Bernd Rickert mit Nicole Heesters © Mathias Thurm
Bernd Rickert mit Nicole Heesters © Mathias Thurm

Bernd Rickert:
Rückblick auf 12 Jahre Vorstandsarbeit

Bernd Rickert, seit 2008 Vorsitzender des Vorstands der Hamburger Volksbühne, stellt sich nicht wieder zur Wahl.
Ein Gespräch über seine erfolgreiche Zeit im Dienst der Volksbühne und vieles mehr.

 

Herr Rickert, erinnern Sie sich an das einschneidende Theatererlebnis, welches den Funken der Begeisterung für die Bühnenwelt in Ihnen entfacht hat?
Schon Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts besuchte ich mit meinen Eltern Weihnachtsmärchen z. B. im St. Pauli Theater, aber erst einige Jahre später entzündete sich meine Begeisterung so richtig. Dazu muss man wissen, dass meine Eltern in den 50er Jahren schon Mitglied bei der Hamburger Volksbühne waren. An einem Abend des Jahres 1959 vertrat ich also meinen Vater, der krank war, und begleitete meine
Mutter ins Schauspielhaus. Wir hatten unglaubliches Glück bei der Verlosung der Plätze und saßen tatsächlich in der ersten Reihe! Und auf die Bühne kam Gustaf Gründgens als Mephisto – es handelte sich um die bis heute viel gerühmte Inszenierung von Goethes „Faust“ – und ich
saß ganz vorn im Theater und tauchte ein in das Bühnengeschehen und die Theaterwelt! Allein die Darstellung der „Walpurgisnacht“ – das war ja beinahe wie eine Explosion! Es war einfach alles beeindruckend an diesem Abend.


Die berühmte Gründgens-Aufführung– da sind Sie aber wirklich zu beneiden! Sind Sie also durch Ihre Eltern zur Volksbühne gekommen?
Eigentlich indirekt. Während meiner Schulzeit in der Oberstufe des Gymnasiums war ich Mitglied im Kulturring der Jugend. Aber mit Ende der Schule entfiel leider diese günstige Möglichkeit, ins Theater zu gehen. Dann – ich hatte nach der Bundeswehrzeit schon mein Studium
begonnen – sah ich imVolksbühnen-Magazin meiner Elterneinen Aufruf zum ehrenamtlichenOrdnerdienst. Früher wurden ja die
Tickets noch direkt vor Ort im Theater an die Mitglieder durch die Ordner,wie man damals sagte, verlost. Ich sah die Möglichkeit, wieder preisgünstig ins Theater zu kommen und meldete mich. Für eine Stunde Ordnerdienst gab es einen Freiplatz im Theater! Da man jedoch für den Ordnerdienst Mitglied sein musste, trat ich in die Volksbühne ein – das war 1967.


Sie sind seit vielen Jahren ehrenamtlich und unglaublich engagiert für die Volkbühne im Einsatz. Mögen Sie einen kleinen Überblick
Ihrer
Laufbahn geben?
Seit meinem Eintritt in die Hamburger Volksbühne war ich eigentlich fast immer ehrenamtlich tätig. Zuerst im Ordnerdienst, wie eben beschrieben. Wenige Jahre später wurde ich Mitglied in der Vertreterversammlung und war seit Mitte der 70er Jahre als Beisitzer im Vorstand aktiv.
In der Zeit habe ich mich verstärkt um den Aufbau der Theater- und Kulturreisen gekümmert, – weil es mir sehr wichtig war und immer noch ist,
möglichst vielen Menschen die unterschiedlichsten Kulturerlebnisse an verschiedenen Orten nahezubringen, über Hamburgs kulturellen
Tellerrand zu schauen. Dafür setzt sich die Volksbühne mit ihren Kulturreisen bis heute ein!

 

Und das ist Ihnen trotz beruflichen Einsatzes und Familiengründung gelungen?
Tatsächlich habe ich mich 1981 nach fünf Jahren nicht wieder für den Vorstand zur Wahl gestellt, um mich neben meinem Beruf als Lehrer mehr
um meine Familie zu kümmern. Außerdem war ich im Vorstand unserer Kirchengemeinde aktiv. Aber letztendlich ließ mich die Volksbühne doch
nicht los, und so wurde ich erst wieder Ordner, dann Vertreter, dann Vorsitzender der Vertreterversammlung, und schließlich, als jemand, der Dinge
auch gern mal kritisch hinterfragt, im Jahr 2008 Vorstandsvorsitzender. Immer habe ich mich verantwortlich gefühlt, das Interesse der Mitglieder im
Auge zu behalten und in ihrem Sinne zu handeln. Das war ganz wichtig für mich. Auch als Vorsitzender im Vorstand fühlte ich mich immer als Mitglied wie jeder und jede andere. Das möchte ich jetzt wieder sein und mit meiner Frau als normales Mitglied des Wahl-Abos ins Theater oder Konzert gehen. Gern lege ich die Verantwortung nun in jüngere Hände.


Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin im Amt?
Ich denke, dass mein Nachfolger einige neue Ideen in die Volksbühne einbringen wird und hoffe, dass es ihm oder ihr gelingt, die Kollegen vom
Vorstand und die Vertreterinnen und Vertreter davon zu überzeugen; Ideen, Visionen, die immer das Wohl der Mitglieder im Auge behalten sollten.
Schön wäre es, wenn die seit längerem geplante und leider durch die Pandemie noch nicht zum Tragen gekommene Kooperation mit der Hamburger Hochschule für Musik und Theater bald umgesetzt wird. Genauso hoffe ich, dass auch unsere eigenen Veranstaltungen
wie die Konzerte in der Elbphilharmonie dem neuen Vorstand weiterhin am Herzen liegen. Auf jeden Fall wünsche ich ihm – oder ihr –
so viel Freude und Lust bei der Arbeit für und in der Hamburger Volksbühne, wie ich sie gehabt habe.


Sie haben über einen langen Zeitraum Erfahrungen mit der Hamburger Kultur gesammelt und sind dabei sehr unterschiedlichen Kultursenatoren und -senatorinnen begegnet.
Ja, ich war dabei, als wir in den 70er Jahren den „Dämmerschoppen“ auf dem Theaterschiff von Möbius einrichteten als Gesprächsrunde zwischen
Theatermachern und Kulturpolitikern. Gern erinnere mich daran, wie Ingo von Münch gemeinsam mit vielen Mitgliedern der Hamburger Volksbühne
1991 mit mehreren Bussen nach der Öffnung der Grenze nach Schwerin ins Theater fuhr. Kristina Weiss hat auf Mitgliederversammlungen gesprochen, und Karin von Welck war zu Gast auf unserem Theaterball, der ja immer eine wichtige Plattform für Gespräche mit Politikern und Künstlern gewesen ist. Einen guten Kontakt konnten wir zu Frau Kisseler aufbauen.
Wir versuchen, uns im Rahmen unserer Möglichkeiten in die Hamburger Kulturpolitik einzubringen. Dazu fühlen wir uns als Vertreter unserer
Mitglieder verpflichtet unter Wahrung der gebotenen parteipolitischen Neutralität. Das gilt auch für die jetzige Zeit, in der es die Kultur durch die
Umstände wirklich schwer hat. Auch zu unserem aktuellen Kultursenator Herrn Brosda haben wir ein sehr gutes Verhältnis, und ich habe mich sehr
gefreut, dass er mir im letzten Jahr im Rathaus die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“ verliehen hat, in Würdigung der Arbeit der Hamburger Volksbühne für das Kulturgeschehen in Hamburg. Die Kulturpolitik hat in Hamburg durch ihn – und auch durch Frau Kisseler vor ihm – ein neues Gewicht, eine neue Wertigkeit erhalten. Und um die Vielfalt unserer Kulturszene können uns andere nur beneiden!

 

Die aktuelle Situation, in der wir alle durch eine Pandemie betroffen sind, hat große Auswirkungen auf das kulturelle Leben in der Stadt. Glücklicherweise gibt es finanzielle Fördermittel auch für die Kulturbranche, aber immer wieder tut sich auch die Frage auf, ob Kultur systemrelevant ist oder einfach ein Freizeitvergnügen, auf das leicht verzichtet werden könnte. Wie ist Ihre Stimmung in Bezug auf die Gesamtsituation?
Die neuen Herausforderungen bringen das öffentliche Leben an seine Grenzen, auch emotional. Da fühlen sich viele Menschen hilflos und
überfordert, zumal die einzelnen oft die Zusammenhänge gar nicht recht durchschauen können. Ich denke, hier ist lebendiges Kulturgeschehen unverzichtbar.
Der Kultur in ihren unterschiedlichen Ausprägungen als Sammlung von Emotionen und Erfahrungen von früher und heute kommt die für
unser menschliches Leben als Gemeinschaftswesen wichtige Aufgabe zu, dieses gesellschaftliche Fühlen und Erleben zu sichten, zu verarbeiten und Handlungsmöglichkeiten für die Zukunft zu entwickeln und anzubieten mit den Mitteln von Sprache, Darstellung und Musik. Lachen, Nachdenken und Weinen gehören zu unserem Leben wie Essen und Trinken und Schlafen!
Jede Epoche hatte ihre besonderen Herausforderungen und musste voll Optimismus, aber auch mit Realitätssinn ihren Weg finden. Ich denke,
die jungen Leute und viele Ältere sind dafür offen, und die Kulturschaffenden tun ihr Bestes, wenn sie denn dürfen. In der Zeit zwischen Mai und Oktober hat es dafür schon tolle Beispiele in unserer Hamburger Szene auch unter Nutzung der digitalen Medien gegeben. Aber lebendiges Theater und Konzerte mit Publikum müssen wieder sein, so schnell wie möglich!


Haben Sie für sich ein – ganz persönliches – Resümee Ihrer Zeit bei der Hamburger Volksbühne gezogen?
Immer habe ich mich als Teil der großen Volksbühnenbewegung verstanden – in mehr als 50 Städten Deutschlands gibt es Vereine wie die
Hamburger Volksbühne. Die Freie Volksbühne Berlin ist schon 1890 gegründet worden! Als Vereinigung, die sich als „Scharnier“ zwischen Publikum und Kultur sieht, haben wir stets das Ohr an den Wünschen der Mitglieder und müssen gleichzeitig die Möglichkeiten und Bedürfnisse
der Kulturschaffenden im Blick behalten, damit dieses Scharnier beweglich bleibt. Im digitalen Zeitalter verändert sich die Gesellschaft rasant, Fragen des globalen Zusammenhalts, des Klimawandels, der Energieversorgung, Migration und Gerechtigkeit bestimmen heute die öffentliche Diskussion.
Wir als Hamburger Volksbühne wollen uns da gern einreihen und unsere gesellschaftliche Aufgabe annehmen unter dem Leitwort: „Kultur für alle!“,
wie wir es nicht nur in meiner Amtszeit, sondern seit 100 Jahren unter den jeweiligen Gegebenheiten getan haben. Offen für neue Wege wird die
Volksbühne sich weiterhin einsetzen für die Vielfalt und Freiheit der Kultur, die Möglichkeit der aktiven und passiven Teilhabe an Kultur für alle Bürgerinnen und Bürger und sich an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligen. Dafür bedarf es der vertrauensvollen Zusammenarbeit im Vorstand, mit dem Team in der Geschäftsstelle und der Vertreterversammlung, wie ich es erlebt habe. Ich kann zum Abschluss nur sagen: „Schönen Dank dafür und weiter auf dem Weg in die Zukunft als Mittler zwischen Publikum und Bühne!“


Herr Rickert, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute!

 

In der nächsten Ausgabe berichten wir ausführlich über den Ausgang der Vorstandswahl.

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