Regisseur Anton Pleva © Elena Zaucke
Regisseur Anton Pleva © Elena Zaucke

Diener 2er Herren

Anton Pleva inszeniert Goldonis turbulente Komödie am Ernst Deutsch Theater, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert

 

Mit seiner Komödie „Der Diener zweier Herren“ führte der italienische Dichter Carlo Goldoni die bis ins 18. Jahrhundert übliche volkstümliche Commedia dell’Arte auf einen Höhepunkt. Rund um Diener Truffaldino, der sich aus finanzieller Not und wegen seines permanenten Hungers gleich zweimal verdingt, entwickelt sich eine verwickelte und turbulente Lügen- und Liebesgeschichte. Der junge Florindo ist auf der Flucht, weil er den Bruder seiner Geliebten Beatrice ermordet haben soll, und kommt nach Venedig. Dort trifft auch Beatrice ein, die sich aber in Männerkleidung als ihren Bruder ausgibt. Ihr Diener Truffaldino, tritt nichts ahnend auch in die Dienste von Florindo und ist nun verzweifelt bemüht, dass beide nicht zusammentreffen.
   

 

„Die grundlegende Thematik ist immer noch zeitaktuell“, sagt Anton Pleva, der die Komödie unter dem modernisierten Titel „Diener 2er Herren“ im Ernst Deutsch Theater inszeniert. „Im Rokoko, zur Zeit Goldonis, gab es wenige sehr reiche und viele arme Menschen. Die Besitzunterschiede sind heute wieder auf einem ähnlichen Level. Wir holen das Stück im politischen Volkstheater der Commedia dell‘ Arte ab, betrachten die Figuren aber aus der Moderne.“  Gleichzeitig verspricht er ein Feuerwerk des Humors und des rasanten Miteinanders. Musikalisch begleitet wird das auf der Bühne von Henrik Demcker, der mit seinem original italienischen Synthesizer aus den 80er Jahren an den Italo-Disco-Sound anknüpft. Truffaldino wird gespielt von Rune Jürgensen, den Pleva von früheren gemeinsamen Arbeiten gut kennt. „Von ihm weiß ich genau, dass er den clownesken Humor und die Ehrlichkeit mitbringt, die wir für den Diener brauchen“, meint der Regisseur. 
   

 

Klassische Stoffe reizen Anton Pleva besonders. Am Ernst Deutsch Theater inszenierte er schon Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (2023) und Shakespeares „Romeo und Julia“ (2025). „Den Übertrag von klassischen Stoffen in die heutige Blickweise, ohne sie zwanghaft zu modernisieren – das mag ich sehr gerne. Das machen wir auch jetzt: Wir spielen Goldonis Diener mit den Mitteln von heute, das ist schon der Übertrag, dazu muss er nicht unbedingt ein Handy in der Hand haben.“ Vor allem aber möchte er das Publikum mit Goldoni zum Lachen bringen. „Lachen ist das schönste Mittel, um die Menschen zum Nachdenken anzuregen“, meint er.
   

 

Schauspiel, Regie, Coaching, eigene Theaterprojekte – die künstlerischen Aktivitäten von Anton Pleva sind breit gefächert. „Ich weiß nichts anderes als zu arbeiten. Es macht mir große Freude“. Vor Kurzem hat er sogar zwei Monate lang in Indien an einer tibetischen Kunsthochschule mit jungen Tibetern ein Stück erarbeitet.
   

 

Die Theaterleidenschaft wurde ihm als Sohn des Schauspielers und Regisseurs Jörg Pleva und dessen Kollegin Giulia Follina sozusagen schon in die Wiege gelegt. „Ich habe den Wunsch zum Theater nie selbst entwickelt“, meint Anton Pleva. „Es hat sich einfach so ergeben. Ich habe viel Zeit mit meinem Vater verbracht und er hat mich immer ins Theater mitgenommen. Das hat sich dann so fortgesetzt. Natürlich denke ich heute Theater anders als meine Eltern, aber ich freue mich immer, wenn andere sich an meinen prominenten Vater erinnern und sagen: Der war ja cool!“
 

 

Am Ernst Deutsch Theater, an dem der 2013 gestorbene Jörg Pleva häufig gearbeitet hat, hat auch Sohn Anton eine lange Geschichte. Schon 1995 stand er hier als Zwölfjähriger neben seinem Vater, der auch die Regie geführt hatte, in Molières „Der Wirrkopf“ und zwei Jahre später noch einmal in „Der eingebildete Kranke“ auf der Bühne. Später begeisterte er hier u. a. in komödiantischen Paraderollen wie „Charleys Tante“ oder in „Adel verpflichtet“.
   

 

Dem Ernst Deutsch Theater, das in diesem Herbst sein 75-jähriges Bestehen feiert, noch enger verbunden als Anton Pleva ist einer der Mitwirkenden im Goldoni-Stück: Daniel Schütter. Sein Vater Friedrich Schütter hatte 1951 „Das Junge Theater“, wie es damals hieß, mitbegründet. Heute ist er selbst, zusammen mit Ayla Yeginer, Intendant dieser Bühne. „Für mich ist das Ernst Deutsch Theater mein Zuhause“, sagt er. „Es ist mit einer wunderschönen Vision gebaut worden und stets visionär geblieben.“
   

 

An den Großen Bleichen hatte es einst begonnen. Dann ging es über die Marschnerstraße 1964 an die Mundsburg in einen ehemaligen UFA-Palast. 1973 wurde das Junge Theater zu Ehren von Ernst Deutsch umbenannt. Der renommierte jüdische Schauspieler hatte 1963 im Jungen Theater ein viel beachtetes Gastspiel in seiner berühmtesten Rolle als „Nathan der Weise“ gegeben. Nach dem Tod von Friedrich Schütter 1995 übernahm seine Frau Isabella Vértes-Schütter die Intendanz des Hauses, das heute das größte Privattheater Deutschlands ist und mehrfach ausgezeichnet wurde, u. a. mit dem Rolf-Mares-Preis und dem Barbara Kisseler Theaterpreis.
   

 

Seit seiner Gründung ist das Theater ein Forum für gesellschaftliche Auseinandersetzung, mit einem breit gefächerten Spielplan. 2003 kam die Jugendsparte plattform dazu. Und auch das Bundesjugendballett fand im Ernst Deutsch Theater eine Spielstätte. Die Verbindung aus gesellschaftlicher Relevanz und guter Unterhaltung ist noch immer das Prinzip von Daniel Schütter und Ayla Yeginer, die 2025 die Intendanz übernahmen und das Konzept des Theaters neu ausrichteten. Schütter: „Wir planen unsere Spielzeiten und Neuerungen immer mit Blick auf das Zeitgeschehen und suchen nach Möglichkeiten Theaterabende so zu gestalten, dass sie lange nachklingen, Gesprächsstoff bieten und vor allem Spaß machen. Nicht in rein komödiantischem Sinne, sondern als Erlebnis. Das können Stückentwicklungen sein, aber auch Klassiker, die wegen eines aktuellen Gesellschaftsbildes eine neue Relevanz bekommen. Wie zum Beispiel der Diener zweier Herren im Zusammenhang mit der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich. So kann eine klassische Komödie unterhalten, aber auch Impulse liefern, unsere Gesellschaftsstruktur zu überdenken.“

 

Interview: Brigitte Ehrich

 

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