Joachim Ringelnatz als Maler
„Es hat sich selbst aus mir gemalt“
Joachim Ringelnatz (1883-1934) ist heute vor allem für seine Dichtung bekannt. Skurril, humorvoll, manchmal auch ganz schön makaber. Viele kennen den Seemann Kuttel Daddeldu oder die berühmten Ameisen, die es dann doch nicht bis nach Australien geschafft haben. Aber Ringelnatz war ein Mann mit vielen Talenten, und so kann nun im Ernst Barlach Haus im idyllischen Jenischpark sein malerisches Werk und damit eine eher unbekannte Facette des Künstlers entdeckt werden.
Geboren wurde er als Hans Gustav Bötticher in Wurzen bei Leipzig. In seinem Elternhaus herrschte bescheidener Wohlstand, beide Eltern pflegten musische Interessen, auch beruflich, der Vater erschien ihm immer als unerreichbares Vorbild. Seine Schulzeit war schwierig, Ringelnatz wurde gehänselt, flüchtete in den Trotz und war als Rüpel verrufen. Er haderte zeitlebens mit seinem Aussehen und war der Meinung, dass sein Leben mit anderer Statur und Visage anders (erfolgreicher? ruhiger?) verlaufen wäre.
1901 startete er als Matrose ins Berufsleben, das immer wieder durch Zeiten der Arbeitslosigkeit unterbrochen wurde, in denen er sich mit den unterschiedlichsten Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, zum Beispiel als Wahrsagerin (!) oder Riesenschlangenträger auf dem Hamburger Dom. Später intensivierte er seine Tätigkeit als Schriftsteller und Kabarettist, allerdings mit mäßigem Erfolg. Mit Kriegsbeginn meldete er sich 1914 freiwillig zur Marine und brachte es schließlich bis zum Kommandanten eines Minensuchschiffes.
Nach Ende des Krieges veröffentlichte Bötticher zum ersten Mal Gedichte unter seinem Pseudonym Joachim Ringelnatz, der Nachname möglicherweise inspiriert vom „Ringelnass“, dem Seepferdchen in der Sprache der Seeleute, das übrigens in Ringelnatz Werk häufiger auftaucht. Um 1920 begann schließlich seine erfolgreiche Zeit als Kabarettist, was aber leider nicht zu einem finanziell sorglosen Leben führte. Gleichzeitig widmete er sich nun der Malerei, war befreundet mit den Malern Otto Dix und George Grosz und der Bildhauerin Renée Sintenis, mehrfach hat er mit ihnen gemeinsam ausgestellt. Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten endete seine Karriere: Ihm wurde ein Auftrittsverbot erteilt, seine Bücher wurden beschlagnahmt und verbrannt. 1934 starb Ringelnatz verarmt an Tuberkulose.
Als Maler war der Künstler Autodidakt. In seinen oft kleinformatigen Ölgemälden finden sich Anklänge an die Stile seiner Zeit: Neue Sachlichkeit, Magischer Realismus, Surrealismus. Manchmal wirken die Bilder fast naiv, dann wieder fantastisch – oder einfach irgendwie der realen Welt enthoben. Tiere sind ein häufiges Thema, aber auch Himmel und Wolken, Zeichen der Industrialisierung, einsame Landschaften, die Schifffahrt – und Trinkgelage. Über vielen seiner Bilder liegt eine romantische, oft melancholische Atmosphäre, wie sie auch in seiner Dichtung immer wieder zu finden ist.
Vielleicht war Ringelnatz als Poet ja der größere Künstler, aber sein malerisches Werk berührt tief und lohnt, entdeckt zu werden.
„Joachim Ringelnatz als Maler“, bis 7. Februar 2027, Ernst Barlach Haus, Jenischpark, Baron-Voght-Str. 50 A, 22609 Hamburg, Di – So 11 – 18 Uhr, 24./31.12. geschl. Kostenlose öffentliche Führungen durch die Ausstellung (nur Museumseintritt, ohne Anmeldung) finden jeden Sonntag um 12 Uhr statt. Weitere Informationen auf www.barlach-haus.de.