Baaltempel in Palmyra © Estate Yvonne v. Schweinitz
Baaltempel in Palmyra © Estate Yvonne v. Schweinitz

Zeugnisse einer untergegangenen Welt
Eine fotografische Reise nach Syrien aus dem Archiv von Yvonne von Schweinitz (1921–2015)

Syrien – seit Jahren schon Synonym für Bombenkrieg und Blutvergießen, für Flüchtlingsströme und Fanatiker, für ein Land in Schutt und Asche. Wie faszinierend schön diese Region einmal war, wie friedlich, wie unerhört reich an Kulturzeugnissen aus antiker, frühchristlicher und islamischer Zeit, das zeigen die beeindruckenden Fotografien von Yvonne von Schweinitz aus den Jahren 1953 und 1960 derzeit im Archäologischen Museum Hamburg: „Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit“.

Wie oft die Hamburger Kuratoren Claus Friede und Mathias von Marcard Hinweise auf künstlerisch hochbegabte Cousinen, Schwestern oder Freunde bekommen, können sie gar nicht zählen. Auch den Namen Yvonne von Schweinitz (1921–2015) hörten sie per Zufall, doch diesmal war schnell klar, dass hier eine hochinteressante Reisefotografin und ihr fantastisches Konvolut an historischen Aufnahmen auf Entdeckung warteten. Die gebürtige Gräfin von Kanitz, deren Negative die beiden Kunstexperten ab 2009 aus dem Archiv ihres Mentors, des Freiburger Fotojournalisten Willy Pragher ans Licht der Öffentlichkeit zogen, war eine ganz außergewöhnliche Frau: Studierte Romanistin und Kunsthistorikerin, hochgebildet und universell interessiert. Darüber hinaus ausgesprochen abenteuerlustig und neugierig. Die Leidenschaft für die Fotografie hatte einst ihr Vater geweckt, indem er ihr die erste Kamera schenkte. Fortan fotografierte die gebürtige Danzigerin und zwar so gut, dass ein Schweizer Verlag auf sie aufmerksam wurde und sie für ein Buch über den Maghreb 1952 nach Nordafrika schickte. 1953 folgte eine große Reise von Zürich aus mit dem Auto in den damals noch so friedlichen Vorderen Orient. Sieben Monate lang war sie „On The Road“, dokumentierte unter beschwerlichen Bedingungen Land und Leute in der Türkei, in Syrien, Jordanien, Israel, Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan. Nach ihrer Heirat bereiste die Fotografin 1960 mit ihrem Mann Victor von Schweinitz ein zweites Mal die Levante.

Die Harburger Ausstellung zeichnet die beiden Syrien-Aufenthalte nun mit über 70 Schwarz-Weiß-Fotografien und zahlreichen Farbdias anhand der Reiseroute nach und stellt sie Satellitenbildern von heute gegenüber. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, bewusst als „Fragmente“ bezeichnet, doch mit dem erklärten Ziel, dem vom Bürgerkrieg traumatisierten Land ein ganz anderes Bild gegenüberzustellen. Die fotografische Reise beginnt mit den kargen Berglandschaften auf dem Weg von Beirut nach Damaskus. Dann hinein in die historische Altstadt mit ihren märchenhaften Moscheen und Märkten. Es folgen die Wüstenstadt Palmyra mit ihrem antiken Baaltempel und dem römischen Amphitheater; der Suq in Homs, die mächtige Burganlage Krak des Chevaliers aus dem Mittelalter und das von vielen muslimischen Sekten bevölkerte Hama mit seinen riesigen Wasserrädern aus römischer Zeit am Orontes. Zum Schluss die wohlhabende Handelsstadt Aleppo mit ihrer imposanten Zitadelle Saif alDaula und das Simeonkloster im Norden des Landes. Bis auf Homs alles UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten. Bis auf die Berglandschaften heute alles beschädigt oder komplett zerstört. Was bleibt, sind Zeugnisse einer untergegangenen Welt. Und die Hoffnung, dass dieses Land, in dem Mesopotamier, Assyrer, Perser, Hellenen und Römer das kulturelle Gedächtnis geprägt haben, irgendwann wieder zu seiner religiösen Toleranz und ethnischen Vielfalt findet.  

Bis 16. Juni 2019. Alle Infos unter www.amh.de