Nolde, Kanal (Kopenhagen) © Nolde Stiftung Seebüll
Nolde, Kanal (Kopenhagen) © Nolde Stiftung Seebüll

Nolde und der Norden

Die Entdeckung seines Frühwerks: Im Bucerius Kunst Forum wird der große Einfluss
der skandinavischen Kunst auf Emil Nolde deutlich

 

Wie umgehen mit Künstlern, die zwar bedeutend, aber politisch und moralisch alles andere als korrekt sind? Totschweigen und aus fertigen Filmen herausschneiden wie im Missbrauchs-Skandal um
US-Star Kevin Spacey? Eine fragwürdige Lösung, die stark an stalinistische Praktiken erinnert. Im Fall Emil Nolde stellt sich das Bucerius Kunst Forum in Kooperation mit der Nolde-Stiftung Seebüll der Widersprüchlichkeit von Werk und Person. „Nolde und der Norden“ sucht in den Vorbildern und
künstlerischen Anfängen des bedeutenden deutschen Expressionisten nach Erklärungen, räumt jedoch ein: „Der Widerspruch lässt sich nicht auflösen“.

 

Nolde der Antisemit. Nolde, der überzeugte Nationalsozialist. Nolde, der „entartete“ Künstler. Vor drei Jahren erst hat eine Berliner Ausstellung
höchst eindrucksvoll das „Nazi-Opfer“ demontiert, zu dem sich Emil Nolde (1867-1956), unterstützt von seiner Frau Ada, nach dem Zweiten Weltkrieg stilisierte. Sie belegte, dass der Expressionist bis zum Schluss glühender Hitler-Anhänger und zutiefst unglücklich darüber war, dass
„der Führer“ seine „urdeutsche“ Kunst nicht verstand: Die glühenden Himmel über violett-blauer See; die explosiven Sonnenuntergänge
und intensiv kolorierten Bauerngärten zwischen den Meeren; die Märchen, Mythen und biblischen Gestalten. Die vielen furiosen Bilder, die er mit atemberaubender Wucht auf die Leinwand warf, als Liebeserklärungen an seine Heimat im deutsch-dänischen Grenzgebiet, in dem er zutiefst verwurzelt war. Wie sehr, dass führt diese rund 80 Nolde-Werke umfassende Schau vor Augen.

 

Gezeigt werden auch insgesamt 25 Gemälde von 15 dänischen Künstlerinnen und Künstlern zwischen Realismus und Symbolismus, unter
denen man Noldes Frühwerk geradezu suchen muss, so verblüffend ähnelt es mitunter den dänischen Vorbildern – sowohl motivisch und
stilistisch als auch in seiner gebrochenen, erdverbundenen Farbpalette. Bestes Beispiel ist Viggo Johansens „Kücheninterieur mit weiblicher
Rückenfigur“ (1884) sowie eine seiner Landschaften, die Hans Emil Hansen (erst später nahm er den Namen seines Geburtsortes Nolde an) regelrecht nachgemalt hat. Wüsste man es nicht besser, man würde gewiss keines dieser Bilder mit dem Expressionisten in Verbindung bringen.

 

Nolde war fasziniert von den stillen Interieurs mit ihren symbolisch aufgeladenen Figuren, den stimmungsvoll verhangenen Landschaften im unvergleichlich weichen Licht des Nordens, die er erstmals auf der Pariser Weltausstellung 1900 sah. Spontan beschloss er, einige Zeit in Kopenhagen zu verbringen, um bewunderte Kollegen wie Vilhelm Hammershoi oder Viggo Johansen vor Ort zu studieren und persönlich aufzusuchen. „Bei Hammershoi war der Raum im Dämmerlicht, in wunderschönem Silbergrau. An einer der Wände sah ich ein Bild, vier hohe, schöne nackte Frauenfiguren. Er sprach langsam und leise, wir alle sprachen still“, erinnerte sich Nolde an seinen Besuch bei dem damals international gefeierten Kollegen.

 

So ist in dieser Ausstellung vor allem der Nolde vor Nolde zu entdecken: Die bislang weitgehend unerforschten Arbeiten aus seiner Zeit in Dänemark (1900-1902), die vor Augen führen, welch entscheidenden Einfluss die wirskandinavische Kunst auf die künstlerische Entwicklung
des Norddeutschen nahm.

 

Spannend an dieser Gegenüberstellung in vier Kapiteln („Menschenbilder“, Interieur“, „Landschaft“ und „Fantastik“) ist auch die Tatsache, dass
eben jene Künstler (u.a. Peder Severin Kroyer, Julius Paulsen, Jens Ferdinand Willumsen und Kristian Zahrtmann) zu den Teilnehmern der
Pariser Weltausstellung gehörten, die der 33-jährige Nolde damals besuchte. Ein tolles Konzept der beiden Kuratorinnen Katrin Baumstark und Magdalena Moeller, zum Teil sind sogar dieselben Bilder, die vor bald 122 Jahren in Paris für Furore sorgten, in Hamburg zu sehen.

 

Die Ausstellung zeigt aber auch, dass der hochdynamische, breitflächige Pinselduktus und die unvergleichliche Farbgewalt von Anbeginn in
Emil Nolde schlummerten. Man muss es zugeben: Dieser Künstler war genial – und er war ein Nazi. Wie sagte der Autor Florian Illies doch gleich: Man muss der Wahrheit Raum geben, dass auch niederträchtigste Menschen höchste Kunst schaffen können“.
Isabel Hofmann

 

Nolde und der Norden“, Bucerius Kunst Forum, bis 23. Januar 2022, Alter Wall 12, 20457 Hamburg. Täglich 11–19 Uhr, Do 11–21 Uhr.
Alle Infos – auch zu den aktuellen Besuchsbedingungen – auf www.buceriuskunstforum.de.

 

Ergänzend zu „Nolde im Norden“ zeigt die Hamburger Kunsthalle in einer kleinen Studio-Ausstellung mit elf Gemälden Emil Noldes Maltechnik: „Meistens grundiere ich mit Kreide…“

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