Grandby Four Streets © Assembly
Grandby Four Streets © Assembly

„Soziale Plastik“ als Weltverbesserungsformel?! 
„Social Design“ ist eine sehenswerte Schau von Projekten, die die
Welt zwar nicht retten können, aber für viele lebenswerter macht

"Nur noch kurz die Welt retten“ – wer würde nicht gerne Tim Bendzkos Beispiel folgen. Das Museum für Kunst und Gewerbe zeigt mit „Social Design“ eine höchst sehenswerte Schau von Projekten engagierter Gestalter*innen, die die Welt zwar nicht retten können, aber die Lebensqualität vieler Menschen deutlich verbessern.

Als die junge Londoner Architektengruppe Assemble 2015 für ihr Projekt „Grandby Four Streets“ den Turner-Preis erhielt, einen der wichtigsten Kunstpreise überhaupt, war die Empörung in der Kunstwelt groß. Was, so wurde gefragt, habe die Sanierung und Renovierung von baufälligen viktorianischen Reihenhäusern in vier heruntergekommenen Straßen Liverpools mit Kunst zu tun – zumal dieses interdisziplinäre Vorhaben in Zusammenarbeit mit den Anwohnern durchgeführt wurde? Nun ja, eine ganze Menge. Mit den „Grandby Four Streets“ hatte die Turner-Jury ein hervorragendes Projekt der Sparte „Soziale Plastik“ ausgezeichnet, wie sie Joseph Beuys mit seinem erweiterten Kunstbegriff bereits vor 50 Jahren in die Kunstgeschichte eingeführt hat. Sein Credo: „Jeder Mensch ist ein Künstler, kann durch Kreativität zum Wohle der Gesellschaft beitragen“, hebt den Unterschied zwischen Kunst und Design auf – zugunsten realer Probleme und engagierter Projekte wie der partnerschaftlich entwickelten Zukunftsvision für das Elendsviertel von Liverpool. Das Kollektiv Assemble schaffte neue Wohnflächen mit einfachen, preiswerten Materialien sowie ein neues unternehmerisches Konzept für die Anwohner, das mittlerweile Kultstatus erlangte: Architectural Ceramics, Handmade in Liverpool.

„Grandby Four Streets“ ist dem Kapitel „Urbaner Raum und Landschaft“ zugeordnet und eines von 25 internationalen Social Design-Projekten aus insgesamt sechs Bereichen, die Kuratorin Angeli Sachs ursprünglich für das Zürcher Museum für Gestaltung zusammenstellte und die jetzt – ergänzt durch sechs lokale Projekte – im Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen sind. Ob ein mobiles Geldtransfersystem, Bio-Wasserfilter oder Schulgärten in Afrika – es sind allesamt tolle Initiativen, die vor Augen führen, wie man und dass man auch ohne finanzkräftige Sponsoren im Hintergrund die Welt verbessern kann. Etliche Projekte betreffen die Flüchtlingshilfe, wie das magdas Hotel in Wien, das von 20 Migranten aus 16 Nationen – unterstützt von zehn Fachkräften aus der Hotellerie – betrieben wird. Oder das Hamburger Modelabel „Vagabunt“, ursprünglich als Nähprojekt für Hamburger Straßenkinder gegründet, schneidern und verkaufen hier mittlerweile minderjährige Geflüchtete und Mädchen mit Gewalterfahrung ihre eigenen Entwürfe. Im Bereich „Netzwerke“ ist der Solarkiosk von Graft und Andreas Spiess ein faszinierendes Beispiel dafür, wie mit verhältnismäßig kleinem Aufwand ein enormer Effekt erzielt werden kann. Mit dem mobilen Shop, der selbst Energie erzeugt, bekommen Menschen auch in der afrikanischen Savanne saubere, nachhaltige Energie – und darüber hinaus ein Service- und Kommunikationszentrum, das direkt in die Gemeinschaft hineinwirkt.


Wenn es um Hilfe zur Selbsthilfe in Sachen „Produktion“ geht, ist der Flying8-Webstuhl des Hamburger Webers Andreas Möller kaum zu toppen. Entwickelt während eines Aufenthalts in Estland und 2010 in Äthiopien erstmals eingesetzt, hat dieser einfach nachzubauende Leichtbauwebstuhl aus einfachen Dachlatten das Weber-Handwerk mittlerweile revolutioniert und Existenzgründungen in mehr als 20 Ländern auf vier Kontinenten ermöglicht.


Auf Hilfe angewiesen sind aber nicht nur Länder der sogenannten „dritten Welt“. Um Armut und Elend zu erleben, braucht man nur vor die Tür zu treten, genauer gesagt, vor die Tür des Museums für Kunst und Gewerbe. Das Drob Inn, Hamburgs zentrale Anlaufstelle für Drogenabhängige, befindet sich nur ein paar Schritte entfernt, am Besenbinderhof. Grund genug für Direktorin Tulga Beyerle und ihr Team im Zuge der Ausstellung selbst aktiv zu werden und gemeinsam mit dem Drob Inn und dem ConstructLab, einem interdisziplinären europäischen Netzwerk, zu überlegen, wie man den Platz zwischen MKG, ZOB und Drob Inn menschenwürdiger gestalten kann. Vielleicht entwickelt sich aus der „Arbeitsgemeinschaft für Gestaltungsräume um das MKG“ ja tatsächlich mehr, als ein paar Ideenskizzen auf dem Papier. Zu wünschen wäre es. 

Bis 27. Oktober 2019. Alle Infos unter www.mkg-hamburg.de