Die aktuellen Premieren der Privat- und Staatstheater

Stahltier: Jacqueline Macaulay und Wolfram Koch © Bohumil Kostohryz
Stahltier: Jacqueline Macaulay und Wolfram Koch © Bohumil Kostohryz

Die Neuproduktionen im November:

 

HAMBURGER KAMMERSPIELE

STAHLTIER

Leni Riefenstahl, die Filmregisseurin, die sich im Dritten Reich um der Karriere willen nur allzu gern in die Nähe der Nazis begab und sich später als deren Opfer darstellte, ist in Erinnerung geblieben. Wer aber kennt Willy Zielke? Er war ein Regisseur und Kameramann, dessen besondere künstlerische Begabung Leni Riefenstahl für ihre Zwecke nutzen wollte. Doch sein expressionistischer Film „Stahltier“ war von Propagandaminister Goebbels verboten worden. Um ihre Ziele durchzusetzen, lässt sich die Regisseurin auf die Konfrontation mit dem Minister ein, wobei Zielke mehr und mehr zum Spielball ihrer Ambitionen wird, während Riefenstahl und Goebbels sich gegenseitig umkreisen und belauern. Albert Ostermeier schildert die Begegnung der beiden Machtmenschen in seinem brisanten Stück, das er nach Zielkes Meisterwerk benannte. Die Koproduktion des Berliner Renaissance Theaters und des Théâtre National du Luxembourg, die 2024 uraufgeführt wurde, ist mit Jacqueline Macaulay und Wolfram Koch prominent besetzt.

 




 

STAATSOPER HAMBURG

PETRUSCHKA & L‘ENFANT ET LES SORTILÈGES

 



Das britische Theater- und Videokunst-Kollektiv „1927“ revolutioniert die Opernwelt seit 2005 mit seiner innovativen Verschmelzung von Schauspiel, Musik und handgezeichneter Animation, in der Oper, Kabarett, Akrobatik und Film aufeinandertreffen und sich ergänzen. Weltweit bekannt wurde es durch seine von Stummfilm-Ästhetik inspirierte Produktion der „Zauberflöte“, die 2012 in Berlin uraufgeführt wurde und die bis heute in über 20 Ländern gastierte. In der Staatsoper fasst die Gruppe um Paul Barritt (Animation), Susanne Andrade und Esme Appleton (beide Regie) nun ein Ballett und eine Oper zu einem Ausflug in abenteuerliche Welten zwischen Traum und Wirklichkeit zusammen. Eine unglückliche Liebe und die Sehnsucht nach Freiheit bestimmt im Ballett von Tschaikowsky den kurzen Ausflug der Puppe „Petruschka“ in die Realität. Maurice Ravels Oper „L’enfant et les sortilèges“ erzählt von einem Kind, das in einem Wutanfall Gegenstände zerstört und Tiere quält, worauf ein Zauberspuk es wieder zur Vernunft und Einsicht bringt.

 

HAMBURGER KAMMERSPIELE

ZUM STERBEN SCHÖN


Es ist ein Thema, das man nicht gerne anspricht und das man vermeidet, bis es die Umstände zwingend machen: Ein Angehöriger ist gestorben; worum müssen die Hinterbliebenen sich kümmern? Gilla Cremer, die Spezialistin für berührende Soloprogramme, hat keine Scheu, auch dieses schwierige Thema mit Witz und Einfühlsamkeit anzugehen. Nachdem sie mit „Die Dinge meiner Eltern“ schöne und schmerzliche Erinnerungen wachrief, geht es in „Zum Sterben schön“ um das, was vom Leben übrigbleibt. Ihre Protagonistin Agnes muss sich um das Grab der Eltern kümmern. Die Pacht ist abgelaufen, wollen die Schwestern sie verlängern? Oder soll das Grab aufgelöst werden? Dabei ergeben sich auch Fragen nach dem eigenen Ende. Wie soll ihre eigene Bestattung aussehen und wo wird sie selbst einmal die letzte Ruhe finden? 

 

DEUTSCHES SCHAUSPIELHAUS

WEIL DER FRIEDEN ZUCKER IST! ODER…


Kriege lassen jungen Männern keine Wahl: Sie werden eingezogen. Das ist in diesen Zeiten nicht anders als vor 70 Jahren. Damals kämpfte Algerien gegen Frankreich. Dieser Kolonialkrieg ist der Hintergrund für die dem Stück zugrunde liegende Erzählung „Was für ein kleines Moped mit verchromter Lenkstange steht dort im Hof?“ des 1982 verstorbenen französischen Schriftstellers Georges Perec. Das Moped gehört Unteroffizier Henri Pollak und der will seinem wehrpflichtigen Freund helfen. Denn Krieg – da ist sich die ganze Clique einig – ist ein schmutziges Geschäft. Und „Karadingsbums“, der Freund, dessen Namen keiner so richtig kennt, will in Paris bleiben und nicht an die Front nach Algerien. Die eher intellektuellen Gefährten sind allerdings bei den praktischen Lebenshilfen nicht so bewandert wie im Diskutieren. Diese komisch-anarchische Erzählung bringt Regisseurin Anita Vulesica unter dem etwas einfacheren Titel „Weil der Frieden Zucker ist!“ im Schauspielhaus zur Uraufführung. Hier hatte sie auch vor zwei Jahren das Stück „Die Maschine oder Über allen Gipfeln ist Ruh“ nach einem Text von Perec uraufgeführt. 

 

STAATSOPER HAMBURG

DORNRÖSCHEN

53 Jahre lang gehörte Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ in Hamburg zum Repertoire der Staatsoper. In diesem Jahr wird sie nun abgelöst von Humperdincks fast vergessenem „Dornröschen“. Es bleibt dabei jedoch nicht allein bei der Märchenoper. Denn Regisseurin Anna Bergmann macht daraus in der Koproduktion mit dem Thalia Theater ein buntes Spektakel aus Musik, Schauspiel, Video und Animation. Musikalisch gibt es eine Zeitreise von Weber, Wagner und Tschaikowsky bis zu Madonna und Cher. Die Rolle des Dornröschens teilen sich die Schauspielerin Nicole Heesters und die Sängerin Elbenita Kajtazi. Es gibt nicht nur 13 Feen, sondern auch 12 Prinzen. Einen davon singt Staatsopern-Tenor Oleksiy Palchykov. Dornröschen fiel einst in einen 100-jährigen Schlaf und musste auf einen Prinzen warten, der sie wach küsste. Vor diesem Hintergrund erzählt Anna Bergmann eine heutige Geschichte über Fantasie, Freiheit und Selbstbestimmung und stellt die Frage, wie wir unser Schicksal selbst bestimmen können. 

 

THE ENGLISH THEATRE

DEATHTRAP

Ein Kriminalstück über ein Kriminalstück: In seinem Thriller „Todesfalle“ vermischt Autor Ira Levin geschickt Fiktion und Realität. Keine Person scheint das zu sein, was sie darstellt, Levin führt die Zuschauer gewitzt auf immer neue Fährten. Der erfolgreiche Broadway-Schriftsteller Sidney Bruhl steckt in einer Schreibkrise und ist finanziell am Ende. Da schickt ihm einer seiner Studenten ein Manuskript zu, in dem er sofort einen Hit erkennt. Hinterhältig beschließt er, den jungen Mann in sein Landhaus einzuladen und ihn umzubringen, um dessen Stück als sein eigenes auszugeben, was er bei seiner Ehefrau Myra aber als Scherz ausgibt. Der perfide Plan läuft nach und nach jedoch völlig aus dem Ruder. Hochspannung wechselt sich mit makabrem Humor und gruseligen Schockmomenten ab. Levins „Deathtrap“ gilt als einer der erfolgreichsten und intelligentesten Bühnen-Thriller. Von 1978 bis 1982 war er ein Dauerbrenner am Broadway.

 

OHNSORG THEATER

WELLNESS IS KEEN ZUCKERSLICKEN – KÖCHE, KEKSE…

Diese Komödie des britischen Comedy-Autors Dave Freeman (1922 – 2005), der hauptsächlich fürs Fernsehen schrieb und für seinen Wortwitz berühmt war, hat alles, was zu einer typischen Slapstick-Farce dazugehört: Verwechslungen, klappende Türen, Vertuschungen, Chaos und Überraschungen. Wellness allerdings hat nur am Rande damit zu tun. Denn gerade, als Julia und Richard ihr neues Bio-Wohlfühlhotel eröffnet haben, taucht Julias Ex-Mann wieder auf. Dumm nur, dass sie ihn eigentlich tot geglaubt und sich den Traum vom Hotel mit seiner Lebensversicherung verwirklicht hat. Außerdem ist ihr neuer Mann ausgerechnet der Sachbearbeiter eben jener Lebensversicherung. Ungebetene Gäste tauchen auf, die Schwiegermutter mischt sich in alles ein und im Hintergrund probt ein Polizeiorchester. Christiane und Cornelia Ehlers übertrugen die Komödie „Köche, Kekse, Katastrophen“ ins Plattdeutsche; der als Schauspieler vom Fernsehen bekannte Regisseur Pascal Breuer inszeniert u. a. mit den Ohnsorgs-Stars Beate Kiupel und Robert Eder. 

 

THALIA THEATER

DRAUSSEN VOR DER TÜR

Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ gilt als das bedeutendste Drama der Nachkriegsliteratur. Der junge Schriftsteller war schwer krank aus dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt. Innerhalb von acht Tagen schrieb er sein einziges Theaterstück, das 1947 zunächst als Hörspiel beim NDR und dann auf der Bühne von Ida Ehres Kammerspielen herauskam. Es machte ihn berühmt und wird heute noch in aller Welt gespielt. Wolfgang Borchert erlebte den Erfolg nicht mehr. Er starb einen Tag vor der Uraufführung im Alter von nur 26 Jahren. Im Thalia Theater erzählt der israelische Regisseur Ran Chai Bar-zvi die Geschichte des Kriegsheimkehrers Beckmann als Beispiel eines Menschen, der in dieser Welt keinen Platz mehr findet. Beckmanns Frau hat ihn verlassen, seine Eltern haben sich umgebracht, niemand will mehr vom Krieg reden, er findet keine Bleibe. Er will sterben, doch selbst die Elbe spuckt ihn wieder aus. Am Ende bleibt er ohne Antworten auf der Straße zurück.

 

ALTONAER THEATER

ACHTSAM MORDEN AM RANDE DER WELT

Der anstrengende Alltag als Anwalt, Mörder und Gangsterboss hat Björn Diemel seine ganze Kraft gekostet. Sein Therapeut rät ihm deshalb zu einer Auszeit. Im dritten Roman der „Achtsam morden“-Reihe von Karsten Dusse macht sich Diemel auf zu einer Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg. Und natürlich läuft auch da nicht alles so friedlich wie geplant. Ein Mitpilger trachtet ihm nach dem Leben. Leichen, Lügen und Lebensweisheiten begleiten ihn auf seinem Weg und erfordern seine bewährte Achtsamkeit, während seine Fragen nach Leben, Tod und Erfüllung plötzlich eine sehr praxisnahe Bedeutung bekommen. Zum vierten Mal hat Axel Schneider einen von Dusses makaber witzigen Psychokrimis bearbeitet und mit seinem eingespielten Darsteller-Trio inszeniert: Dirk Hoener spielt den Anwalt Diemel, Chantal Hallfeldt und Georg Münzel übernehmen alle weiteren Rollen. 

 

Karten für die Neuproduktionen finden Sie im Ticketshop