David Hockney, My Parents, 1977 © Tate
David Hockney, My Parents, 1977 © Tate

Wieder offen: David Hockney - die Tate zu Gast

Wieder offen: Die Ausstellung kann ab dem 7. Mai 2020 wieder unter besonderen Vorkehrungen zur Einhaltung der Kontaktbeschränkungen innerhalb der üblichen Öffnungszeiten zu den normalen Eintrittspreisen besucht werden.

 

Das Bucerius Kunst Forum präsentiert einen der berühmtesten und vielseitigsten Künstler der Gegenwart

 

Was gerade angesagt ist, hat ihn nie interessiert. David Hockney malte immer gegen den Trend – und wurde weltberühmt. Ausgerechnet am Abend des Brexits eröffnete das Bucerius Kunst Forum die erste Retrospektive des gebürtigen Briten in Deutschland – mit Werken aus der fantastischen Sammlung der Londoner Tate. Eine starke Schau und ein starkes Zeichen in einem Europa, das immer mehr auseinanderzufallen scheint.

 

Der Meister „himself“ begrüßt die Besucher. „In the Studio“ (2017), einem riesigen Atelier-Panorama von 2,78 Meter Höhe und 7,60 Meter Breite, steht der 80-jährige Künstler in blaugrün gestreifter Strickjacke und schwarzer Hose, fast ein wenig verunsichert. „Gefällt Euch das?“, scheint er zu fragen. „Seht ihr, was ich hier gemacht habe?“ Ja, natürlich. Mit den Perspektiven gespielt. Raum und Zeit eingefangen, die Blickwinkel verschoben, wie es das menschliche Auge permanent macht. „Das Auge bewegt sich immer, wenn es sich nicht mehr bewegt, bist Du tot“, hat er einmal gesagt. Und in diesem Fall schuf David Hockney, der schon Mitte der 1970er Jahre mit Fotografie experimentierte, aus tausenden, am Computer zusammengesetzten Aufnahmen eine, wie er selbst kommentiert, „Kombination aus Fotografie, Zeichnung und Druckgrafik, die jeweils das Beste des anderen hervorbringen“. Seine ewige Suche nach der Darstellbarkeit von Raum und Zeit hat hier zweifellos eine neue Dimension erreicht. Und noch etwas ist auffällig: Die knallbunten Landschaften, die die Wände pflastern, haben merkwürdig beschnittene Formate. Die unteren Ecken fehlen, sodass es unmöglich ist, „das Bild als Fenster“ aufzufassen.

 

Wer an David Hockney denkt, hat vor allem seine naturalistischen Werke vor Augen. Das berühmte Elternpaar (1977), das schon auf dem Bauzaun am Alten Wall den Weg in die Ausstellung weist. Oder die vielleicht noch berühmteren Swimmingpool-Bilder, mit und ohne nackte Jünglinge unter der gleißenden Sonne Kaliforniens, die Hockney das Etikett eines Pop-Artisten einbrachten. Ein Etikett übrigens, das er stets ablehnte und bis heute als Missverständnis betrachtet.

 

Tatsächlich ist das Werk des genialen Briten so umfangreich, vielseitig und experimentierfreudig, dass auch diese hinreißende, chronologisch geordnete Schau von Kathrin Baumstark und Tate-Kuratorin Helen Little nur einen groben Überblick über die wichtigsten Entwicklungsphasen geben kann. Angefangen von den frühen, autobiographisch bestimmten Figurenbildern, in denen er, noch als Student am Royal College of Art, alle möglichen Stile ausprobierte und inhaltlich dabei unverhohlen seine Homosexualität thematisierte. „Doll Boy“ (1960,61) aus der benachbarten Kunsthalle ist ein prägnantes Beispiel. Ebenso das „Tea Painting in an Illusionistic Style“ (1961, öffentliche Toiletten, in denen sich Schwule trafen, wurden Tearooms genannt). „David wollte ein moderner Künstler sein, aber er wusste noch nicht wie“, sagt Helen Little. „Es gab damals nur zwei Strömungen am College, traditionell oder abstrakt und beide Richtungen lehnte er ab“. Dieses permanente Vorantasten spiegelt sich auch in der Radier-Serie „A Rake’s Progress“ (Werdegang eines Wüstlings), in Anlehnung an William Hogarth, in denen Hockney seine ersten New York-Erfahrungen verarbeitet. Mit dem Umzug nach Los Angeles wird alles anders. Das Leben leichter, die Farben bunter, das Licht zur Kraftquelle. Zwischenmenschliche Beziehungen rücken in den Vordergrund und mit ihnen die naturalistische Wiedergabe von Licht, Schatten und räumlicher Tiefe. „Das Destillat einer Momentaufnahme“, das lebensgroße Paar „Mr and Mrs Clark and Percy“ (1970/71), war für den Künstler eine so große Herausforderung, dass er sogar noch im Museum daran weitermalte, wie Helen Little erzählt.

 

Den Naturalismus empfand Hockney laut Little jedoch schnell als „Falle“. Ende der 70er Jahre begann er, den Raum wieder aufzubrechen und sich an Picassos Kubismus abzuarbeiten. Die schönsten, farbenprächtigsten Bilder entstanden dabei in Mexiko, im Innenhof des Hotel Acatlan. Im Bucerius Kunst Forum kann man nun in diesen wunderbaren Bildern schwelgen. Und wenn man schließlich vor dem überwältigenden, fast siebeneinhalb Meter langen und gut zwei Meter hohen,  rot-gelb leuchtenden Grand Canyon von 1998 steht, dann kann man David Hockney nur zustimmen: „Ich habe das Gefühl, dass es heute eine Möglichkeit gibt, Picassos Arbeit so weiter zu entwickeln, dass es am Ende nicht aussieht wie ein Picasso, sondern unglaublich real wirkt“. 

 

„David Hockney – die Tate zu Gast“, verlängert bis 13. September 2020, Bucerius Kunst Forum, Alter Wall 12, 20457 Hamburg, Mo – So 11 – 19 Uhr, Do bis 21 Uhr. Eintritt am Montag nur 6 statt 9 Euro. Alle Infos unter www.buceriuskunstforum.de.