WIE SIEHT DIE ZUKUNFT AUS?
Jan Bosse schickt die zuschauer auf eine theatrale Forschungsreise

Frankensteins Monster wurde zum Inbegriff eines vom Menschen geschaffenen Homunculus, seit Boris Karloff es 1936 im Film verkörperte. Der Ursprung war nur eine kleine Horrorgeschichte eines 19-jährigen Mädchens namens Mary Shelley aus dem Jahr 1818. Seitdem haben Computer längst die Welt erobert. Und das Schreckgespenst eines künstlichen Menschen hat ganz andere Dimensionen angenommen. Eine Maschine, die sich selbst erfindet, die sich selbst updatet, ist inzwischen durchaus vorstellbar. Yuval Noah Harari, Autor des Weltbestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, warnt in seinem Buch „Homo Deus“ vor solchen Ausmaßen. In seinem Projekt „Frankenstein / Homo Deus“, das im Thalia Theater uraufgeführt wird, will Regisseur Jan Bosse beides miteinander verknüpfen.

Dafür gibt es vier Spielstätten im Thalia Theater, die das Publikum in vier Gruppen nacheinander besuchen soll. „Die Zuschauer sind unterwegs
im Thema und im Theater“, erklärt Dramaturgin Susanne Meister. „Wir schicken sie auf eine Forschungsreise, die auch Spaß machen soll.“ Hinter
dem Eisernen Vorhang wird die Bühne zu einem Anatomie-Theater, wie es schon im 16. Jahrhundert üblich war. Früher standen Studenten und Zu-
schauer auf Tribünen rundum, hier wird das Publikum im Halbrund um den Seziertisch platziert. Nach dem Abstecher in die Vergangenheit geht es im Parkett des Thalia Theaters in ein Forschungslabor der Zukunft. Im Mittelrang-Foyer beschäftigt sich Schauspielerin Karin Neuhäuser in einem Monolog mit dem Thema. Und im Oberrang schließlich wird ein Stummfilm gezeigt, der mit den Thalia-Schauspielern gedreht wurde. Im zweiten Teil des Abends wird die Thalia-Bühne wieder zur gewohnten Bühne. „In einem großen Brückenschlag umkreisen wir das Thema von der Erschaffung eines künstlichen Menschen vom 19. Jahrhundert, damals noch mit Leichenteilen, bis heute zur künstlichen Intelligenz “, sagt Susanne Meister. Mosaikartig werden dabei die Teile zusammengefügt und miteinander verbunden.

„Interessant ist, dass der Name von Victor Frankenstein, dem Wissenschaft ler, oft gleichgesetzt wird mit dem Monster, das er geschaffen hat. Beide werden sozusagen eins.“ Vor allem die Darstellung von Boris Karloff hat dafür gesorgt. Mit ihm allerdings hat das Monster im Thalia Theater nicht unbedingt Ähnlich keit. „Höchstens vielleicht in der Körpersprache. Aber wir entwickeln natürlich unser eigenes Monster. Heute ist das Thema viel komplexer geworden und dringt in unseren Alltag ein.“ Harari fragt in seinem Buch nach den Folgen einer Welt mit einem künstlichen Menschen, der alles besser kann und sich immer wieder selbst erneuert. Wird sich das jeder leisten können? Wird es in dieser Hinsicht eine Zweiklassengesellschaft geben? Kann man dann noch glücklich sein? Was macht den Menschen eigentlich aus und was sind wir im Begriff zu ver-
lieren? Susanne Meister: „Harari sagt, nur wenn wir uns klarmachen, wohin die Entwicklung geht, können wir eine eigene Vision entwickeln und darüber nachdenken, wie unsere Zukunft aussehen soll. Das finde ich einen sehr guten Ansatz und denke, dass davon auch der Theaterabend etwas haben kann.“ Dazu beitragen sollen auch die verschiedenen Formen von Film, Vortrag, Spiel – und natürlich auch die Musik von Jonas Landerschier, mit dem Jan Bosse schon häufiger zusammengearbeitet hat. Der renommierte Regisseur ist seit 2009 regelmäßig zu Gast am
Thalia Theater.