber politischer Macht. Darf sich ein Künstler davon freisprechen? Auch jüdische Zeitzeugen kommen zu Wort. Am Ende jedoch bleibt die Auseinandersetzung ungeklärt. Im Ernst Deutsch Theater inszeniert Harald Weiler das Stück mit Robin Busch als Furtwängler und Boris Aljinovic als Major Arnold.

KOMÖDIE WINTERHUDER FÄHRHAUS
Die Tanzstunde
Senga ist verzweifelt: Nach einer Beinverletzung kann sie ihren Traum als Tänzerin vergessen. Ever ist Professor für Geowissenschaften und leidet unter dem Asperger-Syndrom. Zwei Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Der amerikanische Autor Mark St.Germain bringt sie in einer anrührenden Komödie zusammen: Ever muss für eine Preisverleihung tanzen lernen und bittet seine Nachbarin Senga um eine Tanzstunde. Zögernd willigt sie ein. Unbeholfen und köstlich komisch befolgt Ever ihre Lektionen, gerät aber sofort in Panik, wenn er sie berühren soll. Doch langsam gelingt den beiden einsamen Seelen eine Annäherung. 2014 wurde „Die Tanzstunde“ in den USA uraufgeführt. Nach der Berliner Premiere kommt sie jetzt in die Komödie Winterhude. „Martin Wölffer ist mit seiner Inszenierung ein ganz wunderbares Kammerspiel gelungen“, urteilte die Berliner Morgenpost, „herzenswarm und voller leisem Humor (...)“. Tanja Wedhorn und Oliver Mommsen sind die ungleichen, aber bestens aufeinander eingespielten Tanzpartner.

HAMBURGER KAMMERSPIELE
Westend
„Das Gewitter ist genau über uns“, heißt es in Moritz Rinkes neuem Stück „Westend“, das im vergangenen Dezember in Berlin uraufgeführt wurde. Eine Warnung vor dem moralischen Untergang. Denn die Bürgerlichkeit ist brüchig geworden, die Menschen sind vernarbt vom Krieg oder vom Zwang, schön zu sein. Das ist die Welt, auf die der 51 Jahre alte Autor einen kritischen, nachdenklichen, aber auch komischen Blick wirft. Schönheitschirurg Edward und Sängerin Charlotte haben fast alles, was zu einem perfekten Leben gehört. Doch inzwischen ist ihr Leben im Wohlstand leer geworden. Ein neues Haus in Berlin-
Westend soll auch ein Neuanfang ihrer Ehe sein. Doch dann taucht Edwards Freund Michael bei ihnen auf. Er arbeitet als Arzt bei einer humanitären Organisation in Afghanistan, berichtet von Minenopfern, Todeskämpfen und sinnlosem Sterben. Der Schönheitschirurg kämpft gegen die Angst der Menschen, alt und wertlos zu sein. Die Perspektiven und die Liebe verschieben sich, auch privat wird es plötzlich kriegerisch. Carlo Ljubek inszeniert das Stück in den Kammerspielen u.a. mit Karoline Eichhorn, Katharina Wackernagel und Stephan Kampwirth.

OHNSORG THEATER
De dresseerte Mann
In den 1970er Jahren entfachte Alice Schwarzer einen Geschlechterkrieg der besonderen Art: Sie entlarvte den Mann als Unterdrücker der Frauen, worauf die Ärztin Esther Vilar konterte, der Mann mache sich selbst zum Sklaven der Frau. Ihr Buch „Der dressierte Mann“ wurde zum Bestseller. John von Düffel hat sich Esther Vilars Thesen vorgenommen und die Emanzipation noch einmal durch den Wolf gedreht. In seiner Komödie, die im Ohnsorg Theater ihre plattdeutsche Erstaufführung erlebt, gibt es noch immer die militante Feministin und das verwöhnte Luxusweibchen – diesmal aber als Mutter, die ihre Kinder auf den rechten Weg schubsen will. Bastian liebt Lene, doch als sie den Superjob ergattert, den er eigentlich haben wollte, kommen ihm Zweifel an einer gemeinsamen Zukunft. Sein Stolz ist angeknackst, während Helen auf Gleichberechtigung pocht. Aber die Mütter werden es schon richten – oder?
Helsinki inne.