Keine Aufstiegsgeschichte
Der Autor und Regisseur Marco Damghani bringt Olivier Davids autobiografischen Roman in Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Ernst Deutsch Theaters auf die Bühne.
Wer in Armut geboren wird und in sozial schwierigen Verhältnissen aufwächst, findet oft nicht den Weg aus der Misere heraus. Der Journalist Olivier David hat das selbst erfahren und verarbeitete seine Jugend und seine frühen Erwachsenenjahre in einem Buch, seinem ersten: „Keine Aufstiegsgeschichte: Warum Armut psychisch krank macht“. Es ist eine Mischung aus Autobiografie, Wissenschaft und Journalismus.
Wie bringt man das spannend und lebendig auf die Bühne? Vor dieser Frage stand der 33 Jahre junge Regisseur Marco Damghani, als er vor zwei Jahren mit der Arbeit daran begann. „Ich mag es nicht, wenn man im Theater von Sachen redet, von denen man keine Ahnung hat. Besonders, wenn es um Armut oder Krankheit geht. Und ‚arm spielen‘, finde ich ganz furchtbar“, sagt er und startete zunächst einen Workshop mit dem Ensemble des Ernst Deutsch Theaters.
Was hat euch an dem Buch interessiert? Seid ihr selbst von ähnlichen Problemen betroffen wie der Autor des Buches? Unter solchen Aspekten wurde improvisiert, wurden Szenen vorgeschlagen und Texte entwickelt. „Sich darüber Gedanken zu machen, wie die Welt bestellt ist, was für Wünsche und Hoffnungen man mit sich herumträgt, auszuloten, was davon in das Stück passt – so haben wir uns dem Themenkomplex genähert, ausgehend von dem Buch“, erklärt Damghani.
Darin erzählt Olivier David von seinem ärmlichen Leben in Hamburg-Altona mit einer alleinerziehenden, psychisch labilen Mutter. Er schafft das Fachabitur nicht, er leidet unter Panikattacken und Depressionen. Inzwischen hat es der 38-Jährige in ein geregeltes Leben geschafft. Als Aufstiegsgeschichte betrachtet er das allerdings nicht unbedingt. Als freier Journalist und Autor muss er ständig um seine Existenz kämpfen.
„Das Buch ist ein erzählendes Sachbuch, da wird viel Wert auf Fakten und Erklärungen gelegt. Im Stück folgen wir eher der Hauptfigur bei ihren Abenteuern“, meint Damghani, der selbst auch Autor von Theaterstücken ist. Er fokussierte die Handlung in Zusammenarbeit mit dem in Hamburg lebenden David auf einen einzigen Tag. Die Hauptfigur Olivier soll am Abend einen Literaturpreis verliehen bekommen. „Im Laufe des Tages sehen wir immer wieder, wie er scheitert.“ Er muss sich um seine Mutter kümmern, ein Freund erwartet Hilfe, und als er einen Brief abschicken will, sind alle Briefkästen abgefackelt. „Es ist ein Spießrutenlauf, durch den er sich hindurch navigiert.“ Dazu gibt es viel Lokalkolorit mit Szenen im sozialen Brennpunkt Steilshoop, in Altona und am Hafen. Das Ganze würzt Damghani mit einer Prise Humor. „Das ist, als wenn man Medizin mit einem Löffel Honig verabreicht. Wenn man Spaß hat im Theater, ist das doch viel wirksamer, als wenn man nur immer ‚schlimm, schlimm‘ sagt.“
Auch Marco Damghanis Lebensgeschichte ist nicht ohne Aufstiegsdramatik. Sein Vater kam als Flüchtling aus dem Iran nach Deutschland, seine Mutter war die erste in ihrer Familie, die studiert hat, sein Großvater hatte eine Kneipe in Finkenwerder. „Als Kunstschaffender verdiene ich auch nicht das große Geld. Aber ich hatte das Glück, dass mich viele Leute gefördert haben.“ Für seine Stückentwicklungen wurde er schon mehrfach preisgekrönt. Am Berliner Maxim Gorki Theater inszenierte er zuletzt im November 2025 sein Stück „Die Allerletzten“.
„Wir vergessen manchmal, dass es ganz viele Menschen gibt, die es nicht nach oben schaffen“, meint er. „Und wir sollten nicht so tun, als sei alles für jeden möglich. Eine Krankheit oder Schulden, das sind Stolpersteine, die man nicht immer überspringen kann. ‚So ist die Welt halt' hört man dann oft. Aber das glaube ich nicht. Ich denke, wir müssen uns selbst die Frage stellen, in welcher Welt wir leben wollen und wie wir dort hinkommen.“ Er möchte, dass Orte wie das Theater als Raum der Gesellschaft genutzt werden, um einander zu begegnen, und um Welten, die einem fremd sind, zu sehen und ein bisschen besser zu verstehen.
Brigitte Ehrich
Karten für die Aufführung finden Sie im Ticketshop