"Demokratie" im Ernst Deutsch Theater © Timmo Schreiber

Willy Brandt: Nie wieder jemandem vertrauen!
Hartmut Uhlemann inszeniert das Spionagedrama „Demokratie“, das die kurze Kanzlerschaft von Willy Brandt beleuchtet

Im Hintergrund thront der Bundesadler im XXL-Format über allem – ganz wie im Bundestag. Davor – auf der Bühne des Ernst Deutsch Theaters – spielt sich ein Politspektakel, Spionagethriller und menschliches Drama ab: Michael Frayns Schauspiel „Demokratie“. Es geht um die kurze Kanzlerschaft von Willy Brandt, die 1974 mit seinem Rücktritt endete, als Günter Guillaume, ein Mitarbeiter in seinem engsten Umfeld, als Stasi-Spion entlarvt wurde. Damals ein Skandal. Für den englischen Autor Anlass, Machtspiele und Verstrickungen innerhalb der Parteipolitik bloß zu stellen.
„Es werden viele Themen angesprochen“, sagt Regisseur Hartmut Uhlemann. „Vieles ist Geschichte, aber die Machtstrukturen sind sehr modern. Es geht um das Vorgehen in Hierarchien, um Vertrauen und nicht Vertrauen, um Nöte und Gefühle der Menschen, die Michael Frayn auf wunderbare Weise mit den historischen Ereignissen verknüpft.“ Auch für junge Leute, die jene Zeit nicht miterlebt haben, sei das spannend, meint Uhlemann. „In dem Stück lernt man viel über Demokratie.“
„Mehr Demokratie wagen“ wollte Willy Brandt, als er 1969 nach 20 Jahren CDU-Regierung zum ersten SPD-Kanzler der Bundesrepublik gewählt wurde. Er setzte sich für eine versöhnliche Ostpolitik ein. Heute gehören Worte wie Krieg und Aufrüstung wieder zum Alltag. „Ich wünschte mir Brandt zurück“, sagt Uhlemann. „Er hat für den Frieden gebrannt.“
Michael Frayn, der längere Zeit in Deutschland war und auch gut deutsch spricht, hatte ihn in den 60er Jahren noch als Bürgermeister von Berlin erlebt. Aus Biografien, Tagebüchern und sogar Geheimakten erarbeitete er die Hintergrundfakten für sein Schauspiel, das 2003 in London uraufgeführt wurde. Bei der Recherche wurde er von Stefan Kroner unterstützt, der jetzt auch die Inszenierung von Hartmut Uhlemann als Dramaturg begleitet hat.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Günter Guillaume und seinem Führungsoffizier. Erinnerungen und Gegenwart spielen dabei ineinander. „Guillaume und Brandt hatten viele Gemeinsamkeiten“, erklärt der Regisseur. „Sie sind beide vaterlos aufgewachsen, steckten beide in einer Zwangsjacke und mussten sich ein Leben lang verstellen. Brandt war eigentlich tief depressiv. Aber damals war er so etwas wie der erste Popstar der deutschen Politik. Eine charismatische Figur.“
Auch andere Politiker spielen in der „Demokratie“ eine wichtige Rolle: Helmut Schmidt zum Beispiel, der Mann hinter den Kulissen und Nachfolger von Brandt als Kanzler, oder Herbert Wehner der „Strippenzieher“. An ihm vor allem entzündet sich der trockene Humor des boulevardversierten Briten Frayn, der nicht nur das Wissenschaftsdrama „Kopenhagen“ um den Physiker Werner Heisenberg schrieb, sondern auch die turbulente Komödie „Der nackte Wahnsinn“.
Frauen allerdings kommen in der „Demokratie“ nur in Gesprächen vor – sie waren seinerzeit in der Politik noch deutlich unterrepräsentiert. Zum Wiedererkennen werden die wichtigsten Figuren wie Brandt (Sven Walser), Guillaume (Marcus Calvin) und Wehner (Erik Schäffler) namentlich vorgestellt. Für die klingende Atmosphäre zwischen Machtanspruch und Idealismus, zwischen Ungewissheit und Partylaune in der Politszene um Brandt sorgt Komponist Ernst Bechert mit jazziger Musik. Bis zum bitteren Ende mit der Erkenntnis des Ex-Kanzlers: Nie wieder jemandem vertrauen!
Mit dem Spionagedrama wurde Hartmut Uhlemann selbst in seiner Jugend konfrontiert. Das Thema wurde pro und contra in seiner Familie diskutiert. Für seine Inszenierung hat er jetzt noch einmal viel nachgelesen. Im Ernst Deutsch Theater ist der Regisseur seit rund zwanzig Jahren mit einem Stück für Erwachsene (zuletzt „Willkommen“ von Hübner/Nemitz) und einem Grimmschen Märchen jährlich zu Gast. „Ich bin ein großer Märchenfan und habe schnell Kontakt zu Kindern“, sagt Uhlemann, der die Bühnenfassungen der Märchen auch selbst schreibt. Kein Wunder: Er wuchs mit fünf Geschwistern auf und ist in St. Georg in einer Wohngemeinschaft mit Kindern zu Hause.