Espagne Ancienne-Porter with Dividers © William Kentridge
Espagne Ancienne-Porter with Dividers © William Kentridge

Die faszinierende Bildsprache des William Kentridge

Mit „Why should I hesitate: Putting Drawings to work“ zeigen die Hamburger Deichtorhallen die bislang umfassendste Ausstellung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge

 

Eine sensationelle Schau eines der vielseitigsten und bedeutendsten Künstler unserer Zeit! Seit frühster Jugend prägt Politik – besonders
das menschenverachtende Regime der Apartheid - Leben und Werk des 65-jährigen Johannesburgers. Die Eltern, beide prominente Anwälte und Apartheid-Gegner, öffnen dem jungen William die Augen für das Unrechtsregime in dem strikt antikommunistischen Land. Schon als Schüler kämpft Kentridge für Gleichberechtigung, im Studium spielt er Agitprop-Theater und liest Kant, Marx, Hegel, Adorno, Piscator. Schließlich
landet er an der gemischtrassigen Johannesburger Art Foundation, die seine Kunst prägen wird. Lange dachte Kentridge, er müsse sich entscheiden zwischen Theater, Film und bildender Kunst. Bis er begriff, dass die unterschiedlichen Sparten sich gegenseitig befruchten und seine faszinierende, von Weltschmerz durchtränkte Bildsprache auf ihrem Zusammenspiel beruht.

 

Die Deichtorhallen zeigen nun 40 Jahre künstlerisches Schaffen. Es beginnt mit frühen Radierungen, die in ihrer abgrundtiefen Düsternis, ihrem
perfiden Voyeurismus und Zynismus unwillkürlich an Goyas Caprichos denken lassen. Doch schon im nächsten Raum fangen die Bilder zu laufen an und man taucht ein in Kentridges werkumspannendes Thema: Die Erinnerung.

 

Die Erinnerung an Südafrikas jüngste Geschichte ist vor allem schmerzhaft. Immer wieder geht es um Terror und Tyrannei, um Verlust und Trauer. Aber auch um das unbändige Vergnügen, zu zeichnen und zu träumen. Dazu braucht der Künstler nichts weiter als einen Kohlestift und ein Blatt Papier. Er zeichnet, radiert, zeichnet neu, radiert wieder, sprunghaft, assoziativ. Die Geschichten entstehen ohne Drehbuch. Ein „Schlüsselbild im Kopf“ genügt, alles Weitere entsteht im Dialog mit der Zeichnung und einer alten 16-Milimeter-Kamera, seiner „Denkmaschine“.

 

Seit dem ersten Film, „Johannesburg, zweitgrößte Stadt nach Paris“ (1989), gibt es ein immer wieder kehrendes Inventar: Ein Bakelit-Telefon, eine alte Rechenmaschine, ein Megaphon. Und zwei Personen: Den Großindustriellen Soho Eckstein und seinen Gegenpol Felix Teitlebaum. Der erste ein skrupelloser Ausbeuter im Nadelstreifenanzug, der nach dem Zusammenbruch des Apartheid-Systems und seines Imperiums komatös am Tropf hängt und von seinem erwachten Gewissen gequält wird („History of the Main Complaint“, 1996). Der andere ein schwacher Mensch. Immer nackt gezeichnet. Ein Tagträumer, ein Künstler – und Kentridges Alter Ego. Mit ihm lässt er den Zuschauer an seinen innersten Ängsten
und Hoffnungen teilhaben.

 

Ängste und Hoffnungen, wie sie auch in „Felix im Exil“ (1994) zum Ausdruck kommen, kurz nach den ersten freien Wahlen in Südafrika gezeichnet: Eine Szene zeigt einen erschlagenen Schwarzen am Boden. Aus seinem Kopf sickert Blut. Nach und nach wird sein Körper von angewehten Papieren eingehüllt, nimmt amorphe Formen an, verwandelt sich in eine Felsenlandschaft. Und wird zum Sinnbild für Vergänglichkeit.
Längst sind es nicht mehr nur gezeichnete Filme, mit denen William Kentridge seine Zuschauer in den Bann schlägt. Vielmehr monumentale Bühnenspektakel und Installationen, wie die Hommage an den ins Exil getriebenen Revolutionsführer Leo Trotzki, der um 1930 in einem
türkischen Hotel lebte. Den Eingangsbereich des Hotels ließ Kentridge zur Istanbul Biennale 2015 nachbauen, um in dem plüschigen Interieur seine Filmarbeit über Trotzkis Utopismus zu betten. Am beeindruckendsten aber ist zweifellos die 40 Meter lange, musikalisch untermalte
Videoprojektion „More Sweetly Play the Dance“. Eine endlose Prozession lebensgroßer Schatten, seltsam altmodisch, seltsam modern, fröhlich
und traurig, hoffnungsvoll und hoffnungslos – von einer Poesie jenseits aller Worte. Das muss man einfach erlebt haben.

 

William Kentridge, bis 18. April 2021. Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstr. 1, 20095 Hamburg.
Di-So 11-18 Uhr, jeden 1. Do im Monat bis 21 Uhr.
Alle Infos auf www.deichtorhallen.de.
Corona-bedingte Änderungen der Öffnungs- und Laufzeiten sind möglich.

 

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