Lisa Reihana, Detail in Pursuit of Venus [infected]  © Lisa Reihana
Lisa Reihana, Detail in Pursuit of Venus [infected] © Lisa Reihana

Im Schatten von Venus

Wieder offen: Die Ausstellung kann ab dem 7. Mai 2020 wieder unter besonderen Vorkehrungen zur Einhaltung der Kontaktbeschränkungen innerhalb der üblichen Öffnungszeiten zu den normalen Eintrittspreisen besucht werden.

 

 

Lisa Reihanas großartige Videoinstallation wird ergänzt durch Kunst aus dem Pazifikraum

 

Es war das Highlight der Biennale von Venedig 2017 und ist wohl das schönste historische Tableau, das jemals in Hamburg zu sehen war: Unter dem Titel „Im Schatten von Venus“ breitet die neuseeländische Künstlerin Lisa Reihana im Museum am Rothenbaum eine gigantische Video-Installation aus. Ein bewegtes Breitband-Panorama, das verführerisch mit romantischen Südsee-Klischees spielt und dabei kritisch die Kolonialisierung hinterfragt. Zum Glück war die Corona-Zwangspause von relativ kurzer Dauer, sodass noch viele Besucher in den Genuss dieser hinreißenden Slow-Motion-Show kommen können.

 

Der erste Eindruck, hier eine zum Leben erweckte Tapete vor sich zu haben, täuscht nicht. Vor Jahren entdeckte Lisa Reihana in einem Museumsshop einen Katalog mit Tapeten-Entwürfen von Jean Gabriel Charvet aus dem 19. Jahrhundert, auf denen die Südsee-Expeditionen des englischen Seefahrers und Kartografen James Cook (1728-1779) dargestellt sind. Cook brach 1768 erstmals in den Pazifischen Ozean auf, um von Tahiti aus den Transit der Venus vor der Sonne zu beobachten und traf dort, wie Charvets Bilder suggerieren, auf hellhäutige Inselschönheiten in neoklassizistischen Kostümen und eine südamerikanische Pflanzenwelt. Doch an diesem Phantasie-Paradies störte sich damals niemand. Die idealisierten Motiv-Tapeten schmückten im 19. Jahrhundert Adelssalons in ganz Europa.

 

Lange wusste die Künstlerin mit Maori-Vorfahren mit dem Katalog nichts anzufangen. Doch dann kam der Auftrag, eine superweite Videoprojektion anzufertigen und der Katalog fiel ihr wieder in die Hände. „Heureka! Ich muss das nur zum Leben erwecken“, dachte sie sich und begann, gemeinsam mit indigenen Schauspielern und ihrem Partner James Pinker, der für die Klanglandschaft verantwortlich zeichnet, ihre Sicht auf den Kolonialismus in einem grandiosen, 22,5 Meter breiten Tableau in Szene zu setzen. Zehn Jahre hat Lisa Reihana insgesamt an dieser technischen und narrativen Meisterleistung gearbeitet, rund 1.500 digitale Schichten übereinandergelegt mit insgesamt 33 Millionen Pixeln pro Bild. Es dauert eine gute Stunde, bis man alle 70 Szenen, all die vielen kleinen, historischen wie imaginären Geschichten um Cook, seine Crew und deren Begegnung mit den Inselbewohnern gesehen hat und der Loop von vorn beginnt. Dabei wird „Im Schatten von Venus“ auch die Gender-Frage erörtert. Denn anders, als die eurozentristische Sicht nahelegt, hatten die einheimischen Frauen der Pazifikinseln durchaus Macht und Ansehen. Reihana verdeutlicht das, indem sie den Entdecker teilweise von einer Frau spielen lässt und eine Geburt von einem Mann. Keine Frage, diese Video-Installation ist nicht nur ein Kunstprojekt der Superlative, sie ermöglicht es in der von Jeanette Kokott und Emelihter Kihleng kuratierten Schau auch, die flankierenden Exponate aus der hauseigenen Ozeanien-Sammlung ganz neu zu sehen und zu interpretieren.

 

Fazit: „Im Schatten von Venus“ ist erfüllt von „Mana“, wie man im pazifischen Raum sagt: von spiritueller Kraft.

 

„Im Schatten von Venus – Lisa Reihana & Kunst aus dem Pazifik“, verlängert bis 4. Oktober 2020, Museum am Rothenbaum, Rothenbaumchaussee 64. Di bis So 10 – 18 Uhr, Do 10 – 21 Uhr. Alle Infos unter www.markk-hamburg.de