Libanon/Beirut-2006(c)Paolo Pellegrin-Magnum Photos
Libanon/Beirut-2006(c)Paolo Pellegrin-Magnum Photos

Paolo Pellegrin in den Deichtorhallen

Schwarz und weiß – vom Schrecken und von der Schönheit: Un‘Antologia


„Fotografie ist wie schreiben für mich“, sagt Paolo Pellegrin. „Es ist eine Stimme.“ Diese „Stimme“ ist extrem berührend, mitunter fast unerträglich. Mehr als 200 größtenteils unveröffentlichter Fotografien aus 20 Jahren hat der vielfach ausgezeichnete Magnum-Fotograf in den Deichtorhallen in Szene gesetzt. Sie erzählen von Krieg, Schmerz und Zerstörung. Und von der Schönheit, die es zwischen all dem Schrecken noch zu entdecken gibt. „Un‘Antologia“ trifft wie ein Schlag in die Magengrube – gerade deshalb ist diese Ausstellung so wichtig.  


Zwei kämpfende Vögel in schwarz und weiß. Diese Polarität fällt ins Auge, noch bevor man das Warnschild an der Kasse gesehen hat, das die Besucher auf leidvolle Bilder einstimmt. Der studierte Architekt Paolo Pellegrin hat die Ausstellung gemeinsam mit den Deichtorhallen inszeniert und sie ist einfach großartig. Zunächst taucht man ab ins Schattenreich des Islamischen Staates. Aus dem Dunkel schält sich die nordirakische Steinwüste bei Mossul im XXL-Format. Man steht mittendrin im Kriegsgebiet, gleichsam an der Seite des Fotografen, sieht den schwarzen Rauch der brennenden Ölfelder südöstlich der Stadt, die der IS in Brand setzte. Sieht die Menschen aus den IS-Gebieten fliehen und hinter den Linien der Kurden Zuflucht suchen. Ein schreiendes Kind im festen Griff eines Soldaten. Einen alten Mann mit verbundenen Augen. Die Leiche eines IS-Kämpfers im Sand.


Grausamkeit und Elend, wohin das Auge blickt. Im Irak, in Kambodscha, im Kosovo, in Uganda, in Nigeria. Selbst in den USA, wo Prostitution, Drogensucht und Kriminalität ganze Regionen prägt. Leid ist überall und Paolo Pellegrin versteht es als seine Aufgabe, darüber zu berichten. Der in London lebende Italiener will deshalb auch nicht auf die Kriegsbilder reduziert werden. Er dokumentiert, „was Menschen Menschen antun“ - und zwar in Langzeitprojekten, nicht in schnellen, spektakulären Schnappschüssen. Pellegrin porträtiert Opfer, mitunter über Jahre hinweg. Zeigt, wie verstümmelte Kinder nach den israelischen Luftangriffen im Gazastreifen weiterleben. Wie schwer traumatisiert die von Boko Haram entführten Mädchen in Nigeria sind. Fatima musste ansehen, wie ihr Bruder ermordet wurde. Sie kann nicht weinen, erzählt ihre Mutter, dafür schreit sie jede Nacht im Schlaf.


Man nimmt diese Bilder und Videos mit in das lichte zweite Kapitel, in dem es um die Beziehung von Mensch und Natur geht. Wunderschöne Landschaften tun sich auf und ein abstrakter weißer (Eis?)Berg ragt wie ein Fanal in die Höhe. Eine imposante, faszinierende Installation voller Fotos, Zeichnungen, Skizzen und Notizen, die den kreativen Prozess des Fotografen veranschaulichen. Doch den Blick in die Hölle kann auch die schönste Installation nicht vergessen machen.

Paolo Pellegrin. Un’Antologia. Bis 1. März 2020,  Deichtorhallen Hamburg, Di – So 11 – 18 Uhr, jeder 1. Do im Monat bis 21 Uhr.  www.deichtorhallen.de