Katharina Schüttler brilliert in Suzie MIllers Drama © Anatol  Kotte
Katharina Schüttler brilliert in Suzie MIllers Drama © Anatol Kotte

"Prima Facie":                                                            Katharina Schüttler in den Kammerspielen

Zum ersten Mal ganz allein auf der Bühne: Fernseh-Star Katharina Schüttler spielt in den Kammerspielen in Suzie Millers preisgekröntem Monolog eine Frau, deren Glaube an das Rechtssystem erschüttert wird.

 

Prima Facie“ ist ein juristischer Begriff, der so viel wie „dem ersten Anschein nach“ bedeutet.
In Tessas Lebensgeschichte bekommt er eine unerwartete Bedeutung. Sie hat sich aus einfachen Verhältnissen zur anerkannten und erfolgreichen Strafverteidigerin hochgekämpft und glaubt fest
an das Rechtssystem, das sie mit dem Grundsatz vertritt: Im Zweifel für den Angeklagten. Gefühle und Moral spielen dabei
keine Rolle, egal, ob es um Drogenhandel oder sexuellen Missbrauch geht. Bis sie eines Tages selbst zum Opfer wird. Nach
einem Date mit einem Kollegen wird sie von ihm vergewaltigt. Tessas Welt bricht zusammen. Als Anklägerin steht sie plötzlich
auf der anderen Seite des Gerichts. Suzie Millers aufwühlendes Drama wurde 2019 in Sydney uraufgeführt. Die australische
Autorin hat jahrelang selbst als Strafverteidigerin gearbeitet und kennt das System der Gerichtsbarkeit sehr genau.

 

Katharina Schüttler, die in Film und Fernsehen schon viele Figuren mit extremen und zerrissenen Charakteren spielte, hat
diesen Monolog geradezu als eine Aufgabe empfunden: „Als ich das Stück gelesen habe, dachte ich augenblicklich, dass
diese Geschichte gerade erzählt und gehört werden will, und dass sie nicht ohne Grund zu mir gekommen ist, und dass es
also anscheinend meine Aufgabe ist, sie zu erzählen.“ Das Spannende an der Rolle der Tessa ist, so findet sie, dass sie mit
einer Figur gleich zwei ganz unterschiedliche Seiten spielen kann. „Tessa ist fest davon überzeugt, dass unser Rechtssystem
das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft ist und dass sie definitiv auf der richtigen Seite steht. In dem Moment, in
dem sie sich auf der Opferseite wiederfindet, erlebt sie, dass sich die juristische Rechtsprechung in dem Versuch, für Gerechtig-
keit zu sorgen, zwar anwenden lässt, aber nicht wirklich für Gerechtigkeit sorgt. Als Opfer eines Gewaltverbrechens geraten
Frauen vor Gericht in die Situation, alles noch einmal erleben zu müssen. Und dabei kommt es häufig zu dem Phänomen der
Dissoziation (Abspaltung von Erinnerungen und Empfindungen – Anm. d. Red.). Die Aussage lässt sich nicht wie ein sauber
geschnürtes Aktenpaket abliefern und es kommt dadurch mitunter zu Widersprüchlichkeiten. Das führt dazu, dass in dem
System, wie wir es haben, den Frauen so selten geglaubt wird.“

 

An den Kammerspielen und in Hamburg tritt Katharina Schüttler zum ersten Mal auf – abgesehen von einem kurzen Gastspiel
am Thalia Theater mit „Hedda Gabler“. „Ich stehe zum ersten Mal alleine auf der Bühne. Diese Herausforderung reizt mich sehr,
und ich bin gespannt darauf.“ In den letzten Jahren hat sie sich auf der Bühne zwar rar gemacht, aber das Theater ist ihr wichtig.
„Es ist ein reizvolles Medium, aus vielerlei Gründen“, sagt die wandlungsfähige und vielfach ausgezeichnete Schauspielerin. „Ich
finde es total außergewöhnlich, dass es eine reale Begegnung von Menschen auf der Bühne und den Menschen im Publikum
gibt. Jeder Abend ist ein Wagnis, denn alles findet nur in diesem einen Moment statt und ist im nächsten schon wieder vorbei.
Dem wohnt ein großer Zauber inne, wie in allem, was vergänglich ist. Theater hat eine faszinierende Intimität.“


Geprobt wurde mit der jungen Regisseurin Milena Mönch in Berlin. Dort ist Katharina Schüttler mit ihrer Familie, dem Regisseur
Till Franzen und zwei Töchtern, auch zu Hause. In Köln wurde sie geboren und wuchs in einem durch und durch künstlerischen
Elternhaus auf: Der Vater Hanfried Schüttler war Theaterdirektor und Schauspieler, die Mutter Anna Cron Autorin. In einem Theater-
stück ihrer Mutter spielte sie mit 14 Jahren auch ihre erste Theaterrolle. Die erste Filmrolle hatte sie da schon hinter sich: 1991 in
dem Kinderfilm „Die Lok“. Eine Karriere in Film und Fernsehen war fast schon unausbleiblich. Noch während ihrer Ausbildung in
Hannover spielte sie bereits in ihrem dritten „Tatort“ mit. Als einen ihrer wichtigsten Filme bezeichnet sie „Sophiiiie!“, in dem sie
eine junge Frau verkörpert, die ungewollt schwanger wird. „Den hab ich mit Anfang 20 in Hamburg gedreht und dafür mehrere
Preise gewonnen. Das war ein Superstart für mich.“ Ihre wichtigste Theaterrolle aber ist Ibsens „Hedda Gabler“, für die sie 2006
als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Seit 18 Jahren steht die Produktion nun schon auf dem Spielplan
der Berliner Schaubühne.


Aber trotz ihrer Erfolge möchte Katharina Schüttler sich durch die Definition als „Schauspielerin“ nicht einengen lassen. „Ich finde,
es gibt noch viele Räume zu entdecken, in denen sich auch Dinge verbinden lassen mit Schauspielerei und dem Erzählen von
Geschichten. Ich glaube, dass Geschichten das Potenzial haben, die Welt und uns Menschen zu verändern. Diese Kraft hat das
Theater.“ Und so hofft sie, auch mit der Rolle der Tessa etwas in Bewegung zu setzen und die Menschen zum Nachdenken anzuregen.

 

Interview: Brigitte Ehrich

 

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