Anne Collier, Woman Crying (Comic) #8, 2019 © Anne Collier
Anne Collier, Woman Crying (Comic) #8, 2019 © Anne Collier

Trauern - von Verlust und Veränderung

Wieder offen: Die Ausstellung kann ab dem 7. Mai 2020 wieder unter besonderen Vorkehrungen zur Einhaltung der Kontaktbeschränkungen innerhalb der üblichen Öffnungszeiten zu den normalen Eintrittspreisen besucht werden.

 

 

Abschied, Trauer und Wandel im Spiegel der internationalen Kunst

 

„Aus aktuellem Anlass“ heißt es immer so schön in den Nachrichten. Aus aktuellem Anlass ist die Ausstellung „Trauern“ in der Hamburger Kunsthalle die Schau der Stunde. Eine Aktualität, die niemand erahnt und die niemand gewünscht hat. Denn seit der Coronavirus Europa fest im Griff hat, sind die Ängste vor Verlust und Veränderung, Trennung und Tod allgegenwärtig. Die von Brigitte Kölle kuratierte Schau mit Werken von 28 Künstlerinnen und Künstlern könnte dem einen oder der anderen vielleicht helfen, das Corona-Trauma zu verarbeiten. Ab dem 7. Mai zeigt die opulente Themenausstellung nun wieder, wie unterschiedlich persönliche und kollektive Trauer je nach Kultur und Religion empfunden wird und dass sie nicht zuletzt auch humorvolle, ja groteske Aspekte bieten kann.    

 

Nein, es ist kein Ausschnitt aus Roy Lichtensteins „Crying Girl“. Das monumentale, stark gerasterte, tränende Auge einer Frau („Woman Crying (Comic) #8“), das schon von weitem die Aufmerksamkeit auf sich zieht, stammt von Anne Collier, einer US-Künstlerin, die der Appropriation-Art (Aneignungs-Kunst) zuzuordnen ist. Im Kontrast mit Andy Warhols Schwarz-Weiß-Ikone  „Jackie“ (1964), der gefasst und still trauernden Kennedy-Witwe, die den Trauer-Reigen über zwei Stockwerke eröffnet, transportiert „Woman Crying“ nur hohlen, sentimentalen Kitsch und ein überkommenes Rollenklischee. Das Zitat eines Zitats eines Zitats – echte Trauer sieht anders aus! 

 

Wie, das zeigen vor allem die Arbeiten kollektiver Trauer von Paul Fusco, Rein Jelle Terpstra und Philippe Parreno. Alle drei bereiten die letzte Reise von Robert F. Kennedy auf, der am 6. Juni 1968, nur zwei Monate nach Martin Luther King, ermordet wurde. Paul Fusco selbst fuhr damals auf dem „RFK Funeral Train“ mit, der am 8. Juni 1968 den Leichnam des Hoffnungsträgers von New York City nach Washington D.C. überführte. Er fotografierte die weinenden, winkenden, salutierenden, starr vor Kummer stehenden Menschen entlang der Gleise, die ihrem Bobby die letzte Ehre erwiesen. Terpstra wiederum lässt in seinem Werk „The People’s View“ die Menschen selbst zu Wort kommen. Seine Augenzeugenberichte, die er bis heute sammelt, treiben einem die Tränen in die Augen. Parreno schließlich stellt in seinem atmosphärisch-dichten Film die Zugfahrt nach, mitsamt der Menschen am Wegesrand. Das alles ist so intensiv und authentisch, dass man die Trauer einer ganzen Nation mit den Händen zu greifen vermeint und selbst unwillkürlich in Melancholie verfällt.    

 

Aber ist Mitleid, ist das Aufwallen eigener Emotionen ein Qualitätsmerkmal dieser Schau? „Wenn uns ein Verlust nicht berührt, sind wir auch nicht liebesfähig“, sagt Kuratorin Kölle. Das mag grundsätzlich stimmen, doch viele der hier gezeigten Arbeiten wirken so grotesk und spielerisch-experimentell, dass man eher belustigt als bekümmert zuschaut. Zu nennen ist da das Hollywood-reife Auftreten des Isländers Ragnar Kjartansson, der die Songzeile „Sorrow conquers happiness“ über 30 Minuten variiert. Oder Rosemarie Trockels Kurzfilm „Manu’s Spleen 1“, der eine junge Frau begleitet, die mit zwei Freunden über den Friedhof spaziert und sich plötzlich in ein offenes Grab, neben einen reglosen Mann legt. Eine Leiche? Oder doch nur ein Schauspieler? Die Frage bleibt offen, doch offene Fragen sind gerade das Spannende an dieser Trauer-Schau, die so viele Facetten und Kapitel umfasst. Angefangen bei der Klanginstallation von Turner-Prize-Trägerin Susan Philipsz im Lichthof, über die eindringlichen Schmerzbilder von Maria Lassnig nach dem Tod der Mutter, bis nach Afrika, zu den farben- und lebensfrohen figürlichen Miniatur-Särgen des Ghanaers Kudjoe Affutus.

 

Jeder wird hier etwas anderes bewegend finden. Für die Autorin waren es - neben dem „Funeral Train“ und Christian Boltanskis immer wieder beeindruckender Porträt-Installation „Les Suisses Morts“ (aus der hauseigenen Sammlung) - vor allem die Bachelor-Arbeit von Greta Rauer und die bearbeiteten Internet-Fotografien des Syrers Khaled Barakeh. Die eine verarbeitet, sehr zurückhaltend und zart, in ausschnitthaften Pastellzeichnungen den Tod des Vaters. Der andere spiegelt den Wahnsinn der Welt. Barakehs „Untitled Images“ zeigen verzweifelte Männer mit leblosen kleinen Körpern in den Armen. Moderne Pieta-Darstellungen eines sinnlosen, grausamen Krieges. Der Künstler hat die Opfer mit dem Skalpell ausgeschnitten, sodass die Körper nur noch als weiße Schattenrisse erscheinen. Weiß, wie Totenhemden. Weiß, wie Geister, Weiß, wie ein leeres Blatt Papier, da die Trauer keine Worte findet.


„Trauern – von Verlust und Veränderung“, verlängert bis 2. August 2020, Galerie der Gegenwart, Glockengießerwall, Di bis So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr. Alle Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de