Installation von Philip Beesley © Henning Rogge
Installation von Philip Beesley © Henning Rogge

Sagmeister & Walsh: Beauty 

Was ist schön? 70 Objektgruppen laden ein zu einem ästhetischen Diskurs

Schöne Dinge verkaufen sich besser, schöne Umgebung macht friedlich und freundlich, Schönheit macht die Welt zu einem besseren Ort. Das weiß niemand besser als Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Mit „Beauty“ haben die Grafikdesigner aus New York dem Thema Schönheit nun eine Ausstellung gewidmet, die nach Wien und Frankfurt im Hamburger MKG angekommen ist.  Eine zum Teil schon kitschig-schöne Schau, die mit barock-sinnlichen Installationen und jeder Menge Mitmach-Aktionen besticht. Eine kritische Hinterfragung des Begriffs Schönheit ist allerdings nicht inbegriffen.


Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt ein Sprichwort. Nach den Untersuchungen von Sagmeister und Walsh muss man das anzweifeln. Wie ihre Umfragen zeigen (die Besucher können sich in der Ausstellung selbst testen), ist das Empfinden lange nicht so individuell wie angenommen. Symmetrie, Kontrast, Eleganz und harmonische, dem goldenen Schnitt verpflichtete Proportionen werden mit großen Mehrheiten als „schön“ empfunden. Bereits vor einer Million Jahren hat die menschliche Spezies Werkzeuge von erstaunlicher Symmetrie geschaffen. Eine Reihe von Faustkeilen und Steinäxten zeigt das eindrucksvoll. Dabei wären die Waffen asymmetrisch ebenso effizient gewesen. Ein bestimmter Schönheits-Kodex, ein Sinn für harmonische Formen, scheint also naturgegeben.


Andererseits hat der Mensch im Laufe seiner Geschichte doch ein wenig dazugelernt. Dass Platons moralische Maxime von vor 2400 Jahren: „Schön = Gut = Wahr“ so völlig unkommentiert an der Wand des MKG stehen darf, ist mehr als fragwürdig. Noch heute leiden Menschen unter Ausgrenzung, die nicht dem Schönheitsideal entsprechen (das in unterschiedlichen Kulturen durchaus variieren kann). 


„Platons Meinung ist nicht meine Meinung“, rechtfertig sich der gebürtige Österreicher Sagmeister. Und: „Es geht hier nicht um menschliche Schönheit, sondern um die Schönheit der Dinge“. Okay, das war seine Intention, aber das stimmt so leider nicht. Selbstverständlich vermittelt „Beauty“ auch ein ideales Menschenbild. Die Frauenbildnisse von Anselm Feuerbach bezeugen das ebenso, wie der römische Jünglings-Torso oder das schmale rote Dior-Ensemble, zwei der „60 schönsten Objekte“ aus der hauseigenen Sammlung, die das Erfolgs-Duo ausgewählt hat.


Weitgehend unbeantwortet bleibt auch die Frage, warum die Schönheit im 20. Jahrhundert ein so negatives Image hatte, wie das Diagramm zur Google-Umfrage vor Augen führt. Laut Suchmaschine taucht der Begriff „Schönheit“ Mitte des 19. Jahrhunderts in Büchern am häufigsten auf. In den 1980er Jahren am seltensten. Nun ja, im 19. Jahrhundert war die Schönheit auch in Kitsch und falschem Pathos erstickt. Die Moderne in der bildenden Kunst reagierte darauf mit der radikalen Abwendung von allem Dekorativen. Zudem forderten gesellschaftspolitische Großwetterlage, Industrialisierung, Revolutionen und beginnende Demokratie Anfang des 20. Jahrhunderts neue Konzepte. Das Bauhaus lieferte entsprechende Architektur. Quadratisch, praktisch, menschenwürdig, bezahlbar. Nicht unbedingt schön. Nach der Diffamierung der Moderne durch die Nazis (Stichwort „Entartete Kunst) gingen Architektur und bildende Kunst vollends auf Distanz zur Schönheit. Fast ein halbes Jahrhundert war der Begriff an den Kunsthochschulen verpönt, galt als oberflächlich, spießig und hoffnungslos rückwärtsgewandt.

 

Was uns dadurch verloren gegangen ist, zeigen Sagmeister & Walsh eindrucksvoll anhand funktionaler U-Bahnschächte und grauer Wolkenkratzer. Wie wohltuend dagegen die dekorativen Moskauer U-Bahnhöfe und die bunt bemalten Häuserblocks in Tirana (Albanien), die nach ihrer Farbgebung tatsächlich zu einer deutlichen Entspannung des sozialen Brennpunkts geführt haben. Ein überzeugendes Plädoyer für den positiven Einfluss der Schönheit. Ansonsten feiert „Beauty“ mit überbordender Schaulust die Renaissance der Schönheit, verführt schon im Treppenhaus mit betörenden Installationen atmender weißer Ballons und virtueller Vogelschwärme. Nur mit der Behauptung, Marcel Duchamp habe mit seinem provokanten Urinal versucht, „die Schönheit aus der Kunst zu eliminieren“ scheinen sich die Ausstellungsmacher verrannt zu haben. Duchamp hat durch sein berühmtes Readymade vielmehr gezeigt, dass auch ein so profanes Objekt wie ein Urinal eine erstklassige Formgebung haben kann. Man muss die Schönheit nur erkennen.

„Sagmeister & Walsh: Beauty“, bis 26. April 2020, Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg