Die aktuellen Neuproduktionen

Ivanov © Arno Declair
Ivanov © Arno Declair

der Privat- und Staatstheater


DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS
IVANOV
Es ist das erste Stück von Anton Tschechow, und es umfasst schon die ganze Grundstimmung seiner späteren, erfolgreicheren Dramen: die Antriebslosigkeit einer verarmten Herrscherklasse, die vor dem Umbruch der Gesellschaft steht und die Zeit des Wandels mit Alkohol, Larmoyanz und Ziellosigkeit totschlägt. 1887 wurde „Ivanov“ in Moskau als Komödie uraufgeführt, doch zwei Jahre später arbeitete Tschechow das Schauspiel in eine Tragödie um. „Menschen wie Ivanov lösen keine Fragen – sie brechen unter der Last zusammen“, meinte er dazu. Ivanov hatte einmal Ideale, aber nun ist sein Gut verschuldet, das Leben ist ihm egal. Mit seiner Frau, die er einmal geliebt hat, kommt es zu bitterbösen Auseinandersetzungen, obwohl sie sterbenskrank ist, und die Zuwendung der Nachbarstochter Sascha geht ihm auf die Nerven. Seelenlose Leere und Kälte beherrschen nicht nur ihn, sondern auch die Welt um ihn herum. Nur noch selten wird das Stück gespielt. Im Schauspielhaus bringt es Intendantin Karin Beier in eigener Bearbeitung mit Devid Striesow in der Titelrolle auf die Bühne. Als Saschas Mutter kommt Eva Mattes ans Schauspielhaus zurück.

THALIA THEATER
HAMLET
„Etwas ist faul im Staate Dänemark“, „Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ oder „Der Rest ist Schweigen“ – viele Zitate aus Shakespeares „Hamlet“ sind als Redewendungen längst in unseren Sprachgebrauch eingegangen. Auf unterschiedlichste Weise - vom wütenden Rächer bis zum melancholischen Feingeist, sogar als wütender Rocker - wurde der
Dänenprinz interpretiert. Umso spannender ist jede Neuinszenierung. Vor zehn Jahren stand „Hamlet“ zuletzt im Thalia Theater auf dem Programm. In der damaligen Inszenierung von Luk Perceval spielte Mirco Kreibich in einer Doppelrolle Rosenkranz und Güldenstern. Bei Jette Steckel, die sich nach „Romeo und Julia“ und „Der Sturm“ zum dritten Mal am Thalia Theater ein großes Shakespeare-Drama vorgenommen hat, ist Mirco Kreibich jetzt als Hamlet zu sehen. - Der Geist seines toten Vaters offenbart Hamlet, sein eigener Bruder Claudius habe ihn ermordet, und fordert den Prinzen zur Rache auf. Hamlet will Gewissheit, zögert aber noch. Mit Intrigen und Mordanschlägen versucht Claudius, den unrechtmäßig angeeigneten Thron und seine Ehre zu retten. Vergeblich. Wie so oft bei Shakespeares Tragödien sind am Ende alle tot. Das gesamte dänische Herrschergeschlecht ist ausgelöscht.

ERNST DEUTSCH THEATER
DINGE, DIE ICH SICHER WEISS
Ein Jahr im Leben einer ganz normalen Mittelschichtfamilie: Der preisgekrönte australische Autor Anton Bovell verfolgt in seinem Stück „Dinge, die ich sicher weiß“ die großen und kleinen Probleme der Familie Price über vier Jahreszeiten hinweg. Es ist eine Zeit des Umbruchs: Eigentlich sind die vier Kinder von Bob und Fran schon aus dem Haus. Doch das Elternhaus bleibt ihr Fixpunkt in den Wirren ihres eigenen Lebens. Tochter Rosie kehrt aus Liebeskummer vorzeitig von einer Weltreise zurück, ihre Schwester Pip will Mann und Kinder verlassen, um Karriere in Kanada zu machen, Autonarr Ben gerät wegen Betrügereien in Bedrängnis und Bruder  Marc schockt die Eltern mit seiner Transsexualität. Fran kämpft darum, ihre Lieben zusammenzuhalten. Aber letztlich gehen die erwachsenen Kinder doch ihre eigenen Wege. Eine schmerzliche Erfahrung, die viele Eltern machen müssen. Bovell schildert das in seinem spannenden Drama auf ebenso poetische wie anrührende Weise. 2016 wurde das Stück in Adelaide uraufgeführt. Im Ernst Deutsch Theater inszeniert es Adelheid Müther,  mit Joachim Bliese, Maria Hartmann, Nina Petri u.a. 

HAMBURGER KAMMERSPIELE
EINE VERHÄNGNISVOLLE AFFÄRE
Der Film mit Michael Douglas und Glenn Close wurde 1987 zu einem Kassenhit in den Kinos. Stalking war damals noch kein Thema. Doch eine Frau, die den Mann ihrer Leidenschaft lebensbedrohlich verfolgt, das ist bis heute bester Stoff für einen spannenden Psychothriller. Auch im Theater. Als deutschsprachige Erstaufführung kommt die Bühnenversion von James Deardens Drehbuch „Eine verhängnisvolle Affäre“ in die Kammerspiele. Als harmlosen Seitensprung hätte der glücklich verheiratete Anwalt Dan Gallagher seinen One-Night-Stand mit der attraktiven Alex Forrest gern betrachtet. Doch da hat er nicht mit ihr gerechnet. Sie will mehr, sie will ihn ganz. Als sie behauptet, sie sei schwanger, weigert er sich, seine Familie zu verlassen. Sie droht mit Selbstmord, er lässt sich nicht erpressen. Alex wird für ihn jedoch immer bedrohlicher, als sie sogar seine Tochter und seine Frau in ihre perfiden Pläne einbezieht. Der tödliche Countdown ist nicht mehr aufzuhalten. Christian Nickel inszeniert den Rachefeldzug mit den aus vielen Fernsehrollen bekannten Schauspielern Alexandra Kamp und Simon Licht.

KOMÖDIE WINTERHUDER FÄHRHAUS
MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE
Für ältere Menschen birgt das Internet oft noch immer so manche Geheimnisse, die sie nicht durchschauen können oder wollen. So einer ist auch Monsieur Pierre, der sich nach dem Tod seiner Frau grantelnd in seine Einsamkeit zurückgezogen hat. Seine Tochter sinnt auf Abhilfe. Sie besorgt ihm einen Computer und den jungen Alex als Coach. Mit unvorhergesehenem Erfolg. Denn heimlich bändelt der Alte auf einem Datingportal mit „Flora84“ an. Dumm nur, dass er sich dabei 40 Jahre jünger gemacht hat. Die Katastrophe bahnt sich an, als Flora ihn „in echt“ kennenlernen möchte. Alex muss einspringen. In dem französischen Film „Monsieur Pierre geht online“ feierte Pierre Richard vor zwei Jahren ein berührendes und komisches Kino-Comeback. Von dem Komödienspezialisten Folke Braband stammt die Theaterfassung mit Walter Plathe in der Titelrolle, die jetzt in die Komödie Winterhude kommt. „Ebenso opa- wie enkeltauglich“ urteilte die Berliner Morgenpost nach der Uraufführung des Theaters am Kurfürstendamm im März vergangenen Jahres.

OHNSORG THEATER
WILLKAMEN – WILLKOMMEN
Für die Autoren Lutz Hübner und Sarah Nemitz („Frau Müller muss weg“, „Die Firma dankt“) sind bürgerliche Klischees und Vorurteile immer wieder dankbare Themen für lebensnahe, satirische Komödien. Bei ihrem Blick in eine wohlsituierte Wohngemeinschaft stellen sie die viel zitierte Willkommenskultur und die Bereitschaft zum eigenen Verzicht auf den Prüfstand.  Benny geht für ein Jahr in die USA und schlägt vor, sein Zimmer in dieser Zeit einem Flüchtling zur Verfügung zu stellen. Die Wogen der Diskussion gehen hoch: Fotografin Sophie will gleich eine Dokumentation daraus machen, Doro fühlt sich von arabischen Männern belästigt und will keine Fremden im Haus, Banker Jonas fürchtet um seine Ruhe und die schwangere Anna möchte das Zimmer für ihren Freund Achmed, einen deutsch-türkischen Sozialarbeiter mit ziemlich radikalen Ansichten. Was Benny als tolle Erfahrung und soziales Projekt  für seine Mitbewohner anpreist, kostet ihn selbst nicht viel. Er ist dann mal weg...  Harald Weiler inszeniert die plattdeutsche Erstaufführung im Ohnsorg Theater.

OPERNLOFT
MORD AUF BACKBORD
Kreuzfahrtschiffe gehören zum externen Ambiente, seit das Opernloft in den Alten Fährterminal Altona gezogen ist. Naheliegende Inspiration für Dramaturgin Susann Oberacker: Ihre neue Krimioper spielt an Bord eines solchen Luxusliners. Prominenter Passagier ist die Sängerin Aline, die sich dummerweise die Kabine mit der Touristin Rebecca teilen muss. Die entpuppt sich als Undercover-Ermittlerin auf der Spur des international gesuchten Verbrechers José. Der Titel lässt es ahnen: „Mord auf Backbord“ – diese Seefahrt ist nicht lustig, sondern gefährlich, besonders für die beiden Frauen. Die Kreuzfahrt geht durch den Mittelmeer-Raum. Und dort, besonders bei den italienischen Komponisten, findet sich reichlich Opernstoff für Leidenschaft, Verrat, Mord und Totschlag. Arien aus Werken von Verdi, Bizet oder Leoncavallo werden ergänzt von andalusischen oder neapolitanischen Liedern. Das Kollektiv Schlagobers (Susann Oberacker und Hanna Schlags) inszeniert die Uraufführung mit den beiden Sängerinnen Aline Lettow und Rebecca Aline Freese, die ihre Vornamen in den Bühnenrollen behalten durften.